Wie Innovationen in Indien beim Kampf gegen Corona helfen

Seit in der letzten Januarwoche 2020 der erste Coronafall in Indien gemeldet wurde, befassen sich indische Forschende mit der Entwicklung der stark ansteckenden Krankheit, ihrer Diagnostik und der Entwicklung von Impfstoffen. Unternehmer*innen und Innovator*innen aus ganz Indien haben schnell reagiert und im letzten Jahr eine Vielzahl von Innovationen entwickelt. In Indien gibt es sehr viele qualifizierte Wissenschaftler*innen und talentierte Ingenieur*innen die sich „Jugaad“ verschrieben haben. Darunter versteht man eine spezielle Herangehensweise an Innovationen, bei der es darum geht, mit begrenzten Mitteln Lösungen für die Situation vor Ort zu finden.

Der erste Schritt waren Tests und die Isolierung von Infizierten. Hierfür hat die Biotechnologiefirma My Lab aus Pune bereits im März 2020 einen schnellen, günstigen RT-PCR-Test herausgebracht. Der durch die indische Medikamentenbehörde und das nationale Institut für Virologie bestätigte Test hat im Vergleich zu konventionellen Tests den Vorteil, dass das Ergebnis bereits nach 120 Minuten vorliegt. Viele weitere indische Forschungs- und Technologieorganisationen haben in der Folge Antigen-Schnelltests entwickelt.

In 45 Minuten zum Ergebnis

Als schnellere Alternative zu den RT-PCR-Tests hat das CSIR-Institut für Genetik und Integrative Biologie (Institute of Genomics and Integrative Biology, IGB) einen schnellen, einfachen und kostengünstigen Coronatest herausgebracht, der die Farbe wechselt, wenn das SARS-CoV-2-Virus erkannt wird. Der Test mit Namen Feluda kostet nur 500 Rupien (5 bis 6 Euro) und kann innerhalb von 45 Minuten ein Ergebnis liefern. Er kann auch dann zwischen SARS-CoV-2 und anderen Coronaviren unterscheiden, wenn die genetischen Unterschiede sehr gering sind. Der Indische Rat für Medizinische Forschung (Indian Council of Medical Research, ICMR) hat außerdem bislang 145 verschiedene RT-PCR-Tests zugelassen. Ein Drittel dieser Tests wurde von indischen Unternehmen entwickelt. Außerdem wurden 16 Schnelltests zugelassen, neun davon aus Indien.

Die meisten Forschungs- und Entwicklungsorganisationen und -institute (F&E) in Indien verfügen über eine sogenannte Inkubator-Abteilung, die Start-ups unterstützt. Durch die Entwicklung neuer Produkte haben diese Start-ups im Kampf gegen COVID-19 bereits eine wichtige Rolle gespielt. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit zwischen dem Indian Institute of Technology (IIT) in Kanput und dem Industrieunternehmen Muskan Packagers.

Kosten von weniger als einem Euro

Der akute Mangel an persönlicher Schutzausrüstung (PSA) auf der ganzen Welt hat den Anstoß für die Partnerschaft gegeben. Das Ergebnis war improvisierte Schutzausrüstung (Polyethylene-based Improvised Protective Equipment under Scarcity (PIPES)) aus Polyethylen (wird normalerweise für Plastiktüten verwendet). Das Material ist günstig und reichlich vorhanden. Die Schutzausrüstung kostet weniger als 100 Rupien (unter einem Euro) und eine einzige kleine Fabrik kann täglich etwa 10.000 Sets herstellen.

Die Inkubator-Abteilung des IIT Kanpur hat noch zwei weitere sehr hilfreiche Produkte gefördert: zum einen ein Beatmungsgerät für Intensivstationen und eine Maschine, die Menschen mit Spontanatmung hilft, indem sie diese mit hoher Strömungsgeschwindigkeit über die Nase mit erwärmter, befeuchteter Luft versorgt. Zum anderen hat die Inkubator-Abteilung am IIT Kanpur eine effiziente und kostengünstige N95-Maske von der Firma ESPIN Nanotech hervorgebracht.

Als Reaktion auf den Mangel an Beatmungsgeräten für Intensivstationen, befassen sich noch weitere Start-ups mit der Entwicklung von günstigen, einfach einzusetzenden, mobilen Beatmungsgeräten, die auch in ländlichen Gegenden von Indien eingesetzt werden können. Zu diesen Unternehmen zählen Nocca Robotics (mit Förderung der IIT Kanpur), Aerobiosys Innovations (IIT Hyderabad) sowie AgVa Healthcare.

Ein weiteres Beispiel für eine Innovation im Kampf gegen Corona kommt von dem Gesundheits-Start-up Helyxon mit Sitz im IIT Madras Research Park. In Zusammenarbeit mit Forschenden am IIT hat diese Firma Lösungen für die Überwachung von COVID-19-Patienten aus der Ferne entwickelt und realisiert. So können vier entscheidende Werte dauerhaft überwacht werden: die Körpertemperatur, die Sauerstoffsättigung, die Atem- und die Herzfrequenz.

Am IIT Madras hat ein weiteres Start-up – Modulus Housing – ein mobiles Krankenhaus entwickelt, das vier Leute in zwei Stunden an jedem beliebigen Ort aufbauen können. Das Medi CAB ermöglicht einen dezentralisierten Ansatz um COVID-19-Patienten mit Hilfe von mobilen Mikro-Strukturen vor Ort ermitteln, testen, isolieren und behandeln zu können. Die Anlage, die man zusammenfalten kann, besteht aus vier Bereichen: einem Behandlungsraum, einem Isolationsraum, einem Patientenraum sowie einer Intensivstation mit zwei Betten, in der ein Unterdruck aufrechterhalten wird.

Gavi – eine weltweite Allianz für Impfungen

Im Kampf gegen das Coronavirus spielen indische Unternehmen auch in Hinblick auf die Entwicklung von Impfstoffen eine wichtige Rolle. Es gibt in Indien mindestens sechs etablierte Impfstoffhersteller. Im Rahmen der Bemühungen im Zusammenhang mit COVID-19 wurden mindestens 30 verschiedene Impfstoffe entwickelt, die derzeit vielfältigen klinischen Tests unterzogen werden. Über die größten Produktionskapazitäten für Impfstoffe in Indien verfügt das Serum Institute of India, das mit Gavi zusammenarbeitet – einer weltweiten Allianz für Impfungen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, in Entwicklungsländern den Zugang zu Impfungen zu verbessern. Über 60 Prozent der von Gavi eingekauften Impfstoffe werden derzeit in Indien hergestellt. Außerdem werden in Indien auch Medikamente gegen COVID-19 entwickelt.

Insgesamt lässt sich sagen, dass dieser Artikel nur einen kleinen Überblick über einige der indischen Innovationen und F&E-Bemühungen im Kampf gegen COVID-19 gibt. Die Liste von günstigen, im Markt einfach verfügbaren Lösungen, die in Indien nach dem Motto „lokale Lösungen für ein globales Problem“ entwickelt wurden, ist noch viel länger. Es wird spannend zu beobachten welche weiteren Innovationen in Zukunft noch entwickelt werden.

Autor: Aruna Dhathathreyan

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Wer ist Aruna Dhathathreyan?

Aruna Dhathathreyan ist Professorin und emeritierte Wissenschaftlerin am CSIR – Central Leather Research Institute in Chennai (Indien). Ihre Arbeits- und Forschungsfelder liegen in den Disziplinen Biophysik, biophysikalische Chemie und Oberflächenwissenschaft. 2010 erhielt sie ein INSA-DFG Visiting Fellowship am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung.

Aruna Dhathathreyan war eine der 98 Frauen, deren Biographien in „Lilavathi‘s Daughters“ präsentiert wurden, einem von der Indischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Kompendium indischer Forscherinnen.

Ihr erster Aufenthalt in Deutschland war 1983 am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Es folgten eine Tätigkeit am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung 1996 sowie weitere Aufenthalte in den Jahren 2005, 2010, 2011 und 2014. Außerdem ist sie Mentorin im Alumniportal Deutschland und veröffentlicht regelmäßig Artikel über ihre Zeit in Deutschland.

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Juni 2021

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