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Gender Studies und Gender-Thematik: Interdisziplinär, international und von wachsendem Interesse

Gender Studies sind an vielen Universitäten weltweit etabliert. Was bewegt Frauen, sich mit der Gender-Thematik zu beschäftigen? Wir haben Frauen verschiedener Nationalitäten dazu befragt.

Studierende der Gender Studies kommen wohl nicht um Simone de Beauvoir herum, die 1949 folgenden Satz formulierte: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Auch wenn sich in vielen Ländern einiges getan hat, bleibt die Gleichberechtigung von Mann und Frau eine gesellschaftspolitische Aufgabe – und zwar weltweit.

Was sind Gender Studies?

Gender Studies kann man nicht knapp definieren, wohl aber erklären: Sie erforschen die Bedeutung von Geschlecht in Wissenschaft und Gesellschaft. Sie analysieren das Verhältnis der Geschlechter in verschiedenen Bereichen und stellen es in Frage. Sie erforschen die Veränderungen, die die Geschlechterrollen im Laufe der Zeit erleben. Gender Studies entwickelten sich aus den Woman´s Studies. Diese hatten die „Frau als unterdrückte Person“ zum Thema, eine Fragestellung, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts ihren Weg von amerikanischen Universitäten nach Europa fand. Die Humboldt-Universität Berlin gehörte zu den ersten Universitäten in Deutschland, an der man Gender Studies als Studiengang belegen konnte.

Gender-Thematik und Frauenrechte in Georgien

Beginnen wir mit einem Beispiel aus Georgien. „Der durchschnittliche monatliche Mindestlohn von allen beschäftigten Männern ist um 81 Prozent höher als der durchschnittliche monatliche Mindestlohn von allen beschäftigten Frauen.“ Das schreibt Marika Kvantrishvili aus der georgischen Hauptstadt Tiflis im Exposé ihres „Handbuchs der Frauenrechte“. Mit dem geplanten Buch will sie einzelne Artikel der verschiedenen georgischen Gesetze deuten und kommentieren.

Marika Kvantrishvili leitet die Personalabteilung eines Unternehmens und legt großen „Wert auf die Verständlichkeit der Rechtsnormen für die Zielgruppe, nämlich georgische Staatsbürgerinnen“. Sie will mit diesem klassischen Gender-Thema ihren Beitrag leisten, damit alle georgische Staatsbürgerinnen lernen, welche Rechte sie haben und bestärkt werden, ihre Rechte auch wahrzunehmen.

Gender Studies als interdisziplinäre Geisteswissenschaft

Gender Studies arbeiten interdisziplinär, sie verbinden vor allem kulturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Inhalte. Für diese Interdisziplinarität ist Dr. Dewi Candraningrum ein Musterbeispiel. Sie ist Dozentin für „Muslim Women Literature“ an der Universitas Muhammadiyah Surakarta in Indonesien und hat neben dem Thema Frauenliteratur auch Gender Studies belegt. Ihr Spezialthema ist „Mainstreaming Gender using Postcolonial Muslim Women Writers in Indonesian Islamic Universities”.

Gender-Thematik in anderen Ländern – Beispiel Rumänien

„Die ersten Erfahrungen mit dem Thema Gender habe ich im Rahmen meiner Vorlesungen und Seminare für Social Entrepreneurship gemacht. Hier liegt der Fokus auf Chancengleichheit und Maßnahmen gegen Diskriminierung, die in unserem Land und europaweit auf privater und staatlicher Ebene getroffen werden“, erklärt uns Dr. Simona Agoston. Die Rumänin ist Dozentin an der Akademie für Wirtschaftsstudien in Bukarest und Koordinatorin von verschiedenen Projekten, insbesondere im Bildungsbereich.

Gender ist ihr Thema, wobei die Problematik einer geschlechtergerechten Gesellschaft im postkommunistischen Rumänien erst in den letzten Jahren im öffentlichen Diskurs eine größere Rolle eingenommen hat. „Die rumänische Gesellschaft“, sagt Simona Agoston, „ist durch eine traditionalistische Struktur geprägt, wo die Rollen der Männer und Frauen in der Gesellschaft und Familie ziemlich scharf eingeteilt werden.“ Hier gibt es bei der Frauenemanzipation zwischen Rumänien und den westlichen Ländern noch einen großen Abstand.

Gender-Thematik in Kasachstan und der Republik Moldau

Diese Situation ist auch in anderen Ländern bekannt: Frauen im gebärfähigen Alter haben hier offenbar eine geringere Chance, einen Job zu bekommen, als Männer. Denn wenn sie Kinder bekommen, koste das den Arbeitgeber Krankengeld, Schwangerschafts- und Geburtsgeld. „Deshalb bevorzugt der Arbeitgeber häufiger Männer“, beschreibt Svetlana Gvak die Situation in Kasachstan. Sie ist Finanzdirektorin bei Knauf Gips Kaptschagaj.

In Kasachstan werde das Thema Gender und die Gleichheit der Geschlechter „formal beachtet, aber es bleibt das Problem der ‚Gender-Vertikale‘. Die Frauen besitzen oft die verantwortlichen Posten auf dem unteren und mittleren Niveau im Business und dem Staatsdienst, aber sie fehlen in den hohen Ämtern“, erklärt Svetlana Gvak uns im Interview.

In der Republik Moldau hingegen, wo Rodica Pruteanu die Nichtregierungsorganisation PRO Moldova Social gegründet hat, gibt es zwar „eine solide Gesetzgebung in diesem Bereich, andererseits sind die verabschiedeten Gesetze schlecht implementiert. Die Republik Moldau bleibt immer noch ein patriarchalisches Power-System, das die Männer begünstigt. Traditionell herrscht die Meinung, dass der Platz der Frau in der Küche ist.“ Mit ihrer NGO setzt sich Rodica Pruteanu für bedürftige Menschen ein, um die Bildung im Lande zu fördern.

Erstes großes DAAD-Alumnaetreffen

Hochkarätige Rednerinnen, theoretische Hintergründe und aktueller Stand der Gender-Debatten sowie länderübergreifender Erfahrungsaustausch bestimmten das erste große DAAD-Alumnaetreffen „Ungleich gleich?! Frauen in einer geschlechtergerechten Gesellschaft“ Ende November 2013 in Bonn.

>> Interviews mit den Teilnehmerinnen des DAAD-Alumnaetreffens finden Sie in der Community-Gruppe „Gender: Karriere und Familie“.

Quereinsteiger: Gender Studies qualifizieren für viele Berufe

Die Beispiele zeigen, dass die Gender-Thematik viele Berufs- und Aufgabengebiete ermöglicht. Die interdisziplinären Gender Studies eignen sich für den Quereinstieg. Das, was Studierende als Gender-Wissen und Gender-Kompetenz erfahren, beinhaltet Schlüsselqualifikationen für Bereiche wie Personalplanung oder Gleichstellungspolitik in Organisationen und Unternehmen. Aber auch in der Bildungsarbeit, in den Medien, in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Forschung können Absolventinnen und Absolventen von Gender Studies ihr Wissen anwenden.

Haben Sie Erfahrungen mit Gender Studies oder arbeiten Sie in einem Beruf, der sich mit der Gleichstellung von Frau und Mann befasst? Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Gleichberechtigung von Frauen und Männern? Diskutieren Sie zur Gender-Thematik mit uns und anderen Alumni in der Gruppe „Gender: Karriere und Familie“.

Zur Community

Autorin: Sigrid Born

Dezember 2013

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Kommentare

Alumniportal Redaktionsteam
20. Dezember 2013

Hallo Nancy, Sie haben natürlich völlig Recht, dass "Gender Studies" auch für Männer von großem Interesse ist. Der Teaser bezieht sich ausschließlich auf die befragten Frauen, will aber nicht Männer ausschließen. Die vollständigen Interviews mit einigen der befragten Frauen können Sie übrigens in der Community nachlesen. Danke für Ihren Hinweis!
Sigrid Born

Nancy
20. Dezember 2013

Die Gender Studies haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, z.B. dass nur Frauen dieses Fach studieren und damit spiele ich auch auf den Teaser dieses Textes an: "Was bewegt Frauen, sich mit der Gender-Thematik zu beschäftigen? Wir haben Frauen verschiedener Nationalitäten dazu befragt."
Wir haben übrigens auch nicht allzu wenige Männer, die Gender Studies studieren und da muss ich jetzt auch konsequent sein und mal Partei für sie ergreifen: Mich hätte die Motivation der Männer auch interessiert. :-)

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