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Haben Sie Zeit? – Zeitmanagement bestimmen Kultur und innere Uhr

Gutes Zeitmanagement in Deutschland, das da bedeutet, viel Arbeit wird in wenig Zeit erledigt – und zwar pünktlich. Aber nicht überall auf der Welt ticken die Uhren gleich, nicht einmal in jedem Menschen. Zeitkulturen und Zeittypen unterscheiden sich.

„Ich habe gar keine Zeit mehr“, klagen vor allem Menschen in den Industrienationen. Viele suchen Lösungen in Seminaren für Zeitmanagement. Dort hoffen sie auf Tipps, wie sie ihren Zeitdruck lindern und ihre Zeit besser einteilen können. Woran liegt es, dass viele Menschen die Zeit restlos ausschöpfen und ideal managen möchten? Warum ist zum Beispiel den Deutschen Pünktlichkeit so wichtig? Sie ärgern sich bereits über Verspätungen von fünf Minuten und geraten in Stress, wenn sie Aufgaben nicht „in der Zeit“ schaffen.

„Der Umgang mit Zeit entsteht zum Beispiel in Zusammenhang mit Religion“, sagt Hede Helfrich, Professorin für interkulturelle Kommunikation an der Technischen Universität Chemnitz. So hat etwa der Protestantismus die Menschen dazu angehalten, während ihrer Lebenszeit besonders viel zu leisten. „Das hängt mit der Vorstellung von Gott und vom Jenseits zusammen: Am Erfolg der Arbeit zeigt sich, welches jenseitige Schicksal Gott dem Menschen zugewiesen hat.“ Wer im Leben viel leistet, profitiert davon im Jenseits. In protestantisch geprägten Gesellschaften setzte sich daher ein Arbeitsethos durch, der bis heute auf erfolgreiches Zeitmanagement und Pünktlichkeit setzt.

Ganz andere Zeitvorstellungen haben Gemeinschaften, deren Geschichte von Armut geprägt ist, meint die Psychologin: „Wer keine Perspektiven hat und nicht weiß, ob er den nächsten Tag erlebt, konzentriert aus Not sein Zeitmanagement auf den gegenwärtigen Moment.“ Was später oder morgen passiert, verliert an Bedeutung.

Politisch gefordert: besseres Zeitmanagement

Wann wird Zeitmanagement zum Thema der Politik? Mit der Beschleunigung des Lebensrhythmus vor allem in Großstädten dürften die Bewohner nicht alleingelassen werden, meint der Hamburger Politikwissenschaftler Ulrich Mückenberger. Er gehört zum Vorstand der deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Wie kann man etwa verhindern, dass den Menschen im Alltag und Arbeitsleben Zeit „geraubt“ wird? Es gebe ein „Recht auf die eigene Zeit“. Das aber werde durch unterschiedliche Missstände eingeschränkt, sagt der Wissenschaftler. Warum zum Beispiel sind Bibliotheken am Abend geschlossen, wenn Menschen Zeit zum Lesen haben? Warum sind Kindergärten oft für zu kurze Zeit geöffnet? „Menschen sollen in die Lage versetzt werden, ihren Alltag nach eigenen Bedürfnissen zu organisieren“, sagt Ulrich Mückenberger. Dafür setzt sich Zeitpolitik ein.

Zeitmanagement je nach Zeittyp

Es ist sinnlos, Menschen zu einem Zeitschema zu zwingen, das nicht ihrem Typ entspricht. Chronobiologen haben herausgefunden, dass Körpervorgänge rhythmisch ablaufen, aber nicht bei jedem gleich. Die biologische Zeit ist weitgehend genetisch festgelegt. Klug wäre es, das Zeitmanagement nach der inneren Uhr auszurichten. Nicht immer geht das. „Arbeits- und Schulzeiten ignorieren häufig die innere Uhr”, sagt der Chronobiologe Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians Universität München. In Deutschland orientieren die sich vorwiegend an Frühaufstehern. „Viele Menschen leben deshalb in einem permanenten Jetlag.“

Welcher Zeittyp sind Sie?

Schreiben Sie uns von Ihrem Zeitrhythmus und welcher kulturelle Umgang mit Zeit Sie geprägt hat. Wie empfinden Sie Ihr eigenes Zeitmanagement und das der Gesellschaft in Ihrer Heimat? Wie wichtig ist für Sie Pünktlichkeit? Zur Community-Dikussion über Zeitmanagement in der Gruppe Arbeitswelten

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Januar 2012

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Kommentare

Charlotte
11. September 2012

Mein Freund kommt aus Spanien und hat mir erzählt, dass im Gegensatz zu Stereotypen viele Spanier viel länger arbeiten und früher aufstehen als die Deutschen, die auch viel öfter Mittagsschläfchen machen. Das Problem, behauptet er, ist, dass die Spanier im Vergleich nicht so effizient arbeiten wie die Deutschen.

Rainer
20. August 2012

Pünklichkeit wird in Brasilien mit langen Wartezeiten bestraft. So meine Erfahrung! Für Menschen die immer alles sicher planen wollen ein Graus, ist aber menschlich!

Paul E.
20. März 2012

In meinem Geburtsland (Südafrika) sind die Leute Frühaufsteher (wahrscheinlich wegen der historichen Nähe zum Farmen). Ich musste fast 16 Jahre lang um 6 Uhr aufstehen, und mich durch den Morgen schleppen (besonders als Teenager u. Student) bis ca. 11 Uhr, wo ich gut funktionieren konnte. \r\n\r\nMittlerweile, kann ich meine Anfangszeit bei der Arbeit freier gestalten, und fange erst um ca. 10 Uhr an, und arbeite dann später, wodurch ich mehr produktiv arbeiten kann.

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