Deutschland: das Land der Ideen und Sehnsüchte

COVID-19 betrifft uns alle, doch besonders schwierig ist die Situation für internationale Studierende, da sie fernab ihrer Heimat und dementsprechend stärker isoliert sind. Sie versuchen, ihr Studium so gut es geht fortzusetzen, aber es fehlen Präsenzveranstaltungen, soziale Kontakte und Vernetzungsmöglichkeiten. Überall auf der Welt haben die meisten Hochschulen ihre Anwesenheitspflichten und Campusbestimmungen gelockert und bieten ihren Studierenden auch Online-Beratungen an.

Fernunterricht ist in manchen Fachrichtungen eine sinnvolle Alternative, in anderen weniger. Regelmäßige Lehrveranstaltungen können vielleicht online stattfinden, aber der Zugang zu Bibliotheksmedien und anderen Dienstleistungen sowie der Kontakt zu Lehrkräften und Mitstudierenden stellt eine Herausforderung dar. Eine Befragung unter Studierenden und Lehrenden an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ergab, dass Online-Kurse nur eine Übergangslösung sein können und Präsenzveranstaltungen unersetzlich sind. Eine gute Kompromisslösung, von der alle Studierenden profitieren, ist das integrierte Lernen.

Dhruv Khattar, Master-Student der Bildungswissenschaft in Freiburg, betont: „Die größte Schwierigkeit beim Fernunterricht ist die kulturelle Veränderung. Die Lernatmosphäre und die Kultur der Universität (und des Landes) lassen sich über einen Computerbildschirm nicht so leicht erfassen.“ Dieses Problem kann Studierende frustrieren. Als möglichen Ausweg könne man ihnen beibringen, in den ersten Semestern nur kleine Schritte zu gehen und die Messlatte nicht zu hoch anzusetzen, rät Khattar.

Deutschland beliebt bei indischen Studierenden

Eine weitere hilfreiche Lösung für internationale Studierende zeigt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) auf. Der DAAD ist eine der wichtigsten Stipendienorganisationen der Welt für den internationalen Austausch von Studierenden und Forschenden. Da noch nicht in jedem Fall klar ist, ob und wann Menschen aus bestimmten Herkunftsländern wieder problemlos nach Deutschland einreisen können, gibt der DAAD seinen Stipendiatinnen und Stipendiaten die Möglichkeit, ihr Stipendium online von ihrem Heimatland aus anzutreten. Alternativ kann das Stipendium auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden, sofern die Einreise nach Deutschland derzeit ausgeschlossen ist. Außerdem versorgt der DAAD internationale Studierende proaktiv mit Informationen zu Corona, Studien und Analysen.

Am Beispiel Indien lässt sich demonstrieren, warum die Unterstützung internationaler Studierender so wichtig ist. Die Zahl indischer Studierender an deutschen Hochschulen ist in jüngster Zeit rasant gestiegen, nämlich um über 20 Prozent in den letzten Jahren. Studierende aus Indien integrieren sich in die deutsche Kultur und Gesellschaft und finden rasch eine Anstellung bei deutschen Unternehmen, wo sie ihren Ambitionen und Leidenschaften nachgehen können. Damit sind sie ein wichtiges Gut – für das Aufnahme- wie für das Herkunftsland.

Als Global Citizens und Botschafter der internationalen Community stellen indische Studierende ein echtes Humankapital im positiven Wortsinn dar. Mit ihrer Energie, Kreativität und Vernetzung tragen sie zum Aufbau von Communitys bei. Und trotz COVID-19 ist das Interesse ausländischer Bewerber an einem Studienaufenthalt in Deutschland ungebrochen, wie das Statistische Bundesamt vermeldet. Derzeit sind über 400.000 internationale Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben.

Entstehung eines Netzwerks aus internationalen Studierenden

Allerdings stehen internationale Austauschprogramme durch die Corona-Pandemie potenziell unter Druck. Diese Befürchtung äußerten Vertreter der sogenannten PASCH-Schulen kürzlich auf einer Konferenz in Delhi. Die PASCH-Initiative ist ein Netzwerk von mehr als 2.000 Schulen in aller Welt, an denen der Deutschunterricht eine prominente Rolle spielt.

In Indien gibt es 47 PASCH-Schulen mit rund 16.000 Schülerinnen und Schülern. Auf der Konferenz in Delhi waren sich die PASCH-Schulleitungen mehrheitlich einig, dass Alumni eine kritische Bedeutung zukommt. Sie sind die authentischste Berichts- und Inspirationsquelle für aktuelle Studierende. Daher müssen die Schulen die Fähigkeiten, Erfahrungen und Kontakte von Alumni nutzen, um ein Paket aus Informationen und Einstiegshilfen zu schnüren, das künftigen Generationen die Wahl eines geeigneten Karrierepfades erleichtert.

Die besten Alumni Communities of Practice (ACoP) ruhen auf drei Säulen: Anerkennung, Würdigung und Auszeichnung von Alumni. Dazu müssen Kommunikationskanäle mit Alumni eingerichtet werden. Da sich immer mehr internationale Studierende für Deutschland entscheiden, könnten Alumni-Netzwerke die Lücke zwischen angehenden Studierenden und ihren Traumzielen schließen helfen. Dhruv Khattar schlägt zudem vor, dass Studenten wie er als Mentoren für Neuankömmlinge fungieren könnten. Khattar übernimmt schon heute Aufgaben als Mentor.

Khushboo Mehta studierte in Deutschland und ist heute Gastdozentin am renommierten Khalsa College der indischen University of Delhi. Sie beklagt: „Die Pandemie hat zu höherer Arbeitslosigkeit geführt. Für Studierende scheint es daher geradezu aussichtslos, einen Nebenjob zu finden. Auslandsstudien werden dadurch unerschwinglicher und umkämpfter als zuvor.“

Darüber hinaus hat die Corona-Krise mit verschärften Visabestimmungen und internationalen Flugbeschränkungen alles zum Stillstand gebracht. Wer ins Land durfte, lernt nun online. Die meisten Einreisen wurden jedoch auf 2021 verschoben, was insbesondere diejenigen trifft, die in deutscher Sprache studieren wollen, denn für die Einreise nach Deutschland benötigt man ein Fremdsprachenzertifikat der Stufe B2.

Khushboo Mehta empfiehlt: „Angesichts der Pandemiesituation in Deutschland und anderen Ländern sollten deutsche Hochschulen internationalen Studierenden ein Fernstudium ermöglichen, damit sie weiterlernen können.“ In Kanada haben einige Hochschulen dies bereits umgesetzt.

Deutschland: Spitzenunis und attraktive Programme für internationale Studierende

Deutschland ist ohne Zweifel ein ideales Ziel für Studierende aus dem Ausland. Das deutsche Hochschulsystem ist beispiellos, hoch angesehen und attraktiv. Hinzu kommt Deutschlands Ruf als Land der Kultur und der Künste mit einer ausgezeichneten Bildungsqualität. Erschwinglichkeit, international erfahrene Lehrkräfte an führenden Universitäten, attraktive Programme für internationale Studierende und ein vielfältiges Studienangebot sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache machen Deutschland zum Traumziel für Studieneinsteiger aus aller Welt.

Ich hoffe sehr, dass dies allen Widrigkeiten der COVID-19-Pandemie zum Trotz so bleiben wird und deutsche Hochschulen auch in Zukunft die klügsten Köpfe aus aller Welt anziehen.

Autor: Ashok Pandey

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  • Ashok Pandey Ashok Pandey

Dr. Ashok Pandey – von Forbes India auf der Liste der 100 besten Personalmanager geführt – ist Direktor der Ahlcon International School in Delhi (Indien), an der er bis 2019 bereits als Principal eine leitende Funktion innehatte. Er ist Autor zahlreicher Artikel und Forschungsarbeiten und veröffentlichte 2019 sein drittes Buch, das den Titel „Launch your Inspiring Principal Leadership“ trägt.

Als Alumnus des Goethe-Instituts sowie Schulleiter und Mitbegründer der PASCH-Schulen vertrat er anlässlich des fünften und zehnten Jahrestags der Gründung der PASCH-Initiative sein Heimatland Indien bei den Jubiläumsfeierlichkeiten in München.

Für seine herausragenden Leistungen im Bildungswesen wurde Ashok Pandey mit dem Präsidentenorden (Rashtrapati Award) der Republik Indien ausgezeichnet. Er engagiert sich aktiv für den interreligiösen Dialog und in der Friedensbewegung. So war er Teilnehmer an der Global Peace Convention 2019 in Seoul (Südkorea), am UN Global Festival for Action zur Durchsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) 2018 in Bonn sowie am indisch-australischen Dialog 2017 in Melbourne. Ashok Pandey ist Mitglied im Verwaltungsgremium des indischen Rates für Lehrerausbildung (National Council for Teacher Education , NCTE).

Bild: privat

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April 2021

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