Virtuell arbeiten, forschen und vernetzen

Gastbeitrag von Dr. Maria Bostenaru Dan

Beruflich und privat habe ich schon früh begonnen, virtuell zu arbeiten. Vor allem weil ich in Karlsruhe eine berufsorientierte Zusatzausbildung im Bereich „Arbeiten mit Multimedia“ absolviert habe, aber auch, weil ich schon immer mit vielen Menschen in engen Kontakt stehen, die weit entfernt leben – ob Familie oder Freunde.

Meine erste Homepage erstellte ich deshalb schon im Jahr 1999, HTML habe ich mir damals selbst beigebracht. Sie war auf Rumänisch, Ungarisch und Deutsch verfügbar, damit alle meine Bekannten sie auch lesen konnten. Mittlerweile bin ich auf Facebook umgestiegen und schreibe alle Posts auf Englisch, weil mein Freundeskreis und Netzwerk noch internationaler geworden sind.

Ich möchte Ihnen nun unterschiedliche Bereiche vorstellen, in denen man virtuell gut akademisch zusammenarbeiten kann.

1. Vereinsarbeit

Vor über 20 Jahren verließ ich meine Heimat Rumänien und ging mit einem EU-Mobilitätsstipendium (TEMPUS) nach Deutschland. Von 1996 bis 2006 wohnte ich im Studentenwohnheim HaDiKo (Hans Dickmann Kolleg) in Karlsruhe. 1998, kurz vor meinem Diplom, begann ich, mich in der Selbstverwaltung des Wohnheims zu engagieren. Nach meinem Diplom wollte ich mein dortiges Engagement noch steigern und bewarb mich um eine Position im Vorstand. Ich war ein Jahr lang Haussprecherin und in mehreren Gremien tätig.

Da alle Mitglieder der Verwaltung auf einer geografisch sehr begrenzten Fläche lebten, nämlich in den fünf Wohnheimhäusern, fanden unsere regelmäßigen Treffen natürlich physisch statt. Wir bereiteten die Wohnheimfeste vor, verteilten Aufgaben und stimmten uns in erweiterten Gremien ab. Auf virtuelle Formate stieg ich erst um, als ich mit meinem Marie Curie Stipendium nach Italien ging und mich dort nicht mehr nur lokal, sondern auch global engagierte. Nach meinem ersten Marie Curie Aufenthalt 2003 in Pavia trat ich der Marie Curie Fellows Association bei. Kurz darauf wurde ein Advisory Board gegründet, in dem ich Mitglied war.

Die Mitglieder der Gremien saßen in unterschiedlichen Ländern. Reisen und gemeinsame Veranstaltungen waren aus finanziellen Gründen für uns nicht möglich, also mussten wir über unsere Website kommunizieren und zusammenarbeiten. Das machten wir vor allem über Foren oder Mailing-Listen. Als ich etwas später, von 2010 bis 2017, dem Administrative Board beitrat, war die Technik schon etwas fortgeschrittener. Wir haben Board Meetings über Doodle vereinbart, und diese zuerst via Skype, später via Google Hangouts abgehalten.

White Papers, Broschüren, und anderen Publikationen haben wir mit Google Docs erstellt und miteinander geteilt. Teilweise haben wir auch sehr aufwendige Konferenzen und Events virtuell geplant, wie die Jahreskonferenzen oder unsere Teilnahme am EuroScience Open Forum. Wir haben auch Surveymonkey verwendet, um mit unseren Mitgliedern zu kommunizieren.

2. Archivforschung

Im ersten Jahr (2011), als ich Teil des Marie Curie Fellows Association Administrative Boards war, lernte ich ein Mitglied aus Deutschland kennen. Zufällig nahm ich im Dezember 2011 an einer Konferenz der European Science Foundation (ESF) in Spanien teil. Zu dieser Zeit hatte ich schon das DFG-Forschungsstipendium und die beiden Marie Curie Individual Fellowships hinter mir und musste mich nun für jeden Travel Award einzeln bewerben.

Eine andere Möglichkeit, zu reisen und mich zu vernetzen, boten aber die COST Actions der EU. Durch meine ESF-Ansprechpartnerin bin ich dann auf das Network for Digital Methods in Arts and Humanities (NeDiMAH) gestoßen, das zufällig der oben genannten Bekannte aus dem Administrative Board koordiniert. Mit dem Projekt sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammengebracht werden, die digitale Methoden in den Kunst- und Geisteswissenschaften verwenden. Ich habe mich beworben, und wurde ein Steering Committee Member. Wegen meiner Erfahrung zum Thema „Arbeiten mit Multimedia“ habe ich meinen Schwerpunkt auf Digital Humanities gelegt.

Digital Humanities umfasst unter anderem auch die virtuelle Archiv-Arbeit. Auch wenn Italien kein NeDiMAH-Mitglied war, konnte ich während meines Postdoc-Aufenthaltes in Rom in zahlreichen Digital Humanities-Datenbanken forschen, vor allem von ausländischen Institutionen, die in Rom ansässig sind. Ich kann mir jetzt immer noch Konferenzen anhören, Bilder suchen, online Ausstellungen ansehen.

Digital Humanities-Zentren gibt es aber nicht nur in Italien. Mein Secondment beim Canadian Centre for Architecture in Montreal habe ich durch die virtuelle Suche in der Sammlung vorbereiten können. Am besten ist es, wenn man sich nicht zwischen virtuell oder vor Ort entscheiden muss, sondern beides machen kann. Bei meinem Secondment in Kanada habe ich mich zwar virtuell vorbereitet, bin jedoch auch in Montreal gewesen, um die Unterlagen zu erforschen.

3. Digitaler Unterricht

Ich bin aufgrund meiner Vorlesungsbesuche im Bereich Informatik in Karlsruhe an der FernUniversität in Hagen für einen Master in Praktische Informatik angemeldet. Aber ich habe auch schon zahlreiche MOOCs von arcGIS und edX erfolgreich absolviert. Außerdem habe ich von 2012 bis 2015 beim New York City College als Online Reviewer gearbeitet. Meine Erfahrungen kann man in zwei Artikeln nachlesen: 

4. Konferenzen

Ich habe schon an sehr vielen Konferenzen physisch teilgenommen, zum Beispiel auch am Le Notre Forum und dem European Geosciences Union General Assembly (EGU GA). Dieses Jahr habe ich an beiden Veranstaltungen online teilgenommen und konnte meine Erfahrungen in einem gerade fertiggestellten Review vergleichen.

5. Tipps zur aktuellen Krisensituation

Beinahe drei Monate habe ich nun in der Wohnung verbracht, nur gelegentlich war ich an der frischen Luft. Man sollte sich immer wieder klar machen, dass auch die eigene Wohnung von toller Natur umgeben ist. Wer das Reisen dann aber doch vermisst, kann es wie ich bei der letzten Online-Konferenz machen: Ich habe mich vom ursprünglich geplanten Konferenzort inspirieren lassen und mir dann landestypische Speisen gekocht. Das ist ein bisschen wie verreisen ohne zu verreisen.

Gastautorin: Dr. Maria Bostenaru Dan

Beiträge externer Autoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Wollen Sie noch mehr Tipps zum virtuellen Arbeiten und Forschen, dann vernetzen Sie sich in unserer Community.

Zur Community

Dr. Maria Bostenaru Dan

Dr. Maria Bostenaru Dan studierte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Architektur. Nach ihrem Studium forschte Sie in Karlsruhe im Graduiertenkolleg „Naturkatastrophen“ zum Katastrophenmanagement.

Aktuell arbeitet sie als Wissenschaftlerin an der Ion Mincu University of Architecture and Urbanism in Rumänien.

Juni 2020

Jetzt kommentieren