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Flüchtlinge an deutschen Hochschulen – Herausforderungen und Chance

Bisher ist der große Ansturm auf die Universitäten ausgeblieben, doch 2016 könnten bis zu 50.000 Flüchtlinge ein Studium an einer deutschen Hochschule aufnehmen wollen. Die Universitäten rüsten sich für diese Aufgabe. Völlig neue Wege geht eine private, von Studenten initiierte Neugründung.

2016 könnten Hochrechnungen zufolge bis zu 50.000 Flüchtlinge ein Studium in Deutschland anstreben. Zweifellos keine kleine Herausforderung, vor der die Hochschulen stehen. Vor großen Herausforderungen stehen aber auch die Studienanwärter selbst. Nicht immer reichen die Deutschkenntnisse und manchmal fehlen auch die nötige Zeugnisse und Dokumente, um sich für einen Studienplatz zu bewerben. Das Social Start-up „Kiron“, eine private Neugründung, möchte Flüchtlingen den Weg ins Studium erleichtern und konnte bereits international hochkarätige Universitäten für eine Kooperation gewinnen.

Viele Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind, haben in ihren Heimatländern schon studiert oder wollten ein Studium beginnen. Wer hier weiter studieren möchte, soll die Möglichkeit dazu erhalten. Da stellt sich die Frage: Wie können Hochschulen die Flüchtlinge unterstützen, die hier in Deutschland studieren wollen?

Das Selbstverständnis der deutschen Wissenschaft ist international. Deutsche Universitäten eröffnen Verbindungsbüros in New York oder Singapur und werben um Studierende aus aller Welt. Deshalb haben sich die Hochschulen und ihre Studierenden auch sehr früh mit Hilfsangeboten für Flüchtlinge engagiert.

Mittlerweile dürfte es kaum noch eine Universität im Lande geben, an der es keine studentisch organisierten Sprachkurse oder studentische Rechtsberatung für Geflüchtete gibt. Auch die Mentorenprogramme für Flüchtlinge, die hier ein Studium aufnehmen wollen, wurden in vielen Fällen von Studierenden ins Leben gerufen und werden jetzt von den Universitäten und Wissenschaftsorganisationen unterstützt.

Zukunftsperspektiven für Flüchtlinge durch Bildung

Auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat sich zum Ziel gesetzt, Flüchtlingen in Deutschland durch Bildung eine echte Zukunftsperspektive zu bieten. Eine gute Betreuung ist wichtig, damit Flüchtlinge gut an der Hochschule ankommen und sich in den Studienalltag einfinden können. Der DAAD unterstützt die Hochschulen zum Beispiel dabei, zusätzliche Plätze an Studienkollegs anzubieten, in denen Flüchtlinge gezielt und fachspezifisch auf ihr Studium vorbereitet werden. Das Geld dafür stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zur Verfügung. Allein in diesem Jahr 27 Millionen Euro.

Insgesamt werden in den nächsten vier Jahren 100 Millionen Euro für Projekte zur Integration von Flüchtlingen an den Hochschulen (Integra) aufgewendet. Dazu gehören Sprachkurse ebenso wie Tutorien oder Mentoreninitiativen. Über das Programm „Welcome – Studierende engagieren sich für Flüchtlinge“ werden zusätzliche studentische Hilfskräfte zur Betreuung Geflüchteter an den Hochschulen finanziert.

Finanzielle und bürokratische Hürden werden abgebaut

Zur Finanzierung des persönlichen Lebensunterhalts können Geflüchtete für die Zeit ihres Studiums oder einer betrieblichen Ausbildung seit dem 1. Januar 2016 bereits nach 15 Monaten Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BaföG) beantragen. Zuvor gab es hier eine Wartezeit von vier Jahren. Für Studierende beträgt der BaföG-Höchstsatz inklusive eines Zuschlags für die Kranken- und Pflegeversicherung derzeit monatlich 670 Euro. An der fehlenden finanziellen Unterstützung soll ein Studium in Deutschland also nicht scheitern.

Viele Flüchtlinge können Zeugnisse und andere Nachweise über ihre Vorqualifikation nicht vorlegen, weil sie in den Wirren des Krieges in ihrer Heimat oder auf der Flucht verlorengegangen sind oder sie qualifizierende Ausbildungsabschnitte gar nicht erst beenden konnten. Deshalb hat man an vielen Hochschulen die Möglichkeiten geschaffen, das Studium bereits zu beginnen, obwohl solche Nachweise noch fehlen.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat vereinbart, dass für den Fall, dass Papiere fehlen, die persönliche Eignung der Bewerber in einem dreistufigen Verfahren geprüft werden soll. Nach der Feststellung des Aufenthaltsstatus wird dazu die Bildungsbiografie auf ihre Plausibilität hin untersucht. Das geschieht zum Beispiel durch Interviews, die man mit den Bewerbern führt. In Zweifelsfällen soll es einen Zugangstest geben.

„Kiron Crowdfunding Campaign“ (September 2015)

Alternativer Einstieg ins Studium: „Kiron Open Higher Education“

Einen völlig neuen Weg für Flüchtlinge ins Studium bietet das Social Start-up „Kiron Open Higher Education“. Diese studentische Neugründung ist durch Crowdfunding und Spenden privater Stiftungen möglich geworden. Sie hat ihren Hauptsitz in Berlin und Repräsentanzen in München, Brüssel und Istanbul. Auch wenn „Kiron“ selbst keine staatlich anerkannte Universität ist, sollen die hier erworbenen Leistungspunkte von deutschen Partnerhochschulen wie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und der Hochschule Heilbronn bei einem späteren Wechsel angerechnet werden. Aufgenommen werden kann das Studium auch ohne Ausbildungsnachweise oder eine Zugangsprüfung. Die fehlenden Zeugnisse können in den ersten zwei Jahren nachgereicht, also wenn nötig auch neben dem Studium noch erworben werden.

Während dieser Zeit stehen Onlinekurse auf dem Programm, die den Studierenden nicht nur in Deutschland, sondern von überall auf der Welt kostenfrei offen stehen. Diese englischsprachigen Massive Open Online Courses (MOOCs) bietet die „Kiron University“ in Kooperation mit deutschen und internationalen Hochschulen an, darunter so renommierte Universitäten wie Harvard, Yale oder Stanford. Bei einzelnen Präsenzveranstaltungen besteht aber auch die Möglichkeit zum persönlichen Austausch. Das Angebot für Flüchtlinge erstreckt sich derzeit auf die Fächer Architektur, Ingenieurwissenschaften, Informatik, Wirtschaft und Interkulturelle Studien. Wer genügend Leistungspunkte gesammelt hat, soll das Studium im dritten Jahr ganz regulär an einer der Partneruniversitäten fortsetzen und mit dem Bachelor abschließen können.

Für ihren „vorbildlichen Einsatz von Blended Learning – einer Kombination aus Online- und Präsenzlehre – und die soziale Ausrichtung“ wurde „Kiron“ im Oktober 2015 mit der „Hochschulperle digital“ des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnet. Das Projekt zeige, so die Jury, „dass mit technischen Möglichkeiten und der sinnvollen Kombination aus Online- und Präsenzlehre Flüchtlinge nach ihren Bedürfnissen und Voraussetzungen ein Studium aufnehmen und absolvieren können. Ein großer Schritt zu mehr Chancengerechtigkeit und Integration.“

März 2016

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Kommentare

ibrahim mohamed
30. März 2016

viellen dank

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