5 Finde ich gut

Bundeskanzler-Stipendium: Mit dem Fahrrad durch Europa

João Paulo Amaral liebt seine Heimatstadt São Paulo. Und er liebt sein Fahrrad. Doch wie passen Großstadt und Fahrradfahren zusammen? Der Umwelt- und Fahrradaktivist aus Brasilien hat sich mit Unterstützung des Bundeskanzler-Stipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung die „Fahrradfreundlichkeit“ in Europa angeschaut.

Er kann sich noch gut an die Geschichte erinnern, die ihn nach Deutschland gebracht hat. Es war auf einer der überfüllten Straßen São Paulos und der Autofahrer war sehr aufgeregt: „Hey, wir sind doch nicht in Europa! Wieso bist du hier mit dem Fahrrad unterwegs?“ João Paulo Amaral, Fahrradaktivist und studierter Umweltmanager, nahm ihn beim Wort: „Ok, dann gehe ich nach Europa und sehe mir die Fahrradkultur dort an.“

Gesagt, getan. Ein Jahr lang tourte João Paulo Amaral, genannt JP, durch Europa. Und zwar mit dem Fahrrad. 46 Städte in 15 Ländern – von Portugal bis Polen – hat er sich angesehen und auf ihre Fahrradtauglichkeit getestet: Darunter waren Millionenstädte wie Hamburg und München, Fahrradstädte wie Amsterdam, Kopenhagen oder Münster und autofreundliche Städte wie Bochum.

João Paulo Amaral hat Umweltmanagement an der Universität São Paulo studiert. Er arbeitet als Berater und Projektkoordinator im Bereich Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit. Von 2015 bis 2016 war er Bundeskanzler-Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung. Mit dieser Förderung hat er bei seinem Gastgeber Dr. Christian Ernst am Zeitpfeil-Studienwerk Berlin-Brandenburg zum Thema „Brazil and Germany Cycling Together: Bicycle as a Tool for Social Change in Cities“ geforscht.

Er sprach mit Politikern vor Ort, traf sich mit Fahrradinitiativen und erkundete die Stadt per Rad. Gibt es ausreichend Informationen für die Fahrradfahrer? Wie ist die Infrastruktur? Wo kann ich mein Rad abstellen? Und wie sicher fühlt es sich an, die Straße mit den Autos zu teilen?

JP erfuhr, wie Fahrräder in europäischen Städten eingeplant werden – ganz anders als in Lateinamerika: Während in Europa die Verkehrsplanungen von Politik und Verwaltung vorgegeben werden, ist es in seiner Heimat die Zivilgesellschaft, die Forderungen erhebt und Lösungsvorschläge anbietet.

Das Bundeskanzler-Stipendium als Chance

Ermöglicht hat ihm seine Erkundungstour quer durch Europa das Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung. Mit diesem Programm können junge Hochschulabsolventen aus Brasilien, China, Indien, Russland und den USA ihr Projekt bei einem selbstgewählten Gastgeber in Deutschland umsetzen.

Für JP war es eine großartige Chance. Acht Jahren arbeitete er schon daran, wie man die Städte in Brasilien fahrradfreundlicher machen kann. Das Bundeskanzler-Stipendium war für ihn das perfekte Programm, zu lernen, wie europäische Städte damit umgehen. Dr. Christian Ernst am Zeitpfeil-Studienwerk Berlin-Brandenburg wurde Gastgeber für ihn und sein Forschungsprojekt „Brazil and Germany Cycling Together: Bicycle as a Tool for Social Change in Cities“.

Bundeskanzler-Stipendium in Deutschland für Nachwuchsführungskräfte

Bike Anjo – die Fahrradengel aus Brasilien

Für dieses Projekt konnte JP schon einiges an Erfahrung mitbringen. Er ist engagierter Fahrradaktivist und arbeitet für Bike Anjo – zu Deutsch „Fahrradengel“. Bike Anjo ist ein Netzwerk leidenschaftlicher Fahrradfahrer, die anderen Menschen ganz praktisch dabei helfen, wie man in großen Städten mit dem Fahrrad fahren kann.

Seine neuen Erfahrungen und Kontakte kann JP auch für Bike Anjo nutzen. Die wichtigste Erkenntnis für ihn: Entscheidend ist es, den kulturellen Wandel hin zu einer Fahrradkultur und einer nachhaltigen Stadtentwicklung zu stärken. Es ist mehr nötig, als praktische Lernhilfen zu geben. Ein grundsätzlicher Wandel braucht auch Veränderungen im staatlichen Handeln.

Über die Internet-Plattform Bike Anjo können Menschen einen „Fahrradengel“ finden, der ihnen hilft, Fahrradfahren zu lernen und ihnen zeigt, wie sie mit dem Fahrrad zu ihrem Arbeitsplatz kommen können und wie sie sich im Großstadtdschungel mit dem Fahrrad am besten bewegen. Bike Anjo gibt es mittlerweile in 28 Ländern. Mehr als 6.000 Freiwillige in mehr als 600 Städten bieten ihre Hilfe an.

Fahrradfreundliche Städte: „Wir bewirken sozialen Wandel“

Aber was ist eine fahrradfreundliche Stadt? Für JP ist es mittlerweile ganz klar: Eine nachhaltige, zukunftsfähige Stadt ist ein Ort, an dem sich die Bürger wohl und zu Hause fühlen. Eine Stadt, die man nicht nur durchqueren oder zum Arbeiten aufsuchen will, sondern in der man verweilen möchte. Und das Wichtigste? Eine fahrradfreundliche Stadt vermittelt Sicherheit und macht es einfach und angenehm, Fahrrad zu fahren.

Mittlerweile ist JP wieder in Brasilien. Neben den Erfahrungen und Erkenntnissen, die ihm seine Reise durch Europa gebracht hat, sind vor allem die Menschen, die er dabei kennengelernt hat, eine Bereicherung. „Das Stipendium hat mir ein großes Netzwerk an Menschen geschenkt, mit vielen Möglichkeiten zu lernen, sich auszutauschen und sich zu verbinden.“

Eines seiner neuen Projekte: „Bicyles in the Plans“. Der Leitfaden soll interessierten Bürgern, Initiativen, Kommunalbeamten und Politikern dabei helfen, Fahrräder und Fahrradfahrer in die Stadtplanung aufzunehmen und ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Städte fahrradfreundlich zu gestalten, ist für JP aber viel mehr, als lediglich die Verkehrspolitik zu ändern. Es ist auch ein Schritt auf dem Weg zur sozialen Gerechtigkeit. Denn Städte sind nicht nur eine Ansammlung von Häusern, sondern können zum Ausgangspunkt nachhaltiger Entwicklung werden: „Wir schaffen nicht nur eine Fahrradkultur, sondern wir bewirken sozialen Wandel“.

Autorin:Sabine Giehle

Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung

Junge Akademiker mit ersten Führungserfahrungen, Impulsgeber und Multiplikatoren aus den USA, aus Russland, China, Brasilien und Indien sind eingeladen, ein Jahr nach Deutschland zu kommen, um andere Nachwuchsführungskräfte kennenzulernen und nach neuen Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu suchen. Mit dem Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung erhalten bis zu 50 junge Menschen die Möglichkeit, ihr Projekt an einer selbstgewählten Gastinstitution in Deutschland umzusetzen. Bewerbungen für das Bundeskanzler-Stipendium können jeweils bis zum 15. September eingereicht werden. 

Jetzt bewerben!

März 2018

Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Möglicherweise unterliegen zusätzliche Inhalte wie Bilder und Videos jeweils zusätzlichen Bedingungen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit den Nutzungsbedingungen und der Datenschutzrichtlinie einverstanden. Zudem gilt folgende Regelung für die korrekte Benennung der Urheber und Quelle sowie Übersetzungen.

Kommentare

APD Redaktionsteam
21. März 2018

Liebe Laidi lilia, lieber Issifou D. Souleadowa,

der Länderfokus im Bundeskanzler-Stipendium hat etwas mit der Entstehungsgeschichte des Programms zu tun. Das Bundeskanzler-Stipendienprogramm wurde 1990 unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzler Helmut Kohl zur Förderung der transatlantischen Partnerschaft zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den USA ins Leben gerufen. Im Jahr 2002 wurde das Programm auf Initiative von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf die Russische Föderation, 2006 auf Initiative von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Volksrepublik China und schließlich 2013 auf Brasilien und Indien ausgeweitet.

Für die anderen Programme der Alexander von Humboldt-Stiftung gibt es in der Regel keine Quoten, weder für einzelne Länder noch für einzelne akademische Disziplinen.

Herzliche Grüße

Ihr Alumniportal Deutschland Team

Laidi lilia
21. März 2018

Aber warum wird dieses Stipendium nur den jenigen aus Brasilien, China, Russland, Indien und USA gegeben.

Issifou D. SOULEADOWA
21. März 2018

Es ist einfach grossartig, was mit dem Programm unternommen und erreicht wird!
Gratulation! Bekommen Sie unseren vollständigen Beifall.
Nur..., bitte, Städte Afrika's nicht vergessen! Möge Der Herr Deutschland schützen!

Jetzt kommentieren