2 Finde ich gut

Alles unter Kontrolle

Warum fällt es uns oft so schwer, eine Diät einzuhalten oder Sport zu treiben? Die US-Psychologin Kathleen Vohs erforscht in ihren Experimenten die Ursachen und weiß, wie wir unsere Ziele trotzdem erreichen.

Als sie sechzehn gewesen sei, sagt Kathleen Vohs, habe sie sich drei Dinge für ihr Leben vorgenommen: einen Doktortitel zu erwerben, einen Marathon zu laufen und ein Patent zu besitzen.

Zwei Punkte aus ihrer Liste hat die US-Psychologin, die im September 2014 mit dem Anneliese Maier-Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung ausgezeichnet wurde, bereits abhaken können. Im Jahr 2000 promovierte sie am altehrwürdigen Dartmouth College in Hanover im Bundesstaat New Hampshire, USA. Sie ist nicht nur einen Marathon gelaufen, sondern inzwischen 16. Und wer die energiegeladene Frau erlebt hat, der zweifelt nicht daran, dass sie ihr drittes Ziel, das Patent, auch noch verwirklichen wird.

Kathleen Vohs spricht schnell, manchmal fast atemlos. Jeder Satz von ihr ist fokussiert, bringt die Dinge auf den Punkt. Man spürt förmlich, wie rasch es in ihrem Gehirn arbeitet – und dass sie sich mitunter bremsen muss, um ihr Gegenüber nicht zu überfordern.

Wie es Menschen gelingt, sich zu bremsen, weiß vermutlich niemand besser als Kathleen Vohs selbst: Weltweit gilt die Professorin für Marketing an der University of Minnesota in Minneapolis als Expertin auf dem Gebiet der Selbstkontrolle. Warum geben Menschen mehr Geld aus, als ihnen zur Verfügung steht? Warum fällt es ihnen so schwer, eine Diät einzuhalten oder regelmäßig Sport zu treiben? Das sind nur einige der Fragen, mit denen sich die Preisträgerin beschäftigt und die sie mit dem Heidelberger Sozialpsychologen Klaus Fiedler und dessen Team gemeinsam bearbeitet.

„Selbstkontrolle ist nicht naturgegeben. Man muss sie trainieren.“

Die wohl wichtigste Erkenntnis, die Kathleen Vohs in den vergangenen Jahren gewonnen hat, lässt sich so zusammenfassen: Selbstkontrolle ist eine begrenzte Ressource, die es folglich klug und mitunter auch sparsam einzusetzen gilt. Es bringt also nichts, auf die abendliche Tafel Schokolade und gleichzeitig auf Spontankäufe im Internet verzichten zu wollen? „Ein solch ambitionierter Plan kann eigentlich nur schiefgehen“, sagt Kathleen Vohs und lacht.

Doch sie hat auch eine gute Nachricht parat: Mangelnde Selbstkontrolle ist kein naturgegebenes Manko. Die Fähigkeit, das eigene Verhalten zu kontrollieren und neuen Situationen anzupassen, lässt sich trainieren. „Wer immer wieder in kleinen Schritten Selbstkontrolle übt, wird merken, wie sie ihm zunehmend leichter fällt“, sagt Kathleen Vohs. Ihrer Theorie zufolge kann eine erfolgreich absolvierte Diät sogar dabei helfen, anschließend überlegter mit seinem Geld umzugehen.

Das wichtigste sind die Snacks

Klaus Fiedler, der Kathleen Vohs seit zehn Jahren kennt und für den Anneliese Maier-Forschungspreis nominiert hat, lobt vor allem den unermüdlichen Tatendrang der 43-Jährigen. „Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Entschlusskraft sie an Dinge herangeht“, sagt er. Zudem schätzt er ihre Kreativität, wenn es darum geht, sich Experimente auszudenken, die ihre zuweilen ungewöhnlichen Hypothesen überprüfen.

Für eine ihrer Studien etwa lud sie Menschen, die auf Diät waren, einzeln in ihr Labor ein. Dort hatte sie ein Wohnzimmer nachgebaut, mit einem gemütlichen Sessel, einem Tisch, einer Anrichte und einem Fernseher. Auch Pflanzen und Kerzen fehlten nicht. „Das Wichtigste aber waren die Snacks“, sagt Kathleen Vohs: „Sehr verlockend und ziemlich ungesund sollten sie sein.“

Entscheidend für das Experiment war, dass die Snacks – bunte Schokodragees, Mais-Chips oder gesalzene Erdnüsse – an unterschiedlichen Orten im Zimmer positioniert waren. Bei der einen Gruppe standen sie in greifbarer Nähe. Die Versuchung, sich zu bedienen, war folglich groß. Bei der anderen Gruppe standen die Knabbereien zwar in Sichtweite, aber dennoch in einigem Abstand. Um sie zu ignorieren, war demnach deutlich weniger Willenskraft vonnöten.

Nachdem die Probanden gebeten worden waren, in dem Sessel Platz zu nehmen, sollten sie sich einen Film anschauen. „Es war ein sehr langatmiges Video über ein Schaf, ohne jegliche Handlung“, sagt Kathleen Vohs. Sinn und Zweck dieses Vorgehens war es, dass die Studienteilnehmer sich langweilten und deshalb, je nach Standort der Snacks, mehr oder weniger viel Selbstkontrolle aufbringen mussten, um sich nicht mit Essen abzulenken.

Anschließend wurde es noch gemeiner. Nun bekamen alle Probanden eine Reihe von Aufgaben gestellt. Beispielsweise sollten sie eine Figur nachzeichnen, ohne den Stift zwischendurch abzusetzen. Was niemand von ihnen wusste: Die Aufgaben waren allesamt unlösbar. „Wir konnten feststellen, dass die Teilnehmer, die zuvor in greifbarer Nähe der Snacks gesessen hatten, viel schneller aufgaben als diejenigen, deren Versuchung nur gering gewesen war“, berichtet Kathleen Vohs. „Dieses Ergebnis stärkte unsere Theorie, dass Selbstkontrolle ein limitiertes Gut ist.“

Intensiv wie kaum ein anderer Psychologe hat sich die Forscherin, die bereits mehrere Bücher veröffentlicht hat, auch mit dem Thema Geld beschäftigt. Ihr Interesse dafür erwachte vor gut dreizehn Jahren. „Nachdem ich drei Jahre lang mit dem geringen Verdienst eines Postdocs hatte auskommen müssen, erhielt ich im Jahr 2003 meine erste Stelle als Assistant Professor an der University of British Columbia“, erinnert sich Kathleen Vohs. Damit verbunden war ein tüchtiger Gehaltssprung. „Und auf einmal änderte sich mein Verhalten“, sagt sie. Beispielsweise bat die junge Professorin nicht länger ihre Freunde, sie zum Flughafen zu fahren, sondern nahm stattdessen ein Taxi. Sie bummelte auch kaum noch mit Freundinnen durch Geschäfte, sondern legte sich einen Personal Shopper zu – einen bezahlten Berater, der sich fortan um ihre Garderobe kümmerte. „Kurz gesagt: Ich begann, sehr viel unabhängiger von den Menschen zu leben, die mir wichtig sind“, erzählt die Forscherin.

Dass sie mit dieser Beobachtung auf ein generelles Reaktionsmuster gestoßen war, bewies eine viel beachtete Studie aus dem Jahr 2006, die das Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichte. Darin zeigte Kathleen Vohs beispielsweise, wie leicht Geld einsam machen kann. „Allein der Gedanke ans Geld führt bei den meisten Menschen dazu, dass sie instinktiv mehr Abstand zu anderen halten“, sagt die Forscherin. „Sie bewältigen Aufgaben lieber allein, anstatt andere um Hilfe zu bitten, und sind auch selbst weniger hilfsbereit.“

Auch bei ihrem Lieblingsthema, der Selbstkontrolle, spielt Geld natürlich eine wichtige Rolle: Kathleen Vohs interessiert sich nicht nur dafür, was Geld aus den Menschen macht – sie erforscht auch, wie sie damit umgehen. In einer ganzen Reihe von Experimenten konnte sie beispielsweise zeigen, dass Menschen sich leichter zu unüberlegten Spontankäufen hinreißen lassen, wenn sie zuvor schon auf andere Weise Disziplin üben mussten. „Unser Gehirn funktioniert in gewisser Hinsicht offenbar wirklich nicht viel anders als ein Muskel“, sagt die Forscherin: „Wird es zu sehr beansprucht, funktioniert es danach vorübergehend nicht mehr hundertprozentig.“

Energie sparen für wichtige Entscheidungen

Das scheint auch der ehemalige US-Präsident zu wissen. So berichtete Barack Obama einmal einem Journalisten der amerikanischen Zeitschrift Vanity Fair, er bemühe sich, seine Kraft für Entscheidungen sorgsam einzuteilen – weswegen er vornehmlich graue oder blaue Anzüge trage. Er wolle im Alltag nicht entscheiden müssen, was er esse oder anziehe, erklärte er und berief sich auf entsprechende Forschungserkenntnisse. Im Laufe des Tages müsse er zu viele andere Entscheidungen treffen, für die ihm sonst keine Energie mehr bliebe.

Mit dem Gehirn kann man sich also arrangieren, es lässt sich aber auch überlisten. Zum Beispiel mit Traubenzucker: Kathleen Vohs hat herausgefunden, dass die Aufnahme von Glukose die Fähigkeit zur Selbstkontrolle wieder steigert – was Menschen auf Diät natürlich nur wenig hilft. Für sie eignet sich eine andere Strategie vielleicht besser. „Wer zu unkontrollierten Essattacken neigt, sollte in einer solchen Situation kurz innehalten und sich auf seine Werte besinnen“, rät Kathleen Vohs. „Sich klarzumachen, was einem wirklich wichtig ist im Leben, kann einen – das haben unsere Experimente gezeigt – von manch unüberlegter Aktion abhalten, auch von Spontankäufen.“

 „Wer Disziplin üben muss, ist danach umso leichter verführbar.“

Die Forscherin selbst weiß ganz genau, was ihr wichtig ist im Leben. Weit oben auf ihrer Prioritätenliste steht – neben ihrer Arbeit – die Familie. „Ich war so glücklich, als ich vor zwölf Jahren an die University of Minnesota kommen durfte und so endlich wieder in der Nähe meiner Eltern, Geschwister, Nichten und Neffen war“, sagt Vohs, die bereits eine Weile in Europa gelebt und sechs Kontinente bereist hat.

Ihrer Zeit in Deutschland blickt sie mit gespannter Erwartung entgegen. Gemeinsam mit Klaus Fiedler und seinem Team junger Wissenschaftler will sie in den kommenden Jahren weiter erforschen, wie sich die Fähigkeit zur Selbstkontrolle langfristig steigern lässt. Er habe sich um das Thema bisher vor allem mit Blick auf kognitive Entscheidungen gekümmert, sagt Fiedler. Kathleen Vohs hingegen sei auf das Verhalten von Konsumenten spezialisiert. „Ich denke, dass wir uns in unserer Arbeit gut ergänzen und gegenseitig inspirieren werden“, sagt der Sozialpsychologe.

Kathleen Vohs freut sich unterdessen nicht nur auf die Arbeit in Heidelberg, sondern auch auf die Pfälzer Weine, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Denn sogar eine Forscherin, die sich so intensiv mit dem Thema Selbstkontrolle beschäftigt, ist nicht frei von kleinen Lastern: Sie könne, gesteht sie, nur schwer an einem Weinladen vorbeigehen, ohne haltzumachen und einen guten Tropfen zu kaufen.

Autorin: Anke Brodmerkel

Dieser Beitrag wurde ursprünglich in Humboldt Kosmos 103/2014 publiziert.

Humboldt Kosmos ist das Magazin der Alexander von Humboldt-Stiftung.


Aktualisiert: Oktober 2017

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