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Mehr Frauen in der Forschung

Wir sprachen mit Enno Aufderheide, Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, über die Situation in Deutschland und was getan werden kann, um den Anteil von Frauen in der Forschung zu erhöhen.


Herr Aufderheide, die Humboldt-Stiftung ermöglicht über 2.000 Forscherinnen und Forschern aus aller Welt jährlich einen wissenschaftlichen Aufenthalt in Deutschland. Wie sieht die Situation für Frauen in der Forschung in Deutschland und im Vergleich mit anderen Ländern aus?

Enno Aufderheide: Auch wenn sich die Lage allmählich verbessert: Deutschland schneidet im internationalen Vergleich nicht besonders gut ab. Verglichen mit anderen Industriestaaten liegt Deutschland im unteren Mittelfeld. Die Lage in den USA ist deutlich besser, wenn wir beispielsweise die Zahl der berufenen Professorinnen anschauen: Es sind dort im Durchschnitt etwa 33%. Japan steht allerdings weitaus schlechter da. In einigen Mittelmeerländern dagegen, wie in der Türkei oder in Portugal, ist ein höherer Anteil an Frauen in der Forschung vertreten. Allerdings streben dort wegen der schlechten Bezahlung auch weniger Männer zur Professur.

"Mehr Frauen in der Forschung!" Diese Forderung bekommt in den letzten Jahren zwar ein immer größeres Gewicht, doch im Jahr 2009 war nicht einmal jede fünfte Professur in Deutschland von einer Frau besetzt.

Fortschritt ist wichtig. Dafür braucht man kreative Köpfe. Möglichst viele Menschen sollte man daran beteiligen. Wenn man 3/5 der ja nicht minder kreativen Frauen abschreckt, dann geht schließlich auch enormes Innovationspotential verloren.

Ich glaube allerdings nicht, dass wir in Deutschland eine formelle oder offene Diskriminierung finden. Auch statistische Unterschiede in der Bezahlung werden im Einzelfall kaum so zu begründen sein, da diese in der Wissenschaft generell sehr unterschiedlich ist. In einigen Disziplinen sprechen die Zahlen allerdings Bände. Die Medizin ist sicher das eindrücklichste Beispiel. Unter den Studierenden sind etwa 2/3 Frauen. Doch nicht einmal jeder zehnte Lehrstuhl ist mit einer Frau besetzt.

Welchen Frauenanteil würden Sie sich als Ziel setzen?

Die Frage ist, was ein realistisches Ziel sein kann. Können wir zum Beispiel auf einen Frauenanteil in der Forschung von 50% kommen? Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin am Max Planck Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, vertritt die These, dass 50% nicht erreichbar sind. Weil sie davon ausgeht, dass sich Frauen dem extremen Wettbewerb in der Wissenschaft, den hohen Mobilitätsanforderungen und dem (aus meiner Sicht aber manchmal einfach übersteigerten) Arbeitsethos in Forschergruppen nicht unterwerfen wollen.

Zum Stichwort Wettbewerb: Nach Untersuchungen sind Frauen weniger geneigt, sich in eine Situation des harten Wettbewerbs zu begeben. Männer dagegen steigern darin eher ihre Leistungskraft, sie sind wettbewerbsgeneigter.

Zum anderen spricht man von der "Work-Life-Balance": Frauen legen einen höheren Wert auf das Verhältnis von Arbeits- und Privatleben. Ein sehr hoher Arbeitsdruck in Arbeitsgruppen, den man häufig feststellt, schreckt sie daher eher ab als Männer.

Ein dritter Punkt – darüber wurde jüngst in der Zeitschrift Science berichtet – ist: Frauen machen ihre Karriereentscheidungen häufiger davon abhängig, ob damit eine Trennung von ihrem Lebenspartner verbunden ist. Sie folgen daher vielleicht weniger oft der generellen Mobilitätserwartung.

Wie lässt sich die Forderung "Mehr Frauen in der Forschung" einlösen?

Grundsätzlich kann man von zwei Ansätzen sprechen: die allgemeinen Umstände verbessern und die gezielte Förderung.

Zum ersten Punkt wären die "Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards" unter anderem der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu nennen. Auch allgemeine gesellschaftliche Dinge gehören in diesen Bereich: etwa die partnerschaftliche Wahrnehmung von Familienpflichten, wie die Kinderbetreuung. Auch eine Frauenquote, von der ich an sich nicht überzeugt bin, könnte helfen, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Und zwar indem man sie nicht so sehr als ein Instrument sieht, das die davon direkt profitierenden Frauen fördert, sondern eines, das die Kultur im täglichen Miteinander der Forschenden so ändert, dass dieses Berufsfeld für Frauen attraktiver wird.

Und wie sähen gezielte Fördermaßnahmen aus?

Hierunter fällt etwa die Initiative der Max-Planck-Gesellschaft. Sie hat vor über zehn Jahren damit angefangen, vermehrt W3- (entspricht einer Vollprofessur) und W2- (Forschungsgruppenleitung) Stellen mit Frauen zu besetzen. Hier handelt es sich um keine Quote, doch Frauen gelangen vermehrt in sichtbare Positionen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat einige Programme ins Leben gerufen. Für die Berufung von Professorinnen stellt das BMBF einen finanziellen Anreiz für Universitäten in Aussicht. Beruft eine Uni eine Frau zur Professorin, dann wird ein Teil der Ausgaben für die Professur in den ersten fünf Jahren aus Mitteln des BMBF finanziert. Das ist eine Art der "positiven Diskriminierung". Ich sehe hier nicht die Gefahr, dass diese "Bevorzugung" auf Kosten der Qualität der Berufung geht. Denn nur für die erste Zeit gibt es den finanziellen Ansporn, später zahlen die Universitäten wie vorgesehen, ein Qualitätskompromiss würde ihnen selber schaden. Es ist vielmehr eine zusätzliche Motivation, genauer hinzuschauen und zu überprüfen, für welche Stellen nicht ohnehin eine Wissenschaftlerin die beste Besetzung ist.

Von verschiedenen Gleichstellungsprogrammen hat sich auch das Mentoring bewährt. Zu einem solchen Programm gehört, dass jüngere Wissenschaftlerinnen von einer erfahrenen Person – ob Mann oder Frau – beraten und in ihre Netzwerke einbezogen werden. Weniger bewährt haben sich Programme, die die Abgrenzung von Frauen nach sich ziehen, wie zum Beispiel reine Frauennetzwerke oder Frauengruppen. Diese können punktuell unterstützen, aber nicht langfristig fördern.

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Anspruch und Wirklichkeit: Woran scheitert die Umsetzung von Forderungen für die Chancengleichheit?

Es ist ein ungemein emotionales Thema, zu dem es ja auch nicht den einen "rechten Weg" gibt. Ein gutes Prinzip kann, auf den Einzelfall angewandt, immer auch verkehrt sein. Die Stiftung selber aber hat einen klaren Wunsch: unseren Geförderten mehr Geld für die Kinderbetreuung geben zu dürfen. Wir zahlen auch heute schon solche Mittel, es sollten aber mehr sein. Das haben die Ministerien uns leider nicht zugestanden.

Ein wichtiger Punkt zum Schluss:

Wir wünschen uns, dass Frauen mit gesundem Selbstvertrauen in unsere Verfahren gehen! Die große Flexibilität in der Förderung durch die Humboldt-Stiftung ermöglicht gerade auch Frauen, ihren Präferenzen zu folgen. Deshalb die Aufforderung: Bewerben Sie sich! Und an deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Nominieren Sie auch hervorragende Wissenschaftlerinnen aus dem Ausland für unsere Preise.

Autorin: Sabine Müller, addinteractive

März 2012

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