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MINT-Fächer: Frauenstudiengänge schaffen Selbstvertrauen

Hier sind sie unter sich: Frauen, die „Wirtschaftsingenieurwesen“ an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven studieren oder „Informatik und Wirtschaft“ an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Doch welche Vorteile haben Frauenstudiengänge?

Deutschland hat ein Problem: Es gibt besonders in den technischen Berufen zu wenige Bewerber. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlen im MINT-Bereich fast 210.000 Fachkräfte. MINT steht für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Wenn sich mehr Frauen für diese Berufe und Studienfächer begeistern würden, könnte die Fachkräfte-Lücke zumindest zum Teil geschlossen werden. Daher sollen Frauen für MINT-Berufe verstärkt angesprochen werden. Manche Hochschulen gehen dabei ungewöhnliche Wege und bieten spezielle Frauenstudiengänge an. Sie werben so gezielt um weiblichen Nachwuchs.

Frauen haben in der Regel eine größere Hemmschwelle als Männer, einen technischen Beruf zu ergreifen oder ein Studium in einem MINT-Fach zu beginnen. Das hat immer noch viel mit traditionellen – veralteten – Rollenbildern zu tun, wonach Technik und Naturwissenschaften eher für Männer geeignet seien und Frauen besser in die sozialen Berufen passen. Bei der Entscheidung von Frauen für ihre Ausbildung oder ihr Studium spielt aber auch eine Rolle, ob und wie sich später Beruf und Familie vereinbaren lassen. Darüber hinaus trauen sich viele Frauen ein Studium „allein unter Männern“ einfach nicht zu.

Frauenstudiengänge sollen Studentinnen ermutigen

„Gerade in den technischen Modulen muss man nicht versuchen, mit den Männern, die in diesem Bereich ja meist ein besseres Verständnis haben, mitzuhalten“, erklärt Jaqueline Dahl, Studentin des Frauenstudiengangs „Wirtschaftsingenieurwesen“ an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. In einem Interview in der Community des Alumniportals Deutschlande bestätigt sie, dass es Frauen oft an Selbstvertrauen fehlt. Frauenstudiengänge stärken ihrer Meinung nach das Selbstbewusstsein vieler Studentinnen: „Ich persönlich bin teilweise auch etwas unsicher, aber es fällt mir leichter, meine Unsicherheit auch anzusprechen und so diese beseitigen zu können, als ich dies vielleicht vor einer männlich dominierten Gruppe tun würde.“

Nach Informationen des didacta-Verbandes beginnt mehr als jeder zweite männliche Studienanfänger ein Studium in einem MINT-Fach. Unter den Studienanfängerinnen studiert nicht einmal jede Vierte ein derartiges Studium. In den Informatik- und Ingenieurwissenschaften liegt der Anteil weiblicher Studenten bei nur 21 bis 22 Prozent, und nur 11 Prozent schließen ihr Studium ab.

Ein Frauenstudiengang ist nicht leichter

Jaqueline Dahl findet, dass der Einstieg ins Studium im monoedukativen Studiengang leichter ist: „Das liegt jedoch nicht daran, dass wir nur Frauen sind, sondern an der Anzahl der Studentinnen in unserem Studiengang. Wir sind 21 Frauen, was uns beispielsweise in dem Modul Mathematik ermöglicht, während der Vorlesungen viele Fragen stellen zu können. Was die Anforderungen betrifft, die an uns gestellt werden, ist es jedoch nicht leichter!“

Unter den deutschen Hochschulen, die Frauenstudiengänge anbieten, ist die Jade Hochschule in Wilhelmshaven der Vorreiter: Sie war 1997 die erste Hochschule in Deutschland, an der der Studiengang „Wirtschaftsingenieurwesen“ nur für Frauen eingerichtet wurde. Vorbild sind die amerikanischen „Women's Colleges“, die auch frauenspezifische MINT-Studiengänge anbieten, denn hier gibt es keine Vorurteile nach dem Motto „Frauen und Technik“.

Higher Education Today– Women's Colleges

Ein Frauenstudiengang ist nicht leichter - Teil 2

Juliane Siegeris, Informatikprofessorin und Koordinatorin des Berliner Frauenstudiengangs „Informatik und Wirtschaft“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), erklärt in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt die Besonderheiten: Frauen diskutieren mehr und stellen mehr Fragen, deshalb ist der Frauenstudiengang darauf didaktisch und methodisch ausgerichtet. Außerdem sei das Curriculum flexibel einteilbar und dadurch familienfreundlich, denn einige der Frauen haben Kinder. E-Learning-Methoden unterstützen das Lernen in Eigenregie.

Im sechssemestrigen Frauenstudiengang der HTW Berlin werden jährlich 40 Bewerberinnen zugelassen. 2009 ging dieser Frauenstudiengang an den Start. Da ahnte man noch nicht, wie gut er von den Frauen angenommen würde. Das Konzept des Studiengangs wurde sogar von der Europäischen Union mit dem ersten „Digital Impact Organisation of the Year 2013“ gekürt.

Frauenstudiengänge: Der Erfolg ist groß, die Angebote sind eher klein

Bisher ist das Angebot an Frauenstudiengängen in Deutschland auf fünf Hochschulen beschränkt. „Die Initiative für frauenspezifische Angebote (…) scheitert oft schon an den Kosten“, erklärt Ulrike Schleier, Professorin an der Jade Hochschule Wilhelmshaven und Leiterin des Studiengangs „Wirtschaftsingenieurwesen“. Sie befürchtet auch, dass Hochschulen glauben könnten, einen „Image-Verlust“ zu erleiden, „weil das Weibliche die Hochschule abwerten könnte“.

Argumente gegen reine Frauenstudiengänge gibt es natürlich auch, etwa, dass Frauen sich später im Berufsalltag schlechter in der Männerwelt behaupten können. Daher werden an der Jade Hochschule nur die ersten drei Semester als reiner Frauenstudiengang angeboten, damit die Studentinnen mögliche Hemmungen und Berührungsängste abbauen können. Anschließend sind die Vorlesungen gemischt.

Einstieg in technische Berufe: Der Girls’ Day

Für die Bewerbung von Technikberufen und MINT-Fächern gibt es Initiativen wie den Girls’ Day – den Mädchenzukunftstag. Alljährlich im Frühjahr zeigen Unternehmen und Organisationen aus dem technischen und naturwissenschaftlichen Bereich den Mädchen und jungen Frauen, welche Chancen sie in typischen Männerberufen haben und auch, was sie dort erwartet. Für erste Arbeitserfahrungen können sie an Praktika und Schnupperkursen teilnehmen.

Solche Initiativen scheinen zu wirken, zumindest in der Informatik: Denn nach Informationen des Hightech-Verbandes BITKOM haben sich 2012 so viele Frauen für ein Informatik-Studium entschieden wie noch nie. Weit über 11.000 Studienanfängerinnen haben sich an Universitäten und Fachhochschulen eingeschrieben – ein Anstieg um rund 14 Prozent in einem Jahr. 2006 waren es nur knapp 5.000 Frauen.

März 2014

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Kommentare

Bethel Mwikali
20. Juni 2015

Great venture .

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