„Jeder sollte auf Twitter sein!“

Etliche Chemielabore waren an einem Montag Anfang September 2020 in mehr als 40 Ländern verwaist. Einige hundert überwiegend lateinamerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verbrachten diesen Tag auf der LatinXChem, einer digitalen Konferenz auf Twitter. Mehr als 1200 Poster und Videos luden die Chemikerinnen und Chemiker hoch, um ihre Arbeit vorzustellen und sich mit anderen dazu auszutauschen.

Auch der brasilianische Chemiker Felipe Fantuzzi, der an der Universität Würzburg forscht, beteiligte sich. Mehr als 700 mal wurde sein Poster zur chemischen Verbindung von Cyano-Borylenen gelesen, 110 mal geliked. Die kostenlose und niedrigschwellige Konferenz sei insbesondere für Studierende aus ärmeren Ländern eine gute Gelegenheit gewesen, ihre Arbeit zu präsentieren, sagt Fantuzzi. Sie können aus vielerlei Gründen sonst oft nicht an internationalen Meetings teilnehmen.

„Ein voller Erfolg“, sagt auch Ariane Ferreira Nunes-Alves. Die brasilianische Biochemikerin hat die Twitter-Konferenz mitorganisiert. Die Initiatorin des Treffens hat sie dabei nie persönlich getroffen. Das Organisationsteam kommunizierte digital über Zoom und WhatsApp.

Dr. Ariane Ferreira Nunes-Alves

Ariane Nunes-Alves (Jahrgang 1987) ist seit 2019 Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung und forscht als Postdoc am Heidelberger Institut für Theoretische Studien. Die Biochemikerin hat an der Universität São Paulo, Brasilien, promoviert und entwickelt computergestützte Methoden, um die Interaktionen zwischen Proteinen und kleinen Molekülen zu erforschen. Nunes-Alves hat Veranstaltungen mitorganisiert, die die Partizipation und Sichtbarkeit von Minderheiten in der Wissenschaft, erhöhen sollen: z.B. eine Digitalkonferenz über die Auswirkungen der Corona-Krise auf Wissenschaftlerinnen und LatinXChem, eine Poster-Konferenz auf Twitter, bei der lateinamerikanische Chemikerinnen und Chemiker ihre Arbeit vorstellten.


Sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind auf Twitter bereits präsent

Nunes-Alves selbst hat seit 2009 einen Twitter-Account – aber erst seit zwei Jahren nutzt sie ihn aktiv. Da hatte sie einen Wissenschaftsredakteur auf einer Chemie-Konferenz getroffen. Beim Jengaspiel erzählte er ihr, dass er auf Twitter aktiv sei. „Wenn er dort unterwegs ist, sollte ich das auch machen“, dachte sich die Chemikerin. Inzwischen hat sie selbst mehr als 3000 Tweets für ihre inzwischen mehr als 1500 Follower abgesetzt.

„Jeder sollte auf Twitter sein!“, findet sie. Sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seien dort präsent, vor allem auch, um schnell freie Stellenangebote zu finden. Doch Nunes-Alves warnt vor der Suchtgefahr: „Pass auf deine Zeit auf, sonst verbringst du den ganzen Tag auf Twitter.“ Sie hat sich selbst ein Limit gesetzt: jeden Morgen nicht mehr als 20 Minuten.

Dr. Felipe Fantuzzi

Felipe Fantuzzi (Jahrgang 1987) kam 2018 als Postdoc und Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an die Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. Der Chemiker promovierte zuvor an der Universität Rio de Janeiro, Brasilien. Er forscht hauptsächlich an computergestützten Methoden, um elektronische Strukturen, Verbindungen und die Reaktionsfähigkeit von Hauptgruppen und organometallischen Stoffen zu erklären. Fantuzzi hat eine eigene Homepage und hält es für sehr wichtig, dass Forscherinnen und Forscher in sozialen Netzwerken aktiv sind, um Falschinformationen seriöse Wissenschaft entgegenzusetzen.

Wissenschaft demokratischer gestalten

Felipe Fantuzzi hält Twitter ebenfalls für die wichtigste soziale Plattform. „Vor allem während der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig verlässliche Informationen und seriöse Paper sind“, sagt er. So hätten Biologie-Studierende in Brasilien über die Risiken von Corona aufgeklärt. „Sie haben eine Lücke besetzt, die sonst mit Fake News gefüllt worden wäre“, sagt Fantuzzi. Es sei wichtig, die eigene wissenschaftliche Arbeit nicht nur mit Kolleginnen und Kollegen, sondern mit der Gesellschaft zu teilen.

Fantuzzi präsentiert seine Forschung seit 2015 auch auf einer eigenen Homepage, die er entwarf, weil seine brasilianische Forschungsgruppe bis dahin nicht im Netz vertreten war. Er rät anderen Nachwuchsforschenden, vor allem aus Ländern des globalen Südens, ihre Arbeit ebenfalls im Internet zu präsentieren.

Soziale Netzwerke und Online-Konferenzen machen Wissenschaft demokratischer – darin sind sich Ariane Ferreira Nunes-Alves und Felipe Fantuzzi einig. „Auch nach Corona sollte es weiterhin viele Online-Konferenzen geben“, fordert Nunes-Alves. Der ökologische Fußabdruck sei kleiner, da niemand ins Flugzeug steigen müsse, das wiederum erhöhe die Zugänglichkeit. So könnten auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ländern teilnehmen, die kein großes Budget für Forschungsreisen haben.

Das Web als Türöffner

Dass mit einer leichten Zugänglichkeit die Teilnehmenden diverser werden, beweist die kostenlose Online-Konferenz „Women in Science“ Anfang September, die Nunes-Alves ebenfalls mitorganisiert hat. Anlass für die Konferenz war eine Studie, wonach die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen von Frauen während des Lockdowns drastisch sank, während sie bei Männern gleich blieb. Die Referentinnen kamen aus Europa, Amerika und Afrika. Am beeindruckendsten fand Nunes-Alves die Rede einer Pharmakologie-Professorin aus Nigeria. Bei einer physischen Konferenz wären sich die beiden Frauen wohl nicht begegnet.

Soziale Netzwerke können auch Türöffner für eine wissenschaftliche Karriere im Ausland sein. Bei Felipe Fantuzzi hat das virtuelle Forschungsnetzwerk Researchgate sein berufliches Leben nachhaltig verändert. Nachdem er seinen Doktortitel in der Tasche hatte, schrieb er eine Gruppe von Biochemikern aus Würzburg an, welche Möglichkeiten es zur Zusammenarbeit gebe. Ein Professor empfahl das Humboldt-Forschungsstipendium für Postdoktoranden, Fantuzzi bewarb sich – und kam 2018 nach Deutschland.

Marina Shalginskikh

Marina Shalginskikh (Jahrgang 1982) ist noch bis Jahresende Bundeskanzler-Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung und befasst sich mit Kreislaufwirtschaft und Abfallmanagement bei „Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland“. Dafür zog sie mit ihrer Familie für ein Jahr von Moskau nach Köln. Shalginskikh hat VWL studiert und bei Burda Russia im Marketing gearbeitet. Seit einigen Jahren ist sie als Umweltaktivistin und Öko-Bloggerin aktiv. Sie setzt sich für Mülltrennung ein und schreibt in sozialen Netzwerken über einen umweltfreundlichen Lebensstil.

Bloggen für mehr Aufmerksamkeit

Ein anderes Instrument, um seine eigene Forschung zu promoten, ist das Bloggen. Die russische Umweltaktivistin Marina Shalginskikh beispielsweise veröffentlicht Beiträge auf Blogs russischer und deutscher Umweltorganisationen sowie auf ihrer eigenen Facebook- und Instagram-Seite. Mehr als 2500 Menschen folgen ihr.

Einen guten Blogeintrag machen laut Shalginskikh drei Dinge aus: schöne Bilder, ein interessanter Text und das Ich-Format. „Es ist wichtig, eine persönliche Marke zu entwickeln: Wer bin ich? Was mache ich?“, sagt die Umweltaktivistin. Auf Instagram zeigt sie sich zum Beispiel mit ihren Kindern beim „Yoga & Clean Up“ am Kölner Rheinufer. Alle tragen Gummihandschuhe und rote T-Shirts, die Tochter hält eine Tüte mit aufgesammelten Zigarettenstummeln in der Hand, Shalginskikh einen gefüllten Müllsack. Das Foto sieht authentisch aus und vermittelt die Botschaft: Müllsammeln mit Kindern kann durchaus eine nette Freizeitbeschäftigung sein und man tut etwas Gutes.

Bei ihren Followern kam die Aktion gut an. Viele schickten ihr Fotos, die sie ebenfalls beim Müllsammeln zeigten. Immer wieder erhält sie Nachrichten von inspirierten Followern, die wegen ihr den eigenen Alltag verändern. Die Bloggerin ist überzeugt: „Auch wenn die Reichweite klein ist, kann man etwas bewirken.“

Natürlich hat Shalginskikh auch schon Flops erlebt. „Wenn ein Text zu kompliziert ist oder zu viele Fachbegriffe enthält, steigen die Leute aus. Mein Tipp: kurze, verständliche Texte schreiben.“ Sie müssen aber natürlich auch zum Format passen: Für den Blog einer Umweltorganisation schreibt sie längere Texte, für Instagram und Facebook einfache Kurzversionen.

Autorin: Jasmin Siebert

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Oktober 2020

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