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„mHealth“ – Die digitale Zukunft der Medizin? Drei Fragen an C. Peter Waegemann

Vor einem Vierteljahrhundert gehörte C. Peter Waegemann zu den Initiatoren der „elektronischen Patientenakte“ in Deutschland. Heute propagiert er unter dem Stichwort „mHealth“ eine sehr viel weitergehende Digitalisierung des Gesundheitssystems. Das Alumniportal hat mit ihm darüber gesprochen.

Herr Waegemann, Sie gehörten zu den Initiatoren der elektronischen Gesundheitsakte in Deutschland. Heute fordern Sie die Wende der Medizin zu „eHealth“ und „mHealth“. Wofür stehen diese Begriffe?

C. Peter Waegemann: Die Versprechungen der elektronischen Gesundheitsakte sind nicht eingelöst worden. Aber das ist eine andere Geschichte. Meine neue Vision ist ein eHealth-System als Teil einer digitalen Gesellschaft. eHealth hat vier Komponenten, nämlich erstens digitale Funktionen in Diagnoseerstellung und Behandlung, zweitens moderne Kommunikation zwischen allen Bereichen der medizinischen Versorgung, drittens die Einbeziehung des Patienten durch neue Kommunikationsmittel sowie Datenerfassung „zu Hause“ und schließlich, viertens, die Nutzung medizinischer „Social Media“, Big Data und Schwarmintelligenz. Hier gibt es großes Potential, das bisher kaum genutzt wird – insbesondere in Deutschland.

Was sollte Ihrer Meinung nach geschehen, damit dies anders wird?

C. Peter Waegemann: „Mobile Health“, kurz mHealth, ist eine wesentliche, wenn nicht die wichtigste Komponente von eHealth. Das Konzept hat fünf Komponenten. Erstens: Weitgehend uneingeschränkte Zugriffsmöglichkeit zu Daten des Gesundheitsbereichs (vom Arzt bis zum Yogalehrer, einschließlich des Patienten selbst). Zweitens: Neue Wege der Kommunikation mit dem Patienten, zwischen den Patienten und zwischen allen, die beruflich mit der Gesundheit des Patienten zu tun haben. Und das über alle zur Verfügung stehenden Kanäle und unter Einsatz mobiler Diagnose-Apps und Webanwendungen. Drittens: Einsatz Künstlicher Intelligenz für Entscheidungsprozesse. Viertens: Bessere, patientennahe Dokumentation einschließlich Kodierungen für das Finanzwesen und, fünftens, die Anwendung von digitalen Apps in allen Bereichen.

Überall kann das volle Potential erst durch mobile Funktionen ausgeschöpft werden. mHealth ermöglicht die Verlegung des Behandlungsraumes aus Arztpraxis und Krankenhaus in einen virtuellen Raum, in dem die Behandlung via E-Mail, SMS und anderen Kommunikationsarten stattfindet. Mir ist durchaus bewusst, dass manche Aspekte des eHealth-Konzepts im Widerspruch zum deutschen Datenschutz stehen. Aber ich habe die Hoffnung, dass man auch in Deutschland die Gefahren eines falsch aufgefassten Datenschutzes – und die Chancen von mHealth – früher oder später erkennen wird. Nicht zuletzt könnten Arztbesuche durch mHealth um ein Drittel oder sogar die Hälfte reduziert werden.

C. Peter Waegemann war 25 Jahre lang Chef des renommierten Medical Records Institutes in Boston (USA) und hat in 53 Ländern an Universitäten, bei der Ärzteschaft und in Ministerien für eHealth geworben. Er genießt den Ruf eines Vordenkers der digitalen Gesellschaft. Das amerikanische HealthLeaders Magazin hält ihn für eine der 20 einflussreichsten Persönlichkeiten des amerikanischen Gesundheitswesens. Als Autor hat er zuletzt das Buch „Knowledge Capital in the Digital Society“ veröffentlicht. 2013 hat Waegemann nach Jahrzehnten in den USA seinen Hauptwohnsitz nach Berlin verlegt.

Welche Rolle spielt der einzelne Arzt in Ihrer mHealth-Vision?

C. Peter Waegemann: Der Arzt der Zukunft ist das Zentrum aller Patientendaten. Er nutzt Apps in der Praxis, künstliche Intelligenz für Diagnose und Behandlung, tauscht sich regelmäßig mit Kollegen sowie anderen professionell mit der Gesundheit seiner Patienten befassten Menschen aus und überprüft die vom Patienten gesammelten Gesundheitswerte, erläutert sie ihnen und stimmt das weitere Vorgehen mit allen Beteiligten ab. Der Arzt wird durch mHealth zum zentralen Gesundheitscoach seiner Patienten und des gesamten Gesundheitsteams um sie herum. Ja, er kann mit einem Dirigenten verglichen werden, der sich auf alle Orchestermitglieder verlassen muss. Das kostet viel Zeit – aber die Wartezimmer werden ja auch leerer sein! Das Entscheidende ist, dass der Arzt der Zukunft ein Teamplayer sein muss.

Stiftung der Vereinten Nationen: Video-Report „Was ist mHealth?“ (englisch)

Dezember 2014

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