"Wie Parship für Ingenieure"

China ist ein bedeutender Markt und wird als Wissenschaftsstandort immer wichtiger. Ein Alumni-Netzwerk bietet aktuelles Wissen und Austausch aus erster Hand.

„Das ist wie Parship für Ingenieure“, sagt Jizu Zhang und lacht. „Wir schaffen Gelegenheiten für Studierende, Absolventen, Universitäten und Unternehmen, einander kennenzulernen.“ Zhang gehört zum Organisationsteam des Deutsch-Chinesischen Alumnifachnetzes für Ingenieurwesen, eines von sieben fachlichen Netzwerken, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Oktober 2017 im Rahmen der Deutsch-Chinesischen Alumnifachnetzwerke (kurz DCHAN) ins Leben gerufen hat. Sie fördern den Austausch mit dem immer wichtiger werdenden Wissenschaftsstandort und Markt China und bauen Brücken auch in politisch schwierigen Zeiten. „Alle Studierende und Absolventen mit deutsch-chinesischem Hintergrund sind im Netzwerk willkommen“, sagt Zhang.

Im Juli hat Zhang einen Workshop in Aachen zum Thema „Erneuerbare Energien und Elektromobilität“ organisiert. „Das Treffen war ein Schnittpunkt für Vertreterinnen und Vertreter aller technischen Fächer, vom Laserschweißen bis zum autonomen Fahren.“ Viele von ihnen arbeiten bei marktführenden Unternehmen der Fahrzeug- und Maschinenbaubranche in China und Deutschland, zum Beispiel Continental, Volkswagen, Audi, Daimler und Bosch. Die Hälfte der 70 Teilnehmenden kam aus China. Sie tauschten sich in über 20 Fachvorträgen zu Grundlagen und Anwendungsmöglichkeiten aus und nutzten das Treffen, um sich auch über die Grenzen der Wissenschaftsdisziplinen hinweg zu vernetzen. Als Mittler zwischen den Kulturen ermöglichen sie unter anderem den Zugang zu gemeinsamen Industrie- und Forschungsprojekten.

Die Basis: Zusammenarbeit zwischen Aachen und Beijing

Basis für das Netzwerk ist eine langjährige vertrauensvolle Kooperation zwischen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen und der Tsinghua-Universität in der chinesischen Hauptstadt Bejing. Die beiden führenden Hochschulen bieten schon seit 2001 einen Doppel-Masterabschluss an, also einen Abschluss, den beide Hochschulen vergeben. Mehr als 800 Studierende haben ihn bisher erworben; viele von ihnen sind nun Mitglieder des DCHAN-Netzwerks für Ingenieurwesen (kurz DCHAN-Engineering), denn aus dem Doppelabschluss ist in den letzten zwei Jahren ein strategisches Kooperationsnetzwerk erwachsen. Es bringt – weit über den Doppelabschluss hinaus – Alumni und andere fachliche Expertinnen und Experten beider Länder sowie Stakeholder aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Das Netzwerk hat bereits große Erfolge erzielt. So können sich beispielsweise ab dem Wintersemester 2019/2020 die derzeit rund 60 Absolventinnen und Absolventen dieses Studienganges nach ihrem Auslandsjahr in China ein weiteres Semester an der Tsinghua-Universität einschreiben, um ein Auslandspraktikum zu machen – eine einmalige Möglichkeit, schon früh Arbeitserfahrung in China zu sammeln. Das ist angesichts der Gesetzeslage in China keine Selbstverständlichkeit. Die RWTH Aachen nimmt hier eine Vorreiterrolle ein.

Als Unternehmenspartner beim Aachener Workshop war der Autohersteller BMW China im Boot. Unternehmen wie dieses haben dringendes Interesse an den Absolventen der Studiengänge, die sich in der chinesischen Kultur bewegen können und ihr Wissen in beiden Ländern anwenden.

Wie deutsche Ingenieure ihre Karriere in China beginnen

Lennart Moltrecht ist einer von ihnen. Gerade hat er in Shenyang, dem Industrie- und Wissenschaftszentrum im Nordosten Chinas, ein weiteres Alumnitreffen erlebt. Er wünscht sich, dass das Netzwerk weiter ausgebaut wird, so dass mehr Leute daran teilnehmen können und mehr Unternehmensbesuche angeboten werden. „Als Student hätte ich mir den Austausch gewünscht, der hier möglich ist“, sagt er. In Shenyang hat er einen Vortrag über seinen Werdegang gehalten. Moltrecht hat den Doppelmaster-Studiengang der RWTH und der Tsinghua-Universität in Aachen und Bejing absolviert, das Jahr in China sogar mit einem Stipendium des Gastgeberlandes. Während des Studiums hat er Chinesisch gelernt. „Der Leistungsdruck in der Forschung ist in China hoch“, berichtet er. Von Studierenden werden schon früh Forschungen und Veröffentlichungen erwartet; das kannte er aus Deutschland so nicht. Danach ist Moltrecht bei BMW China eingestiegen. Er entwickelt in Shanghai digitale Unterstützung vor allem für autonomes Fahren. Das sei angesichts des Verkehrs in China anspruchsvoller als in Deutschland.

„Was ich beruflich gemacht habe, nämlich einen Direkteinstieg in China, ist neu“, sagt er: „Heute kann man nach dem Studium in China beginnen; man muss nicht erst in Deutschland erste Erfahrungen sammeln und dann nach China wechseln.“ Moltrecht freut sich, dass er mit seinen Erfahrungen Studierenden helfen kann, sich auf das Land, seine Kultur und seine wissenschaftlichen Erwartungen vorzubereiten. Und dass er sie dabei unterstützen kann, an viele Informationen zu gelangen, die er noch allein herausfinden musste.

Der DAAD vernetzt Forschung und Wirtschaft

„DCHAN-Ingenieurwesen ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sich Alumni gewinnbringend und nachhaltig in Forschung und Wirtschaft vernetzen“, sagt Cécile Jeblawei, die beim Deutschen Akademischen Austauschdienst die Deutsch-Chinesischen Alumnifachnetzwerke inhaltlich und logistisch unterstützt. Besondere Vorteile sieht sie, weil in den Netzwerken sowohl Karrierechancen für die Einzelnen stecken als auch Entwicklungsmöglichkeiten für Wissenschaftskooperationen und Unternehmen. Neben dem Fachnetz für Ingenieurwesen unterstützt der DAAD im Rahmen des DCHAN-Begleitvorhabens die Arbeit von sechs weiteren Fachnetzen auf den Gebieten Entrepreneurship, Logistik, Philosophie, Neurowissenschaften, Psychosomatische Medizin und Urbanisierung.

Fast alle Fachnetze gründen auf jahrelangen, häufig jahrzehntelangen vertrauensvollen Beziehungen zwischen einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beider Länder. Dahinter stecken vielfältige gemeinsame positive fachliche und interkulturelle Erfahrungen. Diese Vertrauensbeziehungen ebnen Wege für neue Mitglieder wie auch für neue innovative Kooperationen. „Sie sind der beste Garant für eine nachhaltige Zusammenarbeit auch in schwierigeren Zeiten“, so Jeblawei. Die Alumni verfügen über gewachsene Kenntnis des Partnerlandes und können auch die Wirkung politischer Rahmenbedingungen besser einschätzen. Darauf seien viele mit Recht stolz. „Wir hoffen, dass das fachliche Angebot in Zukunft noch weiter ausgeweitet werden kann.“ Jeblawei wünscht sich beispielsweise mehr Raum für die Klimathematik. Auf dem Gebiet der globalen gesellschaftlichen Herausforderungen gebe es noch viel Entwicklungspotenzial. Im Juni nächsten Jahres werden die Fachnetze in Berlin ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren und Perspektiven für die Zukunft ausloten.

DCHAN, die Deutsch-Chinesischen Fachnetzwerke sind eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Fördermaßnahme zur themen- bzw. fachorientierten Vernetzung deutscher und chinesischer Alumni. Angesprochen sind all diejenigen, die einen signifikanten Studien-, Forschungs- oder Arbeitsaufenthalt in China bzw. Deutschland verbracht haben.

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Dezember 2019

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