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Ein Online-Museum für Nachrichtentechnik zeigt innovative und schöne Technik

Technische Erfindungen revolutionieren die Wissenschaft und die moderne Datenverarbeitung. Wir trafen Bernd Johann, Gründer des Online-Museums für Nachrichtentechnik und begeisterter Sammler. Wir sprachen mit ihm über die Erfindung von Transistoren und die Bedeutung der modernen Datenverarbeitung für die Wissenschaft.

Ein Mausklick führt uns zum ersten Ausstellungsstück im Online-Museum für Nachrichtentechnik: das M6800-Computersystem von TELEFUNKEN. Herzstück des Systems, so erfahren wir, ist der MC6800CL-Prozessor, eine 1974 auf den Markt gebrachte 8-Bit CPU mit Keramikgehäuse. Auch für Technik-Laien sind die abgebildeten Platinen und Schaltungen ein echter Hingucker und machen neugierig auf weitere Objekte.

Herr Johann, welche technische Erfindung hat Ihrer Meinung nach die Wissenschaft am meisten revolutioniert? Und warum?

In neuerer Zeit die Entwicklung des Transistors. Der Transistor zeigte sich als sehr universell und konnte in der analogen wie digitalen Elektronik Fuß fassen, als Steuer- und Regeleinheit. Beispiele hierfür sind die Steuerung von industriellen Produktionsabläufen oder, wie wir es alle kennen, der Verstärker in Musikanlagen.

Was genau ist oder macht ein Transistor?

Ein Transistor ist ein Bauelement aus der Elektronik, ein aktives Bauelement, hergestellt aus Halbleitern, früher Germanium, heute meist Silizium. Er löste die Elektronenröhre fast vollständig ab. Heutige Mikroprozessoren bestehen aus einigen Millionen solcher Transistoren, die mit ihrem Schaltzustand – offen oder geschlossen - die allen bekannten Nullen und Einsen bilden.

Welche nachhaltige Bedeutung für die Wissenschaft, vor allem was die Datenverarbeitung angeht, stellen Sie an seinem Einsatz fest?

Aus dem Transistor haben sich über das, was man einmal EDV nannte, heute weltumspannende Netzwerke gebildet. Der vordergründige Nutzen lag und liegt ja heute noch in der Bewältigung des Datenaufkommens und der Verarbeitung von Nachrichten. Wir können es uns in der Wissenschaft leisten, immer komplexere Modelle zu entwerfen, ganz gleich aus welcher Fakultät oder Disziplin. Da gibt es für Wissenschaftler enorme Möglichkeiten, um Verbindungen herzustellen. Andererseits beobachte ich, dass allein die digitale Datenmenge, die uns pro Tag auf erreicht, viele überfordert und man gar nicht mehr auf den Punkt kommt.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen? Wie etwa ein innovatives IT-Projekt an einer Universität?

Ich erinnere mich, dass am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bereits vor zehn Jahren alle Vorlesungsmaterialien online abrufbar waren. Hierzulande weiß ich von der Innovationskraft etwa der TU Darmstadt in diesen Angelegenheiten, Zusammenarbeiten mit Unternehmen oder etwa von einem Projekt mit dem Hessischen Rundfunk: “Der Preis des Kostenlosen”. Auch bei der EU und den UN gibt es zahlreiche Bestrebungen, da geht es im Besonderen um das Verteilen von Bildung und Wissen, zum Beispiel durch Open Educational Resources. Inmitten einer starken Kommerzialisierung von Wissenschaft und Bildung sollten wir uns besinnen: Wissen verfügbar machen ist auch ein Ehrenamt.

Wo liegt das Problem?

Offenbar fällt es manchen Menschen unter der Last der technischen Möglichkeiten immer schwerer, die Güte von Ergebnissen zu beurteilen. Ein Effekt, der alle Bereiche der Gesellschaft, auch die Wissenschaft, betrifft. Bei der digitalen Bildbearbeitung bin ich bei der Vielzahl von Optionen einfach überfordert. Wir erkennen inmitten der vielen Möglichkeiten nicht mehr die Referenz, den benennbaren zentralen Wert.

Zur Person

Bernd Johann ist Diplom-Ingenieur der Nachrichtentechnik und IT-Fachmann beim Auswärtigen Amt in Bonn. Er ist Gründer und Kurator des Online-Museums für Nachrichtentechnik.

Zum Online-Museum

Das klingt pessimistisch...

Finden Sie? Für mich ist das eher Ansporn, Leuchttürme zu bauen, um dieser scheinbaren Beliebigkeit zu entkommen, sich aktiv bei der Gestaltung von Werten und deren Behauptung einzubringen.

Möchten Sie mit Ihrem Online-Museum für Nachrichtentechnik dazu beitragen?

Wenn Sie so wollen: Ja. Mit dieser Sammlung von nachrichtentechnischen Geräten aus mehreren Jahrzehnten versuche ich die ungeheuer innovative Kraft von Ingenieursarbeiten zu dokumentieren. Letztlich definiere ich damit einen Kulturwert und zeige den Weg von röhrenbasierten Nachrichtensystemen hin zu einer netztauglichen Workstation.

Die Automatisierung, etwa im IT-Bereich, aber auch in der Medizin, wird ständig umfangreicher, schneller und globaler. Welche Auswirkungen hat das auf die Menschen im Wissenschaftsbetrieb?

Auch im Wissenschaftsbetrieb findet die meiste Arbeit vor dem Bildschirm statt. Ich beobachte, dass das Verwaltungsaufkommen für den einzelnen Mitarbeiter gemessen an seinen Kernaufgaben enorm angewachsen ist; der einzelne Wissenschaftler ist allein mit der Verwaltung des gesicherten Wissens schon sehr beschäftigt.

Stichwort Interdisziplinarität: Wie können Innovationen in der Informationstechnologie oder des Ingenieurswesens für andere wissenschaftliche Bereiche genutzt werden? Was ist Ihre Prognose für die Zukunft – sagen wir, die nächsten 50 Jahre?

Ich könnte mir vorstellen dass es zu einem ausgewogeneren Rechnereinsatz in der Lehre kommt; was bei den Lehrenden mittlerweile eine hohe Portion an Medienkompetenz voraussetzt. Da beobachte ich noch sehr viel Verunsicherung oder Passivität. Ich bin überzeugt: Das Informationszeitalter mit all seinen elektronischen Geräten ist nicht die letzte Innovation. Ich schätze, aus der Biologie werden neue Impulse kommen und unsere Digitalwelt ergänzen.

Juli 2012

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