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Exotische Studiengänge: Orchideenfächer haben ein enormes Potenzial

Exotische Studiengänge, manchmal freundlich als „Orchideenfächer“ bezeichnet und manchmal weniger charmant als „Zwergwissenschaft“, haben durchaus ihre Berechtigung. Einige dieser kleinen Fächer erleben sogar eine erstaunliche Entwicklung und bieten reichlich Potenzial für Interdisziplinarität und Internationalisierung.

Wer weiß schon, dass man Albanologie, Onomastik, Logik, Kristallographie oder Gerontologie studieren kann? Und Studierende dieser „kleinen Fächer“ werden oft gefragt, wie es um die Berufsaussichten steht – schnell fallen Begriffe wie „brotlose Kunst“. Dass exotische Studiengänge zu spannenden Berufen führen können und manche Orchideenfächer sogar aus ihrem Nischendasein herauskommen, zeigt das Beispiel Informatik.

Informatik: Vom Nischendasein zur Popularität und wieder zur Spezialisierung

Noch vor vierzig Jahren konnte man das Fach Informatik nur an wenigen Universitäten in Deutschland studieren. Die Universität Karlsruhe bot im Wintersemester 1969/70 erstmals ein Vollstudium des damals exotischen Studienganges Informatik an. Und heute? Rund 150 Universitäten und Fachhochschulen bieten Informatik in Deutschland an. Fast 50.000 Studierende hatten sich 2011 für dieses einstige Orchideenfach immatrikuliert.

Aber eben nicht nur für Informatik, denn den Studentinnen und Studenten öffnet sich inzwischen ein breites Spektrum an Spezialisierungsmöglichkeiten: Bioinformatik, Geoinformatik, Wirtschaftsinformatik, Digitale Medien, Medieninformatik, Verkehrsinformatik – also eine Spezialisierung auf allen erdenklichen Gebieten. Informatik erlebt derzeit eine Fragmentierung in kleine Einzelbereiche.

Enormes Potenzial exotischer Studiengänge dank Spezialisierung

Das Fach Informatik hat sich aus seinem Nischendasein weiter entwickelt, denn ohne Computer und Informationstechnologie geht es heute nicht. Und so entstehen durch exotische Studiengänge weitere neue Berufsfelder, wie das Computermagazin c‘t beschreibt: „Oftmals bilden diese Fächer eine Verschmelzung von bereits vorhandenen Disziplinen wie etwa die medizinische Informatik, die sich um Lösungen für den Einsatz von Computern in der Humanmedizin bemüht.“ Und dank der Spezialisierung haben Absolventen sogar sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Im Abschlussbericht zum Projekt „Fortsetzung der Kartierung der sog. Kleinen Fächer“ betonen die beteiligten Wissenschaftler das enorme Potenzial der exotischen Studiengänge. Sie leisten viel bei der „Internationalisierung der Wissenschaftsgemeinschaft“. Und an den Universitäten sind es gerade die „Orchideenfächer“, die die Zusammenarbeit von Fachdisziplinen stärken.

Orchideenfächer: Vorteile exotischer Studiengänge

Der Begriff „Orchideenfächer“ ist entstanden, weil Orchideen früher als exotisch und zumindest in Deutschland als selten galten – das war, bevor Containerschiffe die farbenprächtigen Blumen als Massenware ins Land brachten. Ein Studienfach wird so bezeichnet, wenn an einer Universität maximal drei Professuren dazu existieren oder wenn es an unter zehn Prozent der Universitäten angeboten wird.

Das Fach Logik ist so ein Beispiel: Der wohl kleinste exotische Studiengang wird an der Universität Leipzig als Masterstudiengang angeboten und nimmt gerade mal sieben Studierende auf. Manchmal bewerben sich sogar weniger Interessierte. In solch einer überschaubaren Runde ist das Studieren anspruchsvoll und gleichzeitig Luxus, denn überfüllte Hörsäle kennt man hier nicht. Bisher haben die fertigen Logik-Studenten nach Ihrem Studium alle einen Job gefunden, etwa bei Banken oder Softwarefirmen.

Uni-Exoten: Orchideenfächer an der Universität Leipzig

Exotische Studiengänge fördern die Interdisziplinarität

Diejenigen, die noch studieren, arbeiten als Tutoren in anderen Fächern wie Philosophie oder Linguistik. Dank dieser interdisziplinären Arbeitsweise ist der Studiengang Logik in Leipzig sehr gut angesehen.

Das bestätigt auch Mechthild Dreyer, Professorin für Philosophie und Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie ist dort verantwortlich für die Arbeitsstelle „Kleine Fächer“. An ihrer Universität gibt es 40 solcher „Orchideenfächer“, die entscheidend das Profil der Hochschule mitprägen und sehr viel Potenzial für Wissensinnovationen haben.

Fazit: Orchideen sind nicht nur exotisch, sie sind auch ausdauernd und blühen viele Monate. Ähnlich ausdauernd sind – und das müssen sie wohl auch sein – die exotischen Studiengänge. Und einige wie die Informatik setzten sich schließlich durch.

Oktober 2013

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