2 Finde ich gut

Vom Waisenkind zum Bundestagsabgeordneten

Als die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik 1989 für Freiheit auf die Straße gingen und schließlich die Mauer tatsächlich fiel, brach für Karamba Diaby eine Zeit der Verunsicherung an. Der gebürtige Senegalese war einige Jahre zuvor mit einem Stipendium in die DDR gekommen, um Chemie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu studieren. „Was passiert, wenn es das Land, das dich eingeladen hat, nicht mehr gibt?“, fragte er sich. Was wäre dann mit dem Stipendium? Würde er in die Heimat zurückkehren müssen, ohne Studienabschluss und damit als „Versager“, wie er befürchtete?

Doch es kam glücklicherweise anders, wie Dr. Karamba Diaby Ende November 2019 bei der Willkommensfeier für DAAD-Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Berlin und Brandenburg in der Freien Universität in Berlin (FU) erzählte: Der DAAD sprang ein und führte die Stipendienprogramme der DDR fort. Mehrere tausend junge Männer und Frauen konnten so weiterstudieren. „Ich bin sehr dankbar, dass der DAAD damals mein Stipendium übernommen hat“, erinnert sich Diaby. Seitdem hat er es weit gebracht: Er ist seit 2013 Abgeordneter im Deutschen Bundestag – der erste mit afrikanischen Wurzeln.

Studienstipendium in der DDR

Mehr als 200 Bachelor- und Master-Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden, Postdocs und Forschende, allesamt aktuelle DAAD-Stipendiatinnen und Stipendiaten, lauschten in Berlin Diabys spannenden Erzählungen. Dass sein Weg ihn vom Senegal einmal in den Deutschen Bundestag führen würde, war nämlich alles andere als vorgezeichnet. Als Kind hatte Diaby beide Eltern verloren und war bei seiner Schwester aufgewachsen. Sein naturwissenschaftliches Abitur absolvierte er dennoch mit sehr gutem Abschluss.

An der Universität in Dakar hörte er von der Möglichkeit, ein Stipendium im Ausland zu bekommen und erhielt eine Zusage für die DDR. „Es war einer der schönsten Tage meines Lebens, als ich dieses Telefax bekommen habe“, sagt Diaby. Er hatte nun die Chance, im Ausland seinen Abschluss zu machen und eine neue Sprache zu lernen. „Das alles hängt jetzt nur von dir ab“, erinnert sich Diaby an den Moment, in dem er in der DDR ankam. Der Mauerfall sollte auch für ihn persönlich zum Glücksfall werden. 

Begeistert vom kritischen Geist an deutschen Hochschulen

Die jungen Zuhörer in der Berliner FU haben ihren Weg in Deutschland teilweise noch vor sich. Einer von ihnen ist Michael Adu Gyamfi. Der Ghanaer macht seit Oktober 2019 einen PhD zu Nierenkrankheiten am Berliner Universitätsklinikum Charité. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Antikörpern, die im Zusammenhang mit der Abstoßung von Transplantaten stehen. „Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, mich weiterzubilden und die neuesten Forschungstechnologien in diesem Bereich kennenzulernen“, sagt Gyamfi. „Hier in Berlin kann ich genau das tun.“

Die Rumänin Greta Dadalau ist schon länger in Deutschland. Sie hat mit einem DAAD-Stipendium zunächst einen Bachelor in Kulturwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau absolviert. Seit 2018 macht sie mithilfe eines Anschluss-Stipendiums ihren Master in Osteuropastudien an der FU Berlin. Die Zeit in Deutschland habe sie bereits sehr weitergebracht, erzählt die Studentin. Unter anderem begeistere sie der kritische Geist, der an deutschen Hochschulen herrsche. „Auch die Artikel des Professors in einem Seminar kritisch zu hinterfragen – das war am Anfang neu für mich“, sagt die 23-Jährige. Zudem habe sie während ihres Aufenthalts bereits ein großes Netzwerk mit Menschen aus ganz verschiedenen Ländern aufgebaut und viele Freundschaften geschlossen.

Förderungen für Studien- und Forschungsaufenthalte

So wie Michael Adu Gyamfi und Greta Raluca fördert der DAAD jedes Jahr weit über 100.000 Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rund um den Globus – damit ist er die größte Förderorganisation für akademische Mobilität weltweit. Über die DAAD-Stipendiendatenbank können Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden sowie Promovierte Förderungen für Studien- und Forschungsaufenthalte an Hochschulen sowie außeruniversitären Forschungseinrichtungen finden.

Wie wichtig der Austausch mit anderen Kulturen ist, unterstrich DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland bei der Veranstaltung in Berlin. Der Austausch schaffe „ein kulturelles Verständnis und stärkere Offenheit gegenüber anderen“. Diese persönlichen Erfahrungen seien die Basis für die größere, weitreichende Wirkung von internationalem akademischen Austausch. Alle großen Herausforderungen der Zeit, wie der Klimawandel, seien globale Herausforderungen, so Rüland. Und deren Lösung lasse sich nur durch internationale Kooperation erreichen. 

„Internationale Impulse prägen die Forschung“

Wie sehr Hochschulen vom Austausch profitieren, berichtete FU-Präsident Professor Günter M. Ziegler: „Internationale Impulse prägen die Forschung und das studentische Leben auf dem Campus." An der FU sind Studierende, Promovierende und Lehrende aus 130 Ländern zu Gast. 14 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen aus dem Ausland – und diese Zahl soll weiter steigen, wenn es nach dem FU-Präsidenten geht.

Auch deutschlandweit solle die Zahl der internationalen Studierenden noch weiter wachsen, sagte Michelle Müntefering, Staatsministerin im Auswärtigen Amt. „Wir wollen, dass noch mehr kommen“, so Müntefering. Derzeit sind mehr als 375.000 internationale Studierende in Deutschland eingeschrieben. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit auf Rang 4 – als erstes nicht-englischsprachiges Land.

Fortschritt durch Widerspruch

Sorgen mache ihr, dass in den letzten Jahren weltweit eine Skepsis gegenüber einer offenen Gesellschaft und Fremden gewachsen sei, so Müntefering. Das gelte auch für die akademische Welt. In vielen Ländern würden Fakten stärker angezweifelt, Wissenschaftsetats gekürzt und Forschende könnten nicht frei publizieren. „Das dürfen wir nicht zulassen“, so Müntefering. „Wir glauben an den Fortschritt durch Widerspruch.“

Die Freiheit der Wissenschaft sei unabdingbar für die Demokratie, für Fortschritt, Entwicklung und Wohlstand. Es gehe darum, gemeinsam Antworten zu finden auf die Frage, in was für einer Welt wir leben wollen. „Wo Austausch möglich ist, da haben Argumente eine Chance – und wo Argumente eine Chance haben, da hat es auch die Verständigung“, so Müntefering. „Und wo Verständigung eine Chance hat, da hat es auch der Frieden.“

Autor: Hendrik Bensch

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Dezember 2019

Kommentare

Sabina Guliyeva
3. Januar 2020

Ein toller Artikel mit wirklich inspirierenden Geschichten! :)

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