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Lebenslanges Lernen: Herausforderung für die Hochschulen

Auch ohne Abitur kann man in Deutschland studieren. Unter dem Schlagwort „Lebenslanges Lernen“ entwickeln die Hochschulen nun neue Angebote für Berufstätige, die sich wissenschaftlich weiterbilden wollen.

Wer eine abgeschlossene Berufsausbildung und mindestens drei Jahre Berufserfahrung hat, darf in Deutschland fachbezogen studieren. Der Meister ist sogar genauso anerkannt wie das Abitur. Hochschulen denken deshalb immer stärker über Konzepte für diese „nicht-traditionellen“ Zielgruppen nach. Sabine Remdisch ist Professorin für Wirtschaftspsychologie und Leiterin des Instituts für Performance Management der Leuphana Universität Lüneburg.

Frau Remdisch, Sie erforschen, wie Hochschulen lebenslanges Lernen verwirklichen können. Warum ist dieses Thema so aktuell?

Sabine Remdisch: Aktuelles Wissen wird für die Unternehmen immer wichtiger. Sie brauchen immer mehr qualifizierte Fachkräfte und Akademiker. Dieser Bedarf ist nicht leicht zu decken, die demographische Entwicklung verschärft die Lage noch. Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter deshalb regelmäßig weiterbilden. Um die Lücke zu schließen, sollen auch nicht-traditionelle Zielgruppen durch lebenslanges Lernen an die Hochschulen kommen und akademisch qualifiziert werden. Lebenslanges Lernen ist für Hochschulen eine interessante Perspektive: Spätestens ab 2015 sinkt die Zahl der klassischen Studierenden. Deshalb will man weitere Gruppen der Bevölkerung für Studium und Weiterbildung gewinnen.

Per Gesetz ist der Zugang zur Hochschule für Menschen ohne Abitur erleichtert worden. Wieso reicht das nicht aus?

Sabine Remdisch: Bei der konkreten Gestaltung der Lernprozesse ist noch viel zu tun. Eine zentrale Herausforderung ist für berufsbegleitend Studierende zum Beispiel die Work-Learn-Life-Integration. Sie möchten abends, am Wochenende oder in Blockveranstaltungen lernen. Darüber hinaus belegen unsere Befragungen ein großes Interesse an berufsintegriertem Lernen, etwa anhand von Projekten und Fallstudien aus der Berufspraxis.

Wichtig ist auch die Frage, wie sich beruflich erworbene Kompetenzen auf das Studium anrechnen lassen: Unterschiedliche Lernfelder aus der beruflichen Praxis sollten einbezogen werden, beispielsweise Führungserfahrung oder Projektmanagement. Dann können Synergien zwischen den verschiedenen Bildungsangeboten entstehen.

Berufstätige sammeln im Job viele Erfahrungen. Dieses informelle Lernen geschieht oft ungeplant und ist daher schwer zu bewerten. Wie ist der aktuelle Stand in Deutschland?

Die Initiative ANKOM des Bundesministeriums für Bildung und Forschung hat das Thema systematisch untersucht. Daraus sind diverse Ansätze entstanden, wie man Kompetenzen anrechnen kann. Viele davon lassen sich aber nur auf einzelne Wissenschaftsdisziplinen oder Studiengänge anwenden. Vergleichbar werden die Verfahren nur, wenn sie sich an einem gemeinsamen Rahmen ausrichten

Im Modellprojekt „Offene Hochschule“ untersuchen wir zum Beispiel, welche Kompetenzen ein Industriemeister in seinem Berufsalltag erwirbt. Diese sollen ihm angerechnet werden, wenn er sich für ein Studium anmeldet. Zu diesem Zweck arbeiten wir an einheitlichen Kriterien und Qualitätsstandards.

Sabine Remdisch leitet an der Leuphana Universität Lüneburg das Modellprojekt „Offene Hochschule“. Sie erforscht, wie sich lebenslanges Lernen in Form von wissenschaftlicher Weiterbildung erfolgreich umsetzen lässt.

Modellvorhaben „Offene Hochschule“ an der Leuphana Universität Lüneburg

Wie stehen deutsche Hochschulen im internationalen Vergleich da, wenn es um lebenslanges Lernen geht?

Sabine Remdisch: Lebenslanges Lernen an der Hochschule hat in einigen Ländern der Europäischen Union bereits eine ausgeprägte Tradition. In England befindet sich die größte Open University: Sie hat über 205.000 Studierende und macht ein breit gefächertes Studienangebot. In Finnland ist eine eigene Open University an jede Universität angegliedert. Diese Einrichtungen bieten Programme zur persönlichen oder beruflichen (Weiter-)Bildung an. Außerdem bereiten sie auf einen späteren akademischen Abschluss vor. In Frankreich können beruflich erworbene Qualifikationen in bestimmten Fällen ein Studium sogar komplett ersetzen. Außerhalb der EU ist Südafrika ein interessantes Beispiel für lebenslanges Lernen an der Hochschule.

In Deutschland arbeiten wir an berufsbegleitenden Studienangeboten, die mit dem Arbeitsrhythmus der Studierenden vereinbar sind. Sie sollen die Theorie mit der Praxis verbinden und möglichst direkte Erfolge am Arbeitsplatz erzielen. Solche Angebote gibt es in Deutschland bisher kaum. Aber allmählich interessieren sich immer mehr Hochschulen für Weiterbildung.

Januar 2012

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Kommentare

Dr. Angelica Laurençon
22. September 2016

Linkedin als soziales Netzwerk hat direkt den lebenslangen Lernprozess in Form von eportfolios und Kompetenzrastern (nach dem Blockchain-Prinzip) authentifizert von dem verschiedenen Kreisen. Durch die direkte Verknüpfung mit Coursera, Lynda, Udacity, wo die aktive Beteiligung als credentials mit dem Profil verknüpft wird bricht das "akademische Raster" auf.

Eine "Akademisierung" des lebenslangen Lernens, wo sich viele Fachbereiche (BWL, VWL, MINT insgesamt) mit der permanenten Reaktualisierung der Inhalte, der Studiengänge, der Zertifikate schwer tun?
Akademiker sind nicht die Zukunft der Arbeit, solange sie nur kompilativ und nicht kreativ lernen.

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25. September 2012

Thanks for that! It's just the answer I ndeeed.

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