Leben in der Pandemie: Die Nähe fehlt

Die 30-jährige Johanna v. Hagen arbeitet in der Digitalisierungsbranche. Auch hier macht sich der veränderte Alltag durch die Corona-Pandemie bemerkbar. Doch die Branche ist digital bestmöglich aufgestellt, um weiterhin arbeiten zu können. Der Kontakt zu Menschen fehlt trotzdem. Vor allem der zur Familie: Johannas Familie wohnt in Österreich, die Grenzen sind dicht. Im Notfall käme sie nicht mehr so leicht nach Hause.

Es ist 6 Uhr morgens. Für Johanna die ideale Zeit für einen Spaziergang. „Morgens sind kaum Leute unterwegs, es ist leichter, den notwendigen Abstand einzuhalten", sagt sie. Seit Mitte März gilt in Deutschland der Mindestabstand von 1,5 Metern, eine der Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmen. Bereits Ende März sind hierzulande über 124.000 Menschen laut Robert-Koch-Institut infiziert, über 2.900 Tote gibt es. Wer kann, sollte zu Hause bleiben. Johanna lebt mit ihrem Freund in Düsseldorf. Beide sind Home Office gewöhnt. „Ich war schon vor der Corona-Krise regelmäßig im Home Office, habe aber jetzt meinen Arbeitsplatz fest ins Wohnzimmer verlegt. Von dort kann ich normal weiterarbeiten. Mir ist dennoch wichtig, deutlich öfter Videokonferenzen zu führen oder den Hörer in die Hand zu nehmen. Einfach eine Nähe zu schaffen, die durch das Virtuelle sonst fehlt", sagt sie. 

Von Panikmache zu transparenter Kommunikation

Leicht ist das ständige zuhause sein trotzdem nicht. Auch Johanna musste sich erst daran gewöhnen. Eine feste Tagesroutine mit Sport und Spaziergängen hilft. Gerade am Anfang habe sie sich schnell in Panik versetzen lassen. Es war ein „Informations-Overload“ durch die Medien, beschreibt sie die ersten Wochen, mit vielen Falschmeldungen und reißerischen Berichten. „Ich weiß jetzt, welchen Quellen ich vertrauen kann. Der Gesundheitsminister berichtet auf Instagram, es gibt staatliche Aufklärungskampagnen. Auch den Livestream der Bundesregierung verfolge ich. Da fühle ich mich transparent informiert.“ Ansonsten ist Weiterbildung angesagt. E-Learnings und Online-Kurse erleben gerade Hochkonjunktur, ebenso Telefonieren. Johanna nutzt meistens FaceTime und WhatsApp Video. „Das ermöglicht wenigstens, den anderen zu sehen“, sagt sie. Auch wenn ihr eigener Job sicher ist: Einige von Johannas Freunden und Bekannten wurden auf Kurzarbeit umgestellt, andere haben ihre Jobs zum Beispiel in der Gastronomie verloren. Da gibt es immer etwas zu bereden.

Doch in Bezug auf Johannas Familie ist viel telefonieren nur ein schwacher Trost. Die lebt in Österreich auf dem Land. „Bisher war das ein Vorteil: Viel Natur, ein Kontrast zum Großstadtleben." Am 15. März hat die Bundesregierung die Grenzen dicht gemacht. Ins Nachbarland darf nur, wer eine Pendlerbescheinigung hat oder österreichischer Staatsbürger ist. Das macht einem schon Sorgen, sagt sie. „Zwei meiner Geschwister jobben im Supermarkt, sie haben also Kontakt zu vielen Menschen. Und beide wohnen noch zu Hause. Das steigert natürlich das Ansteckungsrisiko." Zwar stehe sie ständig in Kontakt zur Familie, doch Besuche sind seit Wochen nicht mehr möglich. Schwierig wird es auch, sollte jemand an dem Virus schwer erkranken. Dann käme Johanna nicht so leicht über die Grenze. „Ich hoffe einfach, dass das alles bald vorbei ist. Deswegen bleibe ich zuhause und gestalte meinen Alltag digital. Nur so kriegen wir die Pandemie in den Griff", zeigt sie sich optimistisch. Doch vorerst bleibt es ungewohnt: Geburtstage und Ostern fallen in die Corona-Krise. Das erste Mal seit 30 Jahren feiern ohne Familie.

Gastautorin: Tessa Vom Hagen

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Die Gastautorin: Tessa vom Hagen

„Ich arbeite schon einige Jahre im PR- und Marketing-Bereich und war lange auf der Suche nach einem Masterstudiengang, welcher meine Praxiserfahrung sinnvoll ergänzt. Mir war wichtig, international ausgerichtet zu studieren, um die Medienlandschaft verschiedener Kulturen kennenzulernen – da hat das IMS Programm perfekt gepasst. Ich freue mich, dabei zu sein!"

Quelle: DW Akademie, International Media Studies

Juni 2020