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Book-Sprint-Projekt „CoScience“ – Open Science in der Praxis

Das Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek (TIB) hat auf der CeBit 2014 mit dem Book Sprint „CoScience – Gemeinsam forschen und publizieren mit dem Netz“ gezeigt, welche Chancen Webanwendungen schon heute für kollaboratives wissenschaftliches Arbeiten bieten. Wir sprachen mit Lambert Heller, dem Leiter des Open Science Lab.

Lambert Heller gründete 2013 das Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek (TIB), der Deutschen Zentralen Fachbibliothek für Technik und Naturwissenschaften. Er beschäftigt sich als Autor und Dozent mit der Frage, wie Bibliotheken (und andere Infrastruktur-Einrichtungen) kollaborative, offene wissenschaftliche Arbeitsweisen besser unterstützen können.

Frage: Herr Heller, Ihr Book-Sprint-Projekt „CoScience – gemeinsam forschen und publizieren mit dem Netz“ basiert auf der Open-Science-Idee und ist auf der IT-Messe CeBit und auch auf der re:publica 2014 auf großes Interesse gestoßen. Hat Sie das überrascht?

Lambert Heller: Offen gestanden schon etwas. Wir wussten zwar, dass Book Sprints als agile Methode, Bücher zu schreiben und kontinuierlich zu verbessern, in einigen Bereichen seit Jahren bewährt und beliebt sind, etwa zum Schreiben von Software-Handbüchern. Aber ob Wissenschaftler sich dafür interessieren würden, auf diese Weise eine Bildungsressource zu entwickeln, das konnten wir vor unserem Experiment nicht wissen.

Frage: Was muss man sich unter einem Book Sprint vorstellen und wie funktioniert so etwas?

Lambert Heller: Man lädt zehn bis 15 Menschen, die Experten im Thema des angestrebten Buches sind, dazu ein, für drei bis fünf Tage an einem Ort zusammen zu kommen. Man setzt sich zusammen, entwirft ein gemeinsames Inhaltsverzeichnis, und dann legt man los! Vieles entsteht in kleinen Teams, die quasi gleichzeitig an einem Kapitel schreiben. Die Organisatoren des Sprints schlagen Stil, Schreibweisen etc. vor – aber letztlich hängt alles an den beteiligten Autoren, auch die wechselseitige Kontrolle und das Redigieren.

Fortlaufende Onlineaktualisierung nach dem Book Sprint

Frage: Eignet sich ein solches Verfahren grundsätzlich für alle Wissenschaftsdisziplinen oder doch eher für naturwissenschaftliche und technische Fächer?

Lambert Heller: Gute Frage! Je besser sich ein Thema strukturieren und in relativ isolierten Kapiteln behandeln lässt, desto besser eignet sich eine solche Methode. Aber grundsätzlich sehe ich da keine Grenzen. Man muss es mit Forschern gemeinsam ausprobieren, die offen dafür sind herauszufinden, ob es geht. Beim Book Sprint „CoScience“ hat es so funktioniert.

Frage: Gibt es internationale Vorbilder?

Lambert Heller: Adam Hyde hat die Methode Book Sprint geprägt, ohne diese Inspiration wäre es wohl kaum zu unserem Projekt gekommen. Wir waren allerdings auch aus anderer Richtung beeinflusst: Mehrere der „CoScience“-Autoren, darunter ich selbst, hatten bereits zuvor an dem Buch „Opening Science“ mitgeschrieben. Dieses englischsprachige, beim renommierten Wissenschaftsverlag Springer erschienene Buch haben wir zwar innerhalb von mehreren Jahren geschrieben, es ist aber ebenfalls ein „Living Book“, das online fortlaufend aktualisiert und ergänzt wird.

Webinar „Knowledge Sharing for Science“

In diesem Webinar diskutierten wir mit unseren Experten, welche neuen Möglichkeiten Open Science bzw. Collaborative Science dem konkurrenzbetonten Wissenschaftsbereich bringen kann, wo die Grenzen sein könnten und wie das Bild von „Wissenschaft“ sich im Angesicht dieser Entwicklungen verändern könnte.

>> In der Community-Gruppe „Digitale Gesellschaft – Digital Society“ können Sie das Webinar „Knowledge Sharing for Science“ als Video-Aufzeichnung ansehen (Session 7, in englischer Sprache).

Öffentliche Versionsgeschichte für jedes einzelne Kapitel

Frage: Unter Karrieregesichtspunkten ist es für den einzelnen Wissenschaftler wichtig, dass sein persönlicher Beitrag zur Forschung zweifelsfrei nachvollzogen werden kann. Lässt sich dies in einem Open-Science-Projekt nach dem Book-Sprint-Prinzip sicherstellen?

Lambert Heller: Ja, das ist ein entscheidendes Detail. An diesem Punkt unterscheiden wir uns von klassischen Crowdsourcing-Projekten wie der Wikipedia, aber eben auch von den klassischen Book Sprints. Bei „CoScience“ haben typischerweise mehrere Personen aus dem Autorenteam (und auch von außerhalb) jeweils an einem Kapitel zusammengearbeitet – und alle Beitragenden werden zu Beginn der Kapitel namentlich genannt. Die jeweiligen Hauptautoren bleiben auch langfristig für die Pflege ihres Texts verantwortlich.

Es gibt also keinen Grund, ein solches Buchkapitel nicht ins eigene Publikationsverzeichnis aufzunehmen. Im Gegenteil, anders als bei traditionellen Publikationen lässt sich bei „CoScience“ sogar die öffentliche Versionsgeschichte jedes Kapitels durchblättern, um genau zu ermitteln, wer wann welchen Beitrag geleistet hat.

EU-Förderung für eine Fortsetzung

Frage: Das „Handbuch CoScience“ liegt mittlerweile in gedruckter Form vor. Ist das Projekt damit abgeschlossen?

Lambert Heller: Wir haben bereits drei Anfragen zur Nachnutzung unserer Plattform erhalten. Unter anderem schreibt gerade ein bundesweites Netzwerk von 60 Romanisten ein Handbuch „Mittelalter und Renaissance in der Romania“ auf dieser Plattform – zwar innerhalb eines Jahres, das heißt nicht (nur) als Sprint, aber für Projekte dieser Art ist auch das schon ein sportlicher Zeitraum!

„CoScience“ selbst wird zudem laufend erweitert. Die EU hat uns nun 10.000 Euro dafür bewilligt, auf „CoScience“ aufbauend eine Reihe interaktiver Video-Lectures durchzuführen – in unseren Augen die perfekte Fortsetzung eines solchen Projekts!

Video Open Science Lab: Booksprint #CoScience @ CeBIT 2014

Dezember 2014

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