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Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit an der Hochschule, im Studium und in der Forschung?

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit in der Hochschule? Welche Rolle spielt sie in Studiengängen und der Forschung? Wo kann man ein Studium zum Thema Nachhaltigkeit absolvieren? Diese Fragen beantwortet Gerd Michelsen, Professor für Nachhaltigkeitskommunikation an der Leuphana Universität Lüneburg.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit an Hochschulen – national und international?

Herr Prof. Michelsen: Nachdem sich vor zehn Jahren kaum eine Hochschule mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt hatte, kann man heute feststellen, dass sich eine Reihe von Hochschulen auf den Weg gemacht hat, um den Gedanken der Nachhaltigkeit in die Lehre zu integrieren. In der Forschung sieht es ein wenig anders aus: Dort gibt es Förderprogramme, die als Anreiz für die Wissenschaft dienen, um sich mit Fragen zur nachhaltigen Entwicklung zu beschäftigen. Der Wettbewerb um Fördermittel nimmt also zu. Nur wenige Hochschulen nehmen Nachhaltigkeit so ernst, dass sie auch die Institution und ihr Management im Sinne von Nachhaltigkeit verändern.

Wo gibt es noch Probleme bei der Integration in die Lehre beziehungsweise bei der Gründung von Studiengängen?

Herr Prof. Michelsen: Der Bologna-Prozess beinhaltet eigentlich eine große Chance, Innovationen in die Studiengänge hineinzutragen. Allerdings wurde diese Chance in den letzten zehn Jahren vertan. Traditionell ist es an Hochschulen aufgrund der einzelnen Fachgebiete sehr schwierig, neue Inhalte, neue Studienkonzepte oder neue Lehrmethoden in vorhandene Studiengänge zu integrieren. Das eigene Fach ist immer das wichtigste, und eigentlich müsste es im entsprechenden Studiengang noch stärker vertreten sein, so die Auffassung vieler Kolleginnen und Kollegen. Mit einer solchen Einstellung wird es schwierig, Studienprogramme zu reformieren oder neue einzuführen.

Was muss sich verbessern?

Herr Prof. Michelsen: Zunächst muss die Erkenntnis wachsen, dass Nachhaltigkeit ein selbstverständlicher Bestandteil von Lehre und Forschung ist. Weiterhin sollte die Bereitschaft zunehmen, die Rolle und Bedeutung der eigenen Fachrichtung in den verschiedenen Studiengängen kritisch zu hinterfragen. Und schließlich sollte bei den Kolleginnen und Kollegen Offenheit und Neugierde stärker ausgeprägt sein, um Innovationen in den Studienprogrammen zu ermöglichen.

Welche Länder sind führend im Bereich Studium und Nachhaltigkeit?

Herr Prof. Michelsen: In Europa ist Schweden auf einem guten Weg. Dort ist sogar gesetzlich festgeschrieben, dass sich die Hochschulen mit Fragen der Nachhaltigkeit auseinandersetzen müssen. In Österreich gibt es seit einigen Jahren einen Hochschulwettbewerb zur Nachhaltigkeit. Er ist für die Hochschulen im Land ein großer Anreiz, sich daran zu beteiligen. Immer mehr Hochschulen dort setzen sich deshalb mit Nachhaltigkeit auseinander. In Deutschland ist auch einiges in Bewegung gekommen, nicht zuletzt durch die Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Im Rahmen der Dekade-Aktivitäten wurde eine gemeinsame Erklärung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und der Deutschen UNESCO-Kommission zu „Hochschulen und Nachhaltigkeit“ verabschiedet.

Welche Hochschulen sind in Deutschland führend? Warum?

Herr Prof. Michelsen: In diesem Zusammenhang möchte ich zwei Hochschulen nennen: zum einen ist es die Nachhaltigkeitshochschule Eberswalde, zum anderen die Leuphana Universität Lüneburg. Hier wird sehr konsequent das Leitbild der Nachhaltigkeit in Forschung, Lehre und Weiterbildung integriert. Die Leuphana bietet Nachhaltigkeitsstudiengänge vom Bachelor- bis zum Promotionsstudium an. Außerdem müssen alle Studierenden im ersten Semester das Modul „Wissenschaft trägt Verantwortung“ absolvieren, das sich mit Fragen der nachhaltigen Entwicklung beschäftigt. Andere Hochschulen wie Kiel, Bremen, Tübingen, Freiburg oder Eichstätt haben sich auch auf den Weg gemacht. Es lohnt sich für künftige Studierende, vor Studienbeginn genauer zu recherchieren: An welchen Universitäten und Fachhochschulen ist mittlerweile ein Studium zum Thema Nachhaltigkeit möglich?

Warum gibt es an der Universität Lüneburg den Schwerpunkt Nachhaltigkeit?

Herr Prof. Michelsen: Die Universität Lüneburg hat schon seit Ende der 1980er Jahre mit einer Erkenntnis gearbeitet: dass Hochschulen einen Beitrag zur Analyse und Lösung von Umweltfragen zu leisten haben und entsprechende Inhalte in ihr Studienprogramm aufnehmen. 1996 wurde hier der erste interdisziplinäre Umweltstudiengang in Deutschland eingerichtet. Er hat natur- und sozialwissenschaftlichen Fragen in gleicher Weise aufgegriffen. Mit Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und dem niedersächsischen Wissenschaftsministerium (MWK) wurden Projekte gefördert. Ihr Ziel: die Institution als Ganze in den Blick zu nehmen und Nachhaltigkeit über die Studienangebote hinaus in allen Bereichen zu integrieren. Nur konsequent war die Gründung der Fakultät Nachhaltigkeit im Jahr 2010. Hier forschen und lehren mittlerweile an die 30 Hochschullehrerinnen und -lehrer aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen.

Welche neuen Ansätze gibt es in Lüneburg?

Herr Prof. Michelsen: Das Studium „Nachhaltigkeit und Journalismus“ wurde 2012 gestartet und richtet sich an Journalisten. Es bietet dieser Gruppe eine berufsbegleitende Weiterbildung zu unterschiedlichen Fragen der Nachhaltigkeit. Das Studium dauert ein Jahr und die Journalisten bekommen nach erfolgreichem Abschluss ein Zertifikat. Eine weitere Ausdifferenzierung von ähnlichen Weiterbildungsangeboten wäre sinnvoll und wünschenswert. Allerdings stehen hierzu nicht immer entsprechende personelle und wie auch sächliche Kapazitäten zur Verfügung.

Juni 2013

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Kommentare

APD Redaktionsteam
18. Juni 2013

Lieber Rafael Quezada,

bitte folgen Sie dem in der rechten Randbox angegebenen Link zum Profil von Professor Dr. Gerd Michelsen auf der Webseite der Leuphana Universität Lüneburg. Dort finden Sie seine Kontaktdaten.

Herzliche Grüße

Ihr

Alumniportal Deutschland Team

Rafael Quezada
17. Juni 2013

Nachhaltigkeit muss in jeder Hochschule gelehrt werden. Ich arbeite an der Universität in La Serena, Chile und werde in nächten Semester über nachhaltiges Entwicklung und Soziales Unternehmertum unterrichten.
Wie könnte ich Herr Prof. Michelsen kotaktieren?
Ich möchte ein paar frage stellen.

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