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Wohlstand: Wann geht es einer Gesellschaft gut?

Wohlstand und steigende Wirtschaftsleistung, gemessen als „Bruttoinlandsprodukt", sagen nichts über die Lebensqualität der Bürger eines Staates aus. Sie informieren nicht darüber, ob die Menschen dort zufrieden sind, ob sie sich wohl oder sicher fühlen.

Selbst wenn das Einkommen und damit die Kaufkraft in einem Land im Durchschnitt hoch sind, bleiben die Fragen: Sind Güter auch gerecht verteilt? Hat jeder die gleichen Chancen auf Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung? Auch vom Zustand der Umwelt hängen Wohlstand und Lebensqualität ab. In immer mehr Ländern wird über neue Indikatoren für Wohlstand nachgedacht.


Wohlstand ohne Wachstum

Schon 1972 gab es erste Kritik daran, das Bruttoinlandsprodukt als alleinigen Indikator für Wohlstand zu definieren. Damals verwies der Club of Rome, eine internationale Vereinigung von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik, auf die Grenzen des Wachstums: Wächst die Wirtschaft so weiter, geht es allen am Ende schlechter. Die Lebensqualität sinkt, denn Umweltzerstörung, soziale Ungerechtigkeit sowie Ausbeutung von Ressourcen sind die Folgen ungebremsten Wachstums. Diese Sorgen sind bis heute aktuell.

Regierungen – etwa in Frankreich, Kanada, Großbritannien, Schweden und Deutschland – setzten daher Kommissionen ein, die nach umfassenderen und besseren Indikatoren suchen, um Wohlstand und Lebensqualität zu messen. Einen Anfang machte 2008 Frankreich. Die von Präsident Nicolas Sarkozy eingesetzte Kommission wurde von den Ökonomie-Nobelpreisträgern Joseph E. Stiglitz und Amartya Sen geleitet. Sie empfahlen: Um Wohlbefinden besser zu bestimmen, sollte man mehr darauf achten, wie Einkommen, Konsum und Vermögen in einer Gesellschaft verteilt sind. Auch politische Mitbestimmung spielt bei der Wahrnehmung der eigenen Lebensqualität eine Rolle.

Wohlstand anders messen

„Für gesellschaftlichen Fortschritt ist die Suche nach dem Glück ebenfalls wichtig“, sagt zum Beispiel der Evolutionsökonom Martin Binder vom Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena. In seiner preisgekrönten Doktorarbeit stellte er eine neue Methode für die Messung von Wohlstand und Lebensqualität vor. Er nutzte dafür empirische Erkenntnisse aus der Glücksforschung, der Psychologie, Biologie und Neurowissenschaft. „Man weiß inzwischen, dass ein Einkommen ab einer bestimmten Höhe nicht mehr so entscheidend für das Glück des Einzelnen ist“, sagt Martin Binder. Von Bedeutung dagegen sind soziale Kontakte, Familie, Selbstbestimmung im Beruf oder ehrenamtliche Arbeit. „All das macht Menschen glücklich.“


Wahrem Wohlstand auf der Spur

Die Suche nach dem besseren Maß für Wohlstand und Lebensqualität geht weiter. Aktuell wurden in Großbritannien rund 200.000 Menschen nach ihrem Wohlbefinden und ihren Sorgen befragt. Die Umfrage soll der Politik helfen, die Zufriedenheit der britischen Gesellschaft zu verbessern. In Deutschland werden derzeit unterschiedliche Vorschläge aus der Forschung in einer politischen Kommission diskutiert unter dem Thema: „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“.

Wieweit sich neue Indikatoren für Zufriedenheit in einzelnen Gesellschaften unterscheiden, wird die nächste spannende Frage sein.

Was macht für Sie Wohlstand und Lebensqualität aus? Nach welchen Kriterien sollten diese gemessen werden? Was bedeutet Glück in Ihrer Heimat? Schreiben Sie uns Ihre Vorschläge und diskutieren Sie diese mit anderen Alumni.

November 2011

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Kommentare

Felix Krause
26. August 2016

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