Posten für die Wissenschaft!

Mai Thi Nguyen-Kim hat es geschafft: 2015 lud die Chemikerin erstmals ein Video auf Youtube hoch, um junge Menschen für Naturwissenschaften zu begeistern. Heute, sechs Jahre später, ist die 34-Jährige eine erfolgreiche Autorin, eine Influencerin, die in Deutschland Millionen junger Menschen mit ihren Aufklärungsvideos zu Corona erreicht und deshalb auch mal in Nachrichtensendungen interviewt wird. Sie ist eine der einflussreichsten Wissenschaftlerinnen Deutschlands. Und alles begann mit ein paar Klicks und einer Anmeldung auf einem sozialen Netzwerk.                 

Forschende wie die Virolog:innen Christian Drosten und Sandra Ciesek erklären ihre Wissenschaft in Podcasts oder haben hunderttausende Follower auf Twitter wie die MedizinerInnen Melanie Brinkmann oder Karl Lauterbach. Durch die Corona-Pandemie und den Klimawandel rücken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stärker in den Fokus der Gesellschaft. Es braucht kluge Menschen, die die Herausforderungen der Zeit wissenschaftlich erklären, die Vorschläge machen, was zu tun ist und die glaubhafte Quellen bieten, um zunehmende Falschinformationen zu widerlegen. Sie können Ruhe und Vernunft in aufgeheizte Debatten bringen.

Immer mehr Forschende nutzen soziale Medien wie Twitter, LinkedIn oder ResearchGate, um sich sichtbar zu machen und ihre Arbeit einem breiten Publikum zu erklären. Eine Umfrage des Wissenschaftsmagazins „Nature“ hat ergeben, dass 95 Prozent der befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mindestens eine Social Media-Plattform aktiv nutzen.

Eigene Sichtbarkeit mit Social Media erhöhen

Wissenschaftskommunikation auf den sozialen Netzwerken hat viele Vorteile, sagt auch Susanne Geu, die Forschende darin coacht, wie sie sich digital vermarkten können. „Wenn Journalistinnen einen Experten zum Vulkanausbruch auf La Palma oder Organisatoren von Science Slams oder Konferenzen eine Expertin brauchen, dann googeln sie zuerst einmal. Wenn man als forschende Person dann gefunden wird, zum Beispiel über ein soziales Netzwerk, ist das für die eigene Sichtbarkeit sehr gut.“ Netzwerke und Publikationskanäle für die eigene Forschung würden mittlerweile sogar bei Bewerbungen abgefragt.

Auch Doktorand und DAAD-Alumnus Jan Freihardt nutzt Twitter und LinkedIn, um auf seine Publikationen hinzuweisen und um über Veröffentlichungen, Veranstaltungen und aktuelle Entwicklungen in seinem Fach „Transformative Wissenschaft“ auf dem Laufenden zu bleiben. Über Hashtags und geteilte Tweets erfährt er von Themen und Menschen, an die er sonst nur schwierig rankommen würde oder gar nicht wüsste, dass es sie gibt. „Ich erhalte in Echtzeit Hinweise auf neue Publikationen oder Personen, die in einer für mich interessanten Szene aktiv sind.“

Ariane Ferreira Nunes Alves, Alumna des Humboldt-Forschungsstipendiums, die als Wissenschaftlerin im Fach „Computergestützte Biochemie“ an der Technischen Universität Berlin arbeitet, macht ihre Arbeit über Twitter sichtbar und teilt darüber auch Jobangebote ihrer Arbeitsgruppe. „Über meinen Twitteraccount wurde ich schon mehrmals eingeladen, meine Wissenschaft an anderen Instituten zu präsentieren. Twitter hat mir und meiner Arbeit mehr Sichtbarkeit verschafft“, sagt sie. 

Persönliche Haltung wird erwartet

Doch viele Forschende tun sich schwer, ihre Wissenschaft auf wenige und einfache Sätze herunterzubrechen. Auch erwarten Nutzende in sozialen Netzwerken – anders als in wissenschaftlichen Studien – eine persönliche Haltung von den Autor:innen. Diese Herausforderungen kennt auch Coachin Susanne Geu aus ihrer Arbeit mit ihren Klient:innen. „Viele wollen sich nicht selbst beweihräuchern oder eitel wirken. Manche werden auch gefragt, ob sie denn mit der Forschung nicht ausgelastet seien.“

So wird die Arbeit auf Social Media mancherorts als Zeitverschwendung angesehen. Geu spricht den Forschenden dann Mut zu, auch mal über die Begeisterung am eigenen Fach zu twittern oder darüber, wie sie da gelandet sind, wo sie heute forschen, um den Nachwuchswissenschaftler:innen ein Vorbild zu sein. Außerdem müsse nicht jeder Tweet Ergebnisse und Erfolge präsentieren. Oftmals sei es ausreichend, einen Prozess deutlich zu machen oder über Herausforderungen und Hürden in der Wissenschaft zu schreiben. Manchmal stößt das sogar eine Debatte an, wie die Twitter-Kampagne #ichbinHanna, in der Forschende prekäre Arbeitsumstände in der Wissenschaft anprangern.

Prozesse schildern, Debatten anstoßen

Auch Jan Freihardt hat positive Erfahrungen mit Offenheit und Mut auf den sozialen Netzwerken gemacht. Einer seiner meistbeachteten Posts sei ein Artikel auf LinkedIn gewesen, in dem er eine negative Erfahrung beschreibt, die er als Autor einer wissenschaftlichen Publikation gemacht hat. „Mehrere Personen kontaktierten mich im Nachgang, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Es war ermutigend, dieses positive Feedback zu bekommen und zu sehen, dass ich nicht alleine bin“, sagt er.

Manche Forschende haben auch Sorgen vor Angriffen im Netz, unkontrollierbaren Anfeindungen oder Beleidigungen. Ariane Ferreira Nunes Alves umgeht diese Risiken, in dem sie sehr genau überlegt, was sie postet. „Ich vermeide, polemisch zu schreiben und formuliere meine Tweets immer in einem freundlichen Ton und einer Sprache, die einfach ist, aber trotzdem akkurat.“

So können die sozialen Netzwerke zu einer Chance für Forschende werden, sich ein öffentliches Profil mit Expert:innenstatus und Haltung zu erarbeiten. Muss ja nicht gleich vor einem Millionenpublikum sein.

Autorin: Eva Lindner

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November 2021

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