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Führen digitale Medien zu „Digitaler Demenz“?

Digitale Demenz ist ein Thema, das sehr kontrovers diskutiert wird. Dominiert wird die Diskussion von der Sorge, dass man immer mehr Gedächtnisleistungen auf digitale Speicher der Computer und Smartphones auslagert. Einige Forscher befürchten, dass die digitalen Medien unsere Hirnleistung im negativen Sinne verändern. Das Alumniportal Deutschland hat dazu mit dem Neurowissenschaftler Professor Dr. Michael Madeja gesprochen.

Auf der einen Seite stehen die Wissenschaftler, die vor digitaler Demenz warnen: 2007 erschien in der Korea Times ein Beitrag zum Thema „digital dementia“. Von rund 2.000 Befragten gaben 63 Prozent zu, unter Vergesslichkeit zu leiden, auch wenn sich die Fähigkeiten zur Suche verbesserten. „As people are more dependent on digital devices for searching information than memorizing, the brain function for searching improves whereas an ability to remember decreases”, erklärt Professor Yoon Se-chang, Arzt beim Samsung Medical Center. In Deutschland ist das Buch Digitale Demenz von Manfred Spitzer bekannt: Er warnt vor den schädlichen Auswirkungen von digitalen Medien und vor der Nutzung des Internets.

Dem widersprechen etliche Wissenschaftler, wie kürzlich Forscher der Universität Koblenz-Landau und auch der Neurowissenschaftler Professor Dr. Michael Madeja. Mit ihm haben wir über die „digitale Demenz“ gesprochen.

Zur Person

Professor Dr. Michael Madeja ist Mediziner, Hirnforscher und Professor am Fachbereich Medizin der Goethe-Universität in Frankfurt. Außerdem ist er Geschäftsführer der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, die führende Forschungszentren in den Bereichen Multiple Sklerose, Parkinson- und Alzheimer-Erkrankungen aufgebaut hat.

Gibt es Beweise dafür, dass die Nutzung digitaler Medien zu krankhaften Veränderungen im Gehirn im Sinne einer Demenz führt?

Michael Madeja: Nein, der Begriff „digitale Demenz“ ist vor allem werbewirksam. Wir haben keine Hinweise, dass die Benutzung digitaler Medien zu krankhaften Veränderungen im Gehirn führen, erst recht nicht zu solchen, wie wir sie von Demenzerkrankungen wie der Alzheimerschen Erkrankung kennen.

Professor Manfred Spitzer hat gesagt, Computer seien „Lernverhinderungsmaschinen“. Gibt es dafür Hinweise?

Michael Madeja: Das Gehirn ist ein sich ständig umbauendes und anpassendes und damit ständig lernendes System, das Verarbeitungskapazität für das aufbaut, was benötigt wird, und dort abbaut, wo sie nicht mehr benötigt wird. Sitzt man viel am Bildschirm und macht zum Beispiel vor allem Computer-Action-Spiele, optimiert sich das Gehirn auch auf diese Herausforderung. Man wird unter anderem in der Feinmotorik, Reaktionsfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit besser: Man lernt im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der anderen Seite gilt dann aber auch: Wenn man dadurch weniger auswendig lernt, wird man auch in diesen Gedächtnisleistungen schlechter.

Wenn Sie – wie eingangs gesagt – von „Veränderung der Hirnleistungen im negativen Sinne“ sprechen, zeigt das die Problematik der Diskussion: Das, was negativ ist, definiert die Gesellschaft, nicht die Hirnforschung. Ob eine Abnahme der Gedächtnisfähigkeit unerwünscht ist oder toleriert oder gar gewünscht wird, weil dadurch Verarbeitungskapazität des Gehirns für andere Aufgaben frei wird, entscheidet unsere Gesellschaft und Umwelt.

Professor Dr. Manfred Spitzer: Digitale Demenz

Prof. Dr. Manfred Spitzer: Digitale Demenz

Wie wirkt sich die intensive Mediennutzung speziell auf die Gehirne von Kindern und Jugendlichen aus?

Michael Madeja: Alles, was wir tun, denken etc. verändert unser Gehirn. Deshalb wirkt sich auch jede Mediennutzung – erst recht intensive – auf die Struktur unserer Gehirne aus. In den meisten Fällen sind diese Änderungen aber so subtil und individuell unterschiedlich, dass man sie mit den aktuellen Methoden der Hirnforschung nicht erfassen kann. Das gelingt nur bei sehr großen oder groben Effekten: Sichtbar sind zum Beispiel bei intensiven Handynutzern die Vergrößerungen der Hirnbereiche, die in Daumenbewegungen involviert sind.

Bei Jugendlichen ist noch zu berücksichtigen, dass die Pubertät eine besondere Umbauphase des Gehirns ist. Das beginnt die Hirnforschung allerdings erst zu untersuchen, sodass wir daher auch über strukturelle Veränderungen des Gehirns von Jugendlichen bei Mediennutzung nur sehr wenig wissen.

Forscher von der Universität Michigan konnten zeigen, dass ein Video-Training die Gedächtnisleistung bei Kindern verbesserte. Was genau passiert da im Gehirn?

Michael Madeja: Die meisten Erfahrungen, die wir mit der Bildschirmnutzung von Kindern und vor allem Kleinkindern gemacht haben, sind in der Tat negativ. Das kindliche Gehirn scheint mit den oft stark und schnell wechselnden Informationen, die auf Bildschirmen erfolgen, schlecht zurechtzukommen. Auch Programme, die entwickelt wurden, um Fähigkeiten von Kindern zu fördern (wie zum Beispiel das Programm „Baby-Einstein“ in den USA), haben sich als nutzlos oder sogar schädlich für die kindliche Entwicklung herausgestellt. Aber es gibt Ausnahmen, wie etwa die Sendungen der Sesamstraße zeigen. Hier wurde – bei nicht so hohem Konsum – eine Verbesserung des Wortschatzes und der Zahlenfähigkeit nachgewiesen.

Für die Zukunft erwarte ich viel mehr Programme, die die hohe Motivation beim Computerspielen für Lernprozesse nutzen. Aber das ist empirische oder pädagogische Forschung, zu der die Hirnforschung zumindest momentan kaum etwas beitragen kann.

Wirken sich Online-Kurse wie MOOCs negativ auf die Leistungen von Studenten aus? Was passiert im Gehirn, wenn man nur online lernt?

Michael Madeja: Auch hier gilt: Entscheidend ist, was man macht und nicht, wie etwas angeboten wird. Nach den wissenschaftlichen Untersuchungen, die Hirnaktivität bei digitalen Medien und konventionellem Angebot verglichen haben, kann man den Schluss ziehen, dass das Gehirn zwischen Bildschirminformation und realen Bildern nicht grundsätzlich unterscheidet. Deswegen dürfte es kein wirklicher Unterschied sein, ob man einen Lerninhalt wie beispielsweise einen Text auf Papier gedruckt oder auf dem Bildschirm dargestellt liest. So konnte gezeigt werden, dass bei Kindern, die über den Computer lernen, genauso wie beim traditionellen Lernen Gehirnareale für Lesefähigkeit angelegt werden.

Wenn Studenten bei Online-Kursen schlechter abschneiden, so dürfte das vermutlich daran liegen, dass im realen Kurs die Information doch anders und besser angeboten wird oder dass die Lernmotivation höher ist – immerhin ist der Aufwand ja wesentlich größer als nur den Computer anzuschalten. Spannend wird es, wenn man Lernerfolge bei MOOCs mit traditionellen Frontalvorlesungen vergleichen würde. Wenn ich auf den Gewinner wetten sollte, würde ich auf die MOOCs setzen.

August 2014

Kommentare

Matthias Thorner
20. August 2014

Das Internet of Things ist nur eine bildliche Beschreibung der nächsten Kreuzung in der wachsenden digitalen Vernetzung von Menschen und deren Geräten. Nahezu alles bekommt eine Nummer, einen Standort, gewisse Fähigkeiten, einen Speicher und Kommunikationsmöglichkeiten. Das wird unser soziales, privates, gesundheitliches, psychologisches, berufliches Umfeld prägen und ständig verwandeln. Wer das ignoriert, wird in Zukunft nur noch schwer auf diesem Planeten leben können.

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