Transnationale Bildung – Gemeinsam zum Erfolg

Die deutschen Studienangebote im Ausland setzen auf Partnerschaft und maßgeschneiderte Curricula. Seit den 1990er-Jahren fördert der DAAD so Erfolgsgeschichten in heute 36 Ländern.

Die Verbindung von hohem wissenschaftlichem Anspruch und Praxisorientierung zeichnet das deutsche Hochschulsystem aus. Zu dem guten Ruf, den die deutschen Hochschulen in vielen Ländern der Welt haben, trägt neben ihrer wissenschaftlichen Reputation auch die große Selbstständigkeit der Absolventen bei. Die Anzahl internationaler Studierender in Deutschland steigt kontinuierlich. Deutsche Hochschulabschlüsse können jedoch auch außerhalb Deutschlands erworben werden. Denn deutsche Hochschulen sind in Asien, Nordafrika und Osteuropa mittlerweile an 261 Studiengängen mit rund 28.500 Studierenden beteiligt. Damit ist Deutschland zu einem wichtigen Akteur in der Transnationalen Bildung (TNB) geworden.

Dieser Begriff bezeichnet Studienangebote weltweit, für die eine ausländische Hochschule die wesentliche akademische Verantwortung trägt – von einzelnen Studienmodulen über Studiengänge bis zu ganzen Hochschulen. Schon Ende der 1980er-Jahre gründeten die ersten australischen und britischen Universitäten sogenannte Filialcampi in Asien. Sie wollten neue Finanzierungsquellen erschließen, um sinkende staatliche Fördermittel auszugleichen. Immer mehr Hochschulen aus dem englischsprachigen Raum entwickelten in der Folge Studienangebote im Ausland, häufg im Franchise-System. Die Nachfrage war und ist groß, denn der Bedarf an akademischer Bildung ist vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern enorm gewachsen.

Im Gegensatz zum eher kommerziell geprägten Bildungsexport angelsächsischer Hochschulen hat das deutsche TNB-Modell einen partnerschaftlichen Ansatz. Die Projekte gehen aus bewährten Hochschulkooperationen hervor und werden gemeinsam geplant und umgesetzt. Die Studiengänge basieren auf deutschen Curricula, werden aber an den Bedarf der regionalen Bildungssysteme und Arbeitsmärkte angepasst. 



Eine Pionierfunktion hatten die deutschsprachigen Studiengänge, die ab 1993 aus Mitteln des Auswärtigen Amtes an Universitäten in Osteuropa und ehemaligen Staaten der Sowjetunion eingerichtet wurden. 2001 begann der DAAD, aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), systematisch transnationale Bildungsprojekte weltweit zu unterstützen. Das Ziel: die Internationalisierung der deutschen Hochschulen voranzubringen. Im selben Jahr wurde die German University in Cairo (GUC) mit Unterstützung der Universitäten Ulm und Stuttgart gegründet. Sie hat sich zu einer der größten und renommiertesten Hochschulen Ägyptens entwickelt.

Heute gibt es in 36 Ländern an über 60 Standorten mehr als 80 deutsche TNB-Hochschulprojekte, darunter insgesamt acht binationale Hochschulen und vier Filialcampi. Nach Ägypten sind Jordanien und China die bedeutendsten Sitzländer, gefolgt von Vietnam und dem Sultanat Oman. Die Gesamtzahl der Studierenden ist seit 2013 um knapp ein Fünftel, die der Studienanfänger sogar um 27 Prozent gewachsen. Etwa die Hälfte ist in ingenieurwissenschaftlichen Fächern eingeschrieben, in denen das deutsche Modell der praxis- und anwendungsbezogenen Forschung und Lehre eine große Rolle spielt. Weitere 17 Prozent studieren Naturwissenschaften.

Studienaufenthalte in Deutschland sind meist Teil der Ausbildung

Charakteristisch für deutsche TNB-Angebote ist, dass die Studierenden Kontakt zu Deutschland bekommen. Fast alle Projekte bieten zumindest einem Teil der Studierenden die Möglichkeit, an integrierten Studienaufenthalten oder Praktika, Sprach- oder Sommerkursen in Deutschland teilzunehmen. Für ein Drittel der Studierenden endet der Fachunterricht ganz oder zumindest teilweise in deutscher Sprache statt. Aus Mitteln des Auswärtigen Amtes werden dafür Stipendien zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus besteht fast in allen Projekten die Möglichkeit, studienbegleitend Deutsch zu lernen.

„Die Studierenden interessieren sich sehr für die deutsche Sprache, denn sie sehen sie als Tor zu Deutschland“, sagt Dr. Stephan Geifes, der beim DAAD für die Hochschulprojekte im Ausland zuständig ist. Kontakte zu Deutschland entstehen natürlich auch durch die „flying faculty “, das deutsche Lehrpersonal, das die TNB-Studierenden gemeinsam mit Kollegen der ausländischen Partnerhochschulen unterrichtet. Auch die deutschen Hochschulen profitieren von der internationalen Erfahrung, die ihre Dozenten dabei sammeln. Ein weiterer Vorteil durch TNB ist die bessere Sichtbarkeit deutscher Hochschulen auf dem internationalen Bildungsmarkt. Diese fördert ihre Attraktivität für besonders begabte ausländische Studierende und Nachwuchswissenschaftler. 

E-Learning-Programme sollen dabei helfen, die Qualität zu sichern

Bei den großen binationalen Hochschulen tragen die Sitzländer, zu denen sie rechtlich gehören, den größeren Kostenbeitrag. Über den DAAD werden in erster Linie die Reisekosten der deutschen Dozenten sowie Stipendien für Deutschlandaufenthalte finanziert. Der DAAD hat zudem eine wichtige beratende Funktion für die Hochschulen, koordiniert TNB-Projekte und organisiert die Hochschulkonsortien auf der deutschen Seite. Immer wieder gibt es dabei Hürden zu überwinden. „Zum Beispiel ist es nicht leicht, das Interesse der flying faculty über Jahre aufrechtzuerhalten“, sagt Geifes. Auch könne die Suche nach geeignetem Lehrpersonal in der Region schwierig werden. Dies gilt besonders für qualifizierte Deutschlehrer, an denen es in vielen Ländern mangelt.

Die verstärkte Nutzung von E-Learning könnte künftig helfen, deutsches Lehrpersonal länger einzusetzen und so die Qualität der TNB-Studiengänge zu sichern. Das nächste große Projekt ist jedenfalls schon in Planung: Deutschland und Tunesien verhandeln zurzeit über die Rahmenbedingungen für eine binationale Hochschule in Tunis. Ein Baugrundstück ist schon vorhanden. Im Jahr 2020 könnte die deutsch-tunesische Hochschule ihren Lehrbetrieb aufnehmen.

Autorin: Miriam Hoffmeyer

Dieser Beitrag ist ursprünglich DAAD LETTER 02/16 erschienen.

Deutsche TNB-Angebote mit aktueller oder früherer DAAD-Förderung nach wichtigen Standorten und Anbietern

KAIRO, ÄGYPTEN: German University in Cairo (GUC)

AMMAN, JORDANIEN: German Jordanien University (GJU)

SHANHAI, CHINA: Chinesisch-Deutsches Hochschulkolleg (CDHK), Chinesisch-Deutsche Hochschule für angewandte Wissenschaften (CDHAW), Shanghai-Hamburg College, mehrere Einzelstudiengänge dt. Hochschulen

HO-CHI-MINH-STADT, VIETNAM: Vietnamese German University (VGU)

MASKAT, OMAN: German University of Technology in Oman (GUtech)

QUINGDAO, CHINA: Chinesisch-Deutsche Technische Fakultät Qingdao (CDTF)

ALMATY, KASACHTAN: Deutsch-Kasachische Universität (DKU)

ISTANBUL, TÜRKEI: Türkisch-Deutsche Universität (TDU)

BUDAPEST, UNGARN: Andrassy Universität Budapest, deutschsprachige Studiengänge

SINGAPUR: TU München Asia (TUM Asia)

September 2016

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