Im Gespräch mit Steinmeier: „Es war schön, gehört zu werden“

Die brasilianische DAAD-Stipendiatin Isabella Montini hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum digitalen Gespräch getroffen. Mit ihm hat sie über die Herausforderungen für internationale Studierende während der Corona-Pandemie gesprochen.

Frau Montini, der Bundespräsident wollte von Ihnen und weiteren Studierenden wissen, wie es Ihnen derzeit mit dem Studium geht. Was ist Ihnen nach dem Treffen besonders in Erinnerung geblieben?

Vor allem seine ehrliche Aufmerksamkeit für uns. Er und seine Frau Elke Büdenbender wollten wirklich erfahren, welche Schwierigkeiten wir haben und wie es uns mit der Lehre geht. Junge Menschen bekommen momentan wenig Aufmerksamkeit. Deshalb war es schön, gehört zu werden. Von mir wollte er stellvertretend für internationale Studierende hören, was uns bewegt.

Was haben Sie ihm gesagt?

Die größte Herausforderung für mich als DAAD-Stipendiatin ist es, mein Studium in der Regelstudienzeit zu schaffen. Viele Lehrkräfte sind im vergangenen Sommersemester gar nicht in die Online-Lehre eingestiegen, weil sie dachten, das geht alles schnell wieder vorbei. Also konnte ich kaum Kurse belegen, die Plätze waren begrenzt. Ich habe Glück und schaffe mein Studium trotzdem rechtzeitig. Einige meiner internationalen Freunde aber nicht. Für sie war es schwierig, sich ohne Stipendium zu finanzieren. Sie sind deshalb nach Hause geflogen.

Viele Studierende beklagen eine Online-Müdigkeit. Wie gut ist die digitale Lehre mittlerweile?

Es ist sehr schwierig, zwölf bis 16 Stunden am Tag zu Hause vor dem PC in einem kleinen Zimmer zu arbeiten. In meinem Fach Sozialwissenschaft muss ich viele Hausarbeiten schreiben und bin abhängig von Bibliotheken, die alle geschlossen haben. Ich muss alles über das Internet recherchieren. Außerdem fehlt der Austausch mit den Lehrenden.

Als Tutorin für Erstsemester-Studierende kennen Sie auch die Perspektive der Lehrkräfte. Was fehlt in der digitalen Lehre?

Die meisten Studierenden lassen ihre Kameras aus. Dadurch habe ich manchmal das Gefühl, ich rede mit einem schwarzen Loch. Es kommt wenig zurück. Als Studentin lasse ich deshalb immer meine Kamera an, weil ich weiß, dass es den Dozierenden hilft. Sozialwissenschaft lebt vom Austausch mit anderen Menschen.

Wer ist Isabella Montini

Die 22-jährige Studentin hat in ihrer Heimatstadt São Paulo in Brasilien die deutsche Schule besucht. Seit 2018 ist sie Stipendiatin des DAAD und studiert im fünften Semester Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Derzeit bewirbt sie sich für ein Masterstudium in Politikwissenschaft. Montini strebt eine akademische Karriere und einen Professorinnen-Titel an. Ihr Fokus liegt auf Ungleichheitsforschung im geografischen Raum Lateinamerika.

Auch das Studentenleben fällt weg. Gemeinsam in die Mensa zu gehen, Kaffee zu trinken und zu feiern bedeutet ja nicht nur Spaß zu haben, sondern auch, ein Netzwerk zu bilden, das später beruflich bedeutend sein kann. Sorgt Sie das?

Als Corona losging, war ich gerade dabei, Freundschaften zu schließen. Mittlerweile gibt es kaum mehr Möglichkeiten, sich persönlich auszutauschen. Unsere Eltern sagen, an der Uni hatten sie die beste Zeit ihres Lebens. Das ist für uns nicht so. Ich habe das Gefühl, meine Freundschaften und mein Netzwerk in Deutschland liegen brach.

Wir erleben derzeit einen weltweiten Ausnahmezustand. Wie ist es für Sie, in dieser Situation so weit weg von zu Hause zu sein?

Brasilien ist von der Pandemie schwer betroffen. Ich habe das Gefühl, zwischen mir und meiner Familie liegt eine halbe Weltreise. Trotzdem wollte ich nicht zurück nach Hause als ich es noch konnte. Aus Angst, dann nicht mehr nach Deutschland zurückzukönnen. Ich bin als DAAD-Stipendiatin privilegiert, habe eine Förderung und einen Job an der Uni. Meine Familie muss sich finanziell nicht um mich sorgen. Ein Freund von mir ist nach Brasilien zurückgekehrt und muss jetzt jeden Tag um drei Uhr früh aufstehen, um an den Online-Seminaren seiner deutschen Uni teilnehmen zu können.

Was hilft Ihnen durch diese schwierige Zeit?

Ein fester Tagesablauf und jede Woche so viele Termine wie möglich zu vereinbaren. Ich mache online Yoga- und Tanzkurse, ernähre mich gesund und halte Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden.

Gibt es auch etwas Positives, das Sie als Sozialwissenschaftlerin in dieser Situation sehen?

Ich habe das Gefühl, Solidarität und Empathie sind derzeit sehr wichtig. Das Gefühl, dass wir zusammen in dieser schwierigen Lage sind, verbindet uns. Wir sorgen uns um unsere Mitmenschen und wertschätzen zwischenmenschlichen Kontakt mehr als vorher. Ich hoffe, dass wir uns das für die Zukunft behalten.

Interview: Eva Lindner

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März 2021

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