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Wissen schafft Vertrauen

Wissenschaft gedeiht durch den Aufbruch ins Unbekannte und die Suche nach Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit. Wie können angesichts dieser anspruchsvollen Reise Vertrauen über Grenzen und Disziplinen hinweg und in der Mitte der Gesellschaft aufbauen? Beim Humboldt-Kolloquium in Peking ging es kürzlich um diese Frage.

In einem Interview mit Alumniportal Deutschland haben zwei Humboldtianer und Deutschland-Alumni die Debatte unter dem Titel „Vertrauen verbindet – Das chinesisch-deutsche Forschungsnetzwerk der Zukunft gestalten“ fortgesetzt: Professor Jay Steven Siegel, Experte aus den USA für organische Molekularchemie und Träger des Humboldt-Forschungspreises, lehrt und forscht an der Tianjin-Universität in China. Dr. Ting Guan ist Sozialwissenschaftlerin und Dozentin an der Pädagogischen Universität Peking und war Stipendiatin des Bundeskanzler-Stipendiums.

Die meisten Menschen würden zustimmen, dass Herausforderungen wie der Klimawandel oder die Weltgesundheit nur gelöst werden können, wenn interdisziplinär daran geforscht wird. Wie kann das gegenseitige Vertrauen zwischen verschiedenen Disziplinen gestärkt werden?

Ting Guan: Es gibt eindringliche Forderungen nach interdisziplinärer Forschung, vor allem in den oben genannten Gebieten und in meinem eigenen Forschungsbereich, den Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs). Die Ziele für nachhaltige Entwicklung decken sehr breite Felder ab. Viele sagen, dass die Ziele für nachhaltige Entwicklung nur als politischer Kompromiss gelten können und nicht zu neuen Errungenschaften führen werden. Ich jedoch finde, dass die Ziele für nachhaltige Entwicklung wie auch andere globale Anliegen als Anstoß zu interdisziplinärer Zusammenarbeit gesehen werden können, bei der Neues gemeinsam erforscht wird und neue Lösungen (für globale Herausforderungen) gefunden werden.

Eine solche Zusammenarbeit bietet Forschenden unterschiedlicher Gebiete Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren, voneinander zu lernen und ihre Sichtweisen und Sachkenntnis bestimmter gemeinsamer Probleme weiterzugeben. Zum Beispiel habe ich im Juli einen Experten für Umweltwissenschaften eingeladen, an der Tsinghua-Universität über die Implementierung der Ziele für nachhaltige Entwicklung zu berichten. Er lieferte anhand relevanter Daten eine perfekte Analyse der Abwägungen zwischen ökologischem Fußabdruck und den Zielen für nachhaltige Entwicklung. Seine Schlussfolgerung war, dass man die Ziele für nachhaltige Entwicklung nicht implementieren sollte, wenn man den ökologischen Fußabdruck reduzieren will.

Ich hingegen vertrete als Sozialwissenschaftlerin eine andere Sichtweise, da unterschiedliche Disziplinen unterschiedliche Annahmen und Forschungsmethoden haben. Obwohl wir in dieser Sache nicht gleich einen Konsens erreichen werden, gibt uns der Austausch die Chance, einander besser zu verstehen. Daher planen wir eine Forschungszusammenarbeit zu diesem Thema.

Jay Steven Siegel: Mir fällt es nicht schwer, der in den Geisteswissenschaften geleisteten Arbeit zu vertrauen. Man muss sich nur einmal die verwendeten Untersuchungsmethoden und Vorannahmen ansehen. Das Beispiel von Dr. Guan ist sehr hilfreich. Wenn der Entscheidungsbaum lediglich von Daten abhängt, könnte man sagen, dass wir keine Ziele für nachhaltige Entwicklung brauchen, da diese Ziele nur Anforderungen darstellen. Aber der Entscheidungsbaum wird nicht von Daten gesteuert, sondern von Menschen. Diese Ziele haben eine Voraussetzung dafür geschaffen, sich mit diesen Daten zu beschäftigen.

In den Geisteswissenschaften oder dort, wo Wissenschaft Politik beeinflusst, gibt es oft datentechnische Beschränkungen, mit denen sich ein Naturwissenschaftler unwohl fühlen würde. Nichtsdestotrotz muss sich ein Sozial- oder Politikwissenschaftler damit befassen. Es ist die Kommunikation, die verbessert werden muss. In mancherlei Hinsicht brauchen Berichterstatter ein besseres Verständnis der Untersuchungsmethoden in diesen beiden Bereichen und der Tatsache, dass sie die Ergebnisse von Experimenten oder Studien in den Geisteswissenschaften nicht einfach so übertragen können, wie sie es bei einer naturwissenschaftlichen Studie tun würden. Wenn Informationen in den richtigen Kontext gesetzt werden, sehe ich Vertrauen nicht als gefährdet an.

Dr. Ting Guan

Pädagogische Universität Peking (Beijing Normal University), China, Disziplin: Sozialwissenschaften

2013/14 Bundeskanzler-Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Forscht aktuell zu „Sustainability in a digitalized industry: A comparative study from China, Germany & Brazil“ in einer AvH-finanzierten Institutspartnerschaft mit dem Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung.

Apropos Kommunikation. Bemerken Sie länderspezifische Unterschiede, wenn es um die Vermittlung von wissenschaftlichen Themen an die Öffentlichkeit geht?

Ting Guan: Die öffentliche Sichtbarkeit deutscher Institute unterscheidet sich sehr von jenen in China. Meiner Ansicht nach ist die Wissenschaft in Deutschland eher ein öffentliches Thema und Forschende werden dazu ermutigt, ihre Ergebnisse oder Ideen an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Ich habe erlebt, dass junge Forschende dazu ermutigt wurden, kurze Videos zu drehen, um ihre Ergebnisse lebhaft und verständlich in den sozialen Medien zu präsentieren. Bei der Wissenschaftskommunikation in China liegt der Schwerpunkt von Forschenden vor allem auf Zeitschriften oder Politikvorschlägen. Wenn Forschende ihre Ergebnisse in die Öffentlichkeit tragen wollen, nutzen sie in der Regel traditionelle Informationskanäle wie die Mainstream-Medien, die dem Top-down-Ansatz folgen.

Währenddessen ist auch zu beobachten, dass Apps wie Weibo oder WeChat zu Plattformen werden, auf denen Forschende ihre Ideen teilen können. Eine meiner Kolleginnen teilt beispielsweise sehr gerne ihre Ergebnisse mit anderen und hat daher einen WeChat-Account angelegt, um Fragen und Gedanken aus ihrer Forschung zu teilen. Natürlich hängen solche Fälle von Wissenschaftskommunikation aber immer mit der persönlichen Motivation zusammen.

Jay Steven Siegel: Was die Berichterstattung anbelangt, glaube ich, dass es in Europa besser gelingt, komplexe Themen zu präsentieren. Ich glaube, das liegt daran, dass die Bürger dort im Allgemeinen eher bereit sind, solche Themen zu lesen, aufzunehmen und zu diskutieren. In den USA hängt dagegen vieles von finanziellen Aspekten und der Popularität ab.

In China werden die Nachrichtenmedien natürlich überwiegend von der Zentralregierung gesteuert, was sich auf viele Themen auswirkt. Mich hat beeindruckt, dass ich als ausländischer Experte jedes Jahr zu einem Meeting eingeladen werde, bei dem wir über Politik diskutieren. Die Ergebnisse dieser mehrtägigen Meetings gehen direkt an Ministerpräsident Li Keqiang. Tatsächlich hat er viele Punkte und Anmerkungen aus diesen Sitzungen berücksichtigt. Wir haben selbst schon Veränderungen festgestellt. Was meine eigene Situation anbelangt, hat sich die Art, wie ausländische Experten in China behandelt werden, in den letzten acht bis zehn Jahren drastisch verändert.

Ting Guan: Auf chinesischer Seite gibt es tatsächlich viele Kanäle, über die man seine Ergebnisse an die Regierung kommunizieren kann. Das ist weniger kompliziert oder bürokratisch, als sich das so mancher vorstellt. Die chinesische Regierung möchte wissen, was im Land vor sich geht, wie sie der Öffentlichkeit besser dienen und wie sie Governance-Systeme modernisieren kann.

Sehen Sie im Hinblick auf die Öffentlichkeit die Gefahr, dass das Vertrauen in die Wissenschaft untergraben wird? Wie könnte dies verhindert werden?

Jay Steven Siegel: Ich denke, das Risiko des Vertrauensverlusts ist da, und es ist enorm. Das hat seinen Ursprung unter anderem in einer Konfrontation zwischen der intellektuellen Elite und den Normalbürgern. Propaganda heißt nicht unbedingt politische Propaganda, sondern kann auch bedeuten, dass jemand eine Debatte in dem Wissen anfängt, wo diese Debatte enden soll. Und es gibt diese Arroganz von Intellektuellen, ihrem Gegenüber nicht alle Neuigkeiten und Informationen mitzuteilen. Das erzeugt Misstrauen. Wir bewegen uns immer weiter weg von der Meinungsfreiheit zur Meinungspolarisierung. Alles, was uns wieder dazu bringt, die Bevölkerung zu informieren, und zwar objektiv zu informieren, wird das Vertrauen stärken.

Professor Jay Steven Siegel

Dekan der Fakultät für Pharmazeutische Wissenschaft und Technologie, Tianjin-Universität, China

Im Jahr 2018 wurde er zu einem der 40 einflussreichsten ausländischen Experten im Zuge der 40-jährigen Reform- und Öffnungspolitik Chinas ernannt und erhielt den Humboldt-Forschungspreis.

Wie gestaltet sich die Situation für junge Menschen, die in die Wissenschaft gehen?

Ting Guan: Ich selbst sehe mich als Forscherin in einer frühen Karrierephase. Ich denke, die meisten jungen Forschenden in China stehen unter einem großen Druck im Hinblick auf Publikationen, Stipendien und/oder Lehrtätigkeiten. Also müssen wir hart arbeiten und optimistisch sein, um nachhaltig unsere Gesundheit und Produktivität zu erhalten. Ich denke, kurzfristig wird sich an dieser Situation nichts ändern. Meiner Meinung nach spiegelt der hohe Druck auf junge Forschende die Entwicklungsphase wider, in der sich das Land aktuell befindet.

Die rasante wirtschaftliche Entwicklung in China fordert ihren Tribut. Die hohen Erwartungen, denen sich junge Forschende gegenübersehen, sind ein Beispiel dafür. Meine Empfehlung für junge Menschen, die in die Wissenschaft gehen, wäre: Bewerbt euch für Programme wie die Humboldt-Programme. Ich selbst war als Doktorandin in Deutschland. Von mir wurden damals keine Veröffentlichungen erwartet, aber ich habe sehr erfolgreich mit meinem Gastgeber zusammengearbeitet, habe ungehindert Wissen aufgesaugt und mich dazu entschieden, Sozialwissenschaftlerin zu werden. Jenes Jahr war ein großer Ansporn für mich und hat mich dazu ermutigt, meiner intrinsischen Motivation für die Wissenschaft zu folgen.

Professor Siegel, ist das ein gutes Beispiel dafür, wie Wissenschaft funktionieren sollte?

Jay Steven Siegel: An dem Institut, das wir gegründet haben, der „School of Pharmaceutical Science and Technology“, haben wir erkannt, dass genau diese Freiheit und dieses Vertrauen gebraucht werden. Wir wissen, dass Universitäten in ganz China nach allen möglichen Dingen fragen wie der Anzahl der Publikationen oder Stipendien oder nach bestimmten Praktika. Diese Erwartungen sind unrealistisch, wenn man Wissenschaftler ausbilden möchte. Solche Anforderungen vernichten die kritischen Fähigkeiten der Fakultät. Denn wenn ich eine Arbeit kritisiere, veröffentliche ich sie vielleicht nicht. Und wenn bereits ein akzeptiertes Modell vorhanden ist, kann ich es ebenso gut akzeptieren und damit arbeiten. Aber wenn man ein Arbeitsmodell einfach nur akzeptiert, statt es in Frage zu stellen, kann das zu Misserfolg führen. Die Auferlegung messbarer Ziele ist verknüpft mit der heterogenen Landschaft der Hochschulbildung und -forschung in China.

Es gibt über 4.000 Universitäten und China ist schlicht noch nicht in der Lage, sein eigenes Hochschulsystem zu kontrollieren. Es gibt noch immer Tausende Universitäten mit guten Leuten, die nicht wissen, was Forschung oder Untersuchungsmethoden sind und die keine angemessene Frage formulieren können. Nicht, weil sie nicht ethisch oder vertrauenswürdig wären, sondern weil es für sie nicht greifbar ist. An den Top-Universitäten gibt es jedoch einen angemessenen Anteil an Leuten, die von der eigenen Leidenschaft getrieben sind und kritisch denken. Sie brauchen keine Liste, auf der steht: „Bitte veröffentlichen Sie zehn Aufsätze.“ Sie sind sehr talentiert und sollten Entscheidungsfreiheit besitzen, denn sie folgen ihrer eigenen Leidenschaft.

Interview: Daniela Becker

Dezember 2019

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