Virtual Coffee Break: Lernen in Zeiten von Covid-19

Millionen Kinder weltweit haben wegen der Corona-Pandemie seit Monaten keinen regulären Schulunterricht mehr besucht. Und fast alle Länder stehen seither vor der gleichen herausfordernden Frage: Wie können sie ihren Schülerinnen, Schülern und Studierenden ermöglichen, auch in Zeiten von Covid-19 erfolgreich zu lernen? Das Konzept zum selbstbestimmten Lernen, das das philippinische Physiker-Ehepaar Dr. Maria Victoria Carpio-Bernido und Dr. Christopher C. Bernido im September 2020 in einer Virtual-Coffee-Break-Veranstaltung des Alumniportals Deutschland vorstellte, könnte daher zeitgemäßer nicht sein – obwohl die beiden ihr Konzept schon lange vor der Corona-Pandemie entwickelt haben.

Reaktion auf den Lehrermangel

Christopher C. Bernido und Maria Victoria Carpio-Bernido sind zugleich international renommierte Physiker und Fachleute für Pädagogik und haben zunächst für ihre eigene Schule ein Lernsystem entwickelt, um dem dramatischen Lehrermangel in dem Inselstaat zu begegnen. Es basiert im Wesentlichen darauf, den Schülerinnen und Schülern Materialien zum Selbststudium bereitzustellen – und eine passende Methodik gleich mitzuliefern. Inzwischen ist das „CVIF Dynamic Learning Program“ national sehr erfolgreich und die beiden Humboldtianer erhielten für ihren Einsatz für eine kostengünstige und effektive Grundbildung den Ramon Magsaysay Award, der als „asiatischer Friedensnobelpreis“ gilt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Virtual Coffee Break sind interessiert und mit einer Tasse Kaffee in der Hand aus der ganzen Welt virtuell zugeschaltet – da sind ein Lehrer aus Ruanda und ein Dozent aus Pakistan, ein Professor einer privaten Hochschule aus Marokko, ein Berater aus Äthiopien, ein Mitarbeiter einer Hochschule in Deutschland und viele weitere, für die das Thema eine hohe Dringlichkeit hat. Seit dem Corona-Ausbruch haben virtuelle Unterrichts- und Selbstlernmethoden zusätzliche Bedeutung gewonnen.

Prof. Dr. Christopher Bernido & Dr. Maria Victoria Carpio-Bernido

Christopher Bernido und Maria Victoria Carpio-Bernido sind beide Alumni des Humboldt-Forschungsstipendienprogramms der Alexander von Humboldt-Stiftung, er im Fachgebiet Elementarteilchenphysik, sie in Theoretischer Physik. Für ihr Engagement sowohl für die Wissenschaft als auch für eine innovative, kostengünstige und effektive Grundbildung unter den schwierigen Bedingungen auf den Philippinen wurden sie mit dem Ramon Magsaysay Award ausgezeichnet. Sie haben ein Konzept zum Selbstlernen entworfen und damit die Lehre an der Central Visayan Institute Foundation High School (CVIF) umgestellt. Die mehr als 2.000 Schülerinnen und Schüler des Instituts lernen nach dem CVIF Dynamic Learning Program, die allermeisten offline. Mehr als 90 Prozent haben das vergangene Schuljahr erfolgreich absolviert.

Lernen ohne Internet

Online-Lehre hat jedoch Nachteile, erklärt Christopher C. Bernido, gerade in ärmeren Ländern. Hier hat oft mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler sowie der Studierenden keinen ausreichenden Internetzugriff, auf den Philippinen ist es sogar weniger als ein Drittel. Auch in reicheren Ländern erreicht Online-Lehre oft nicht die gewünschten Ziele – die Schülerinnen und Schüler sind schwer zu erreichen, die Ablenkungen verführerisch groß und die Lehrer-Schüler-Mitschüler-Kommunikation schwierig und zeitverzögert. In der Folge sind sowohl Lehrende als auch Schüler häufig frustriert. Verständlicherweise ringen Schulen und Staaten um tragfähige Konzepte.

Umso überraschender also für die Coffee-Break-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer, dass Christopher C. Bernido und Maria Victoria Carpio-Bernido ein Konzept vorstellen, das teilweise mit einer „Null-Intervention“ der Lehrenden auskommt und keinerlei virtuelle Klassenzimmer oder Videochatformen beinhaltet. Es funktioniert sogar ganz ohne Internet.

Aufgebaut wie Rätselaufgaben fördert das CVIF Dynamic Learning Program die Selbstständigkeit und Eigenmotivation der Lernenden. Über Aufgaben, die auf eine Seite passen („one page activity“), entwickeln die Teilnehmenden Schritt für Schritt Lösungskompetenz und kritisches Denken. Sie tasten sich selbstständig an das Neue heran – beispielsweise an eine Parabelberechnung – und nutzen dafür bereits bekannte Näherungsrechnungen.

Die wöchentlichen Aufgaben können sie entweder an vereinbarten Punkten ihrer Stadt analog abholen und abgeben oder online herunterladen. „Aus allen Schülern können unabhängige Lernende werden“, sagt Maria Victoria Carpio-Bernido. Ihr Konzept ist prozess- statt lehrerzentriert aufgebaut, der Lehrer als Motivationsquelle werde sukzessive obsolet, die durchschnittliche Lehrerenden-Intervention liegt bei 20 Prozent. „Nach einiger Zeit setzt eine intrinsische Motivation bei den Schülern ein, ihre Begeisterung zum Problemlösen und ihr Selbstvertrauen steigen.“ Nicht die Lehrerin oder der Lehrer entscheidet über die Attraktivität des Faches, sondern das Fach selbst.

Vortrag von Christopher Bernido und Maria Victoria Carpio-Bernido im Rahmen der Virtual Coffee Break zu Lernen in Zeiten von Covid-19 (Englisch)

"Education in times of Covid-19: Turning a disadvantage into an advantage"

Schreiben und Neurowissenschaft

Das Konzept der Bernidos sieht vor, dass die Lernenden viel mit der Hand schreiben, um das konzeptionelle Verständnis der Aufgaben zu stärken. „Das Schreiben wird zu einem Teil der Lernzeit und hilft dabei, sich täglich ins Lernen hineinzufinden“, erklärt Christopher C. Bernido. Die Schülerinnen und Schüler tauschen sich telefonisch untereinander aus, wenn sie Fragen haben, oder schreiben diese auf die Aufgabenblätter, die dann an die Lehrenden zur Korrektur zurückgehen. „Wir brauchen keine Eltern als Tutoren, wir helfen den Kindern nur soweit, dass sie sich selbst helfen können.“

Etwa 20 Minuten referieren die Bernidos über ihr Lernkonzept, dann sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dran – die kaum glauben können, was sie gerade gehört haben. Motivation? Verständnis? Unterstützung? Alles über die „one page activity“ abzudecken, versichert Christopher C. Bernido und stellt einige Absolventinnen und Absolventen seiner Schule vor, die es in hohe Positionen in Wissenschaft und Forschung geschafft haben. Nur eines, sagt er, hätten die Eltern erst akzeptieren müssen: dass sie die Kinder in der Lernzeit nicht mit Aufgaben im Haushalt behelligen sollen.

Virtual Coffee Break – ein neues Veranstaltungsformat auf dem Alumniportal Deutschland

Seit Juni 2020 veranstaltet das Alumniportal Deutschland etwa einmal im Monat eine sogenannte „Virtual Coffee Break“, also eine interaktive virtuelle Pause, in der sich Alumni und Mitglieder der Community in entspannter Atmosphäre über ein bestimmtes Thema informieren und austauschen können. Nach einem kurzen Impulsvortag sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dran.

Entwickelt wurde das Format von Daniela Becker, um zu Themen aus Workshops der digitalen Jahrestagung der Humboldt-Stiftung auch mit den Mitgliedern des Alumniportals ins Gespräch zu kommen. Bisher ging es um Themen wie Mobilität, Bildung, Umwelt und Folgen der Corona-Pandemie. Die Themen der Coffee Breaks sind vielfältig und die Organisatorinnen und Organisatoren offen für Ihre Vorschläge. Die nächste Virtual Coffee Break findet am 3. November 2020 zum Thema „Mentoring: what is it and how can it help me?“ statt.

Die Teilnehmerzahl ist auf 20 Personen begrenzt und eine Anmeldung über die Community notwendig. Schauen Sie in den Veranstaltungskalender in der Community, um immer auf dem neuesten Stand zu kommenden Veranstaltungen zu sein.

Autorin: Sarah Kanning

Teaserbild: Eine Schülerin der Central Visayan Institute Foundation High School (Foto: CVIF)

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Oktober 2020

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