„Kleine Schritte, großer Wandel” – EU-Ideen-Lab in Polen

Ein produktives und spannendes Wochenende in Warschau – das hatten sich die Teilnehmenden des EU-Labs zum Thema Nachhaltigkeit und Klimawandel Anfang September 2020 erhofft. Doch die Corona-Pandemie durchkreuzte diesen Plan. Immerhin: Ganz ausfallen musste das Treffen nicht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer trafen sich zwei Tage lang online in einem intensiven und zu zahlreichen Reflexionen anregenden EU-Ideen-Lab. 

Sozialökologischer Neustart der Wirtschaft

Der DAAD Polen hatte das Ideen-Lab „Kleine Schritte, große Veränderung“ organisiert, 14 DAAD-Alumni aber auch Forschende aus den Bereichen Umweltwissenschaften und Ökologie nahmen teil. Entsprechend vielfältig war die Motivation. Für mache Teilnehmende ist das Thema Umweltschutz im Alltag bedeutend, andere wollten dem Thema in ihrer Arbeit größere Aufmerksamkeit schenken. Das Team der DAAD-Außenstelle Warschau hatte den Schwerpunkt „Nachhaltigkeit und Klimawandel“ aus acht möglichen Themenschwerpunkten der Ideen-Labs ausgewählt, darunter Demokratie in Europa, Migration oder Digitalisierung und Transformation der Wirtschaft. Es ist eines der Ziele der Deutschen EU-Ratspräsidentschaft, Aufmerksamkeit der EU-Mitgliedstaaten auf Umweltfragen zu lenken und – neben der Bekämpfung der Corona-Pandemie – einen sozialökologischen Neustart der Wirtschaft zu gestalten. 

Zu Beginn des Ideen-Labs sahen die Teilnehmenden den Film „It‘s ok to panic“, die aktuelle Produktion des amerikanischen Dokumentarfilmers Jonathan L. Ramsey, der in Warschau lebt. Der Dokumentarfilm zeigt Umweltveränderungen und Auswirkungen des Klimawandels in Polen und ist zugleich ein Porträt des 62 Jahre alten polnischen Atmosphärenphysikers Professor Szymon Malinowski. Der renommierte Wissenschaftler und Spezialist für Ökologie hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Öffentlichkeit über die drohende Klimakatastrophe aufzuklären. Häufig wird dem Direktor des Fachbereichs Geophysik an der Universität Warschau in der Öffentlichkeit vorgeworfen, zu pessimistisch zu sein. Nachdem L. Ramsey den Wissenschaftler im Fernsehen gesehen hatte, wollte er diesen Film drehen.

Emotionaler Zugang zu komplexen Themen

In der Fragerunde mit den Alumni sagte Ramsey, dass er habe zeigen wollen, wie es ist, Wissenschaftler in Polen zu sein. Das Thema Klimawandel werde in den Medien eher stiefmütterlich behandelt. Wie könnte man also darüber sprechen? „Wir müssen die Menschen emotional erreichen“, sagt Ramsey. Wissenschaftliche Ergebnisse wissenschaftlich verständlich zu machen, sei aufwendig und koste viel Zeit. „Diese Zeit haben wir nicht, der Klimawandel vollzieht sich schnell.“ Er sieht die Kunst daher in der Pflicht – Künstler könnten schneller reagieren. Anstatt komplizierte Vorträge zu halten, könnten sie sich auf einen emotionalen Zugang konzentrieren, der zu schnelleren Reaktionen führe.

Diesen Gedanken führte die Journalistin und Umweltaktivistin Agata Skrzypczyk in einem interaktiven Workshop weiter aus. Sie gab den Teilnehmenden wertvolle Ratschläge, wie sie mit Menschen produktiv diskutieren könnten, die einem Engagement für die Umwelt („grüner Aktivismus“) skeptisch gegenüberstehen, und wie sich Menschen für diese komplexe Thematik begeistern können. Sie glaubt, dass der Vertrauensverlust in die Arbeit von Wissenschaftlern mit einer zu abgehobenen Sprache und zu vielen Zahlen zu tun hat. 

Über die Gastautorin

Anna Siuta hat einen Bachelor-Abschluss in Journalismus und soziale Kommunikation sowie deutsche Sprache und Kultur an der Universität Lódz. Derzeit studiert sie Neuere deutsche Literatur im medienkulturellen Kontext an der FernUniversität in Hagen. Sie interessiert sich für Sprachwissenschaft und Medienindustrie.

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Jungen Menschen eine Stimme geben

Die EU-Ideen-Labs wollen jungen Menschen eine Stimme geben, die etwas für die Welt, die sie umgibt, tun wollen. Umweltschutz ist etwas, das jeden betrifft, und jeder kann seine unmittelbare Umgebung verändern, indem er beispielsweise verantwortungsbewusste Entscheidungen trifft. Mit virtuellen Rechenmodellen lasse sich zum Beispiel sehr eindrücklich illustrieren, welche CO2-Emissionen ein Fahrrad im Vergleich zu einem Auto einspart.  

Über die Möglichkeiten, aus Bürgern eine aktive Gesellschaft zu gestalten, sprach Marcin Gerwin, Spezialist für nachhaltige Entwicklung und Demokratie sowie Vertreter und Koordinator des Bürgerrates „The Citizens‘ Assembly“, über den er auch ein Buch geschrieben hat. Wie funktioniert das Konzept? Die Teilnehmenden werden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, und bilden einen Querschnitt der Gesellschaft ab. Durch unabhängige Koordinatoren erhalten sie notwendige Informationen zu bestimmten Themen, die sie durch Treffen mit Expertinnen und Experten aus Theorie und Praxis vertiefen können. Kommunen können sich später dazu bereiterklären, lokale Probleme auf diese Art und Weise anzugehen.

Gute Ausgangsbedingungen schaffen

Gibt es Konsequenzen, wenn einer der Teilnehmenden aus dem Bürgerrat sich in einer Diskussion danebenbenimmt? „Das ist noch nicht passiert”, versichert Gerwin. „Wenn Menschen sich ernstgenommen fühlen, akzeptieren sie auch die Meinung anderer. Der Bürgerrat ist dazu da, gute Ausgangsbedingungen zu schaffen, nicht Kontrolle.“ Zum Ende des zweitägigen Programms traten die Teilnehmenden in einem Wettbewerb gegeneinander an und sollten in zwei Gruppen eine pro-ökologische Kampagne für die sozialen Medien entwickeln. Das Siegerprojekt hatte es sich zum Ziel gemacht, über alternative Kommunikationskanäle Menschen zu ermutigen, Fahrräder anstelle von Autos zu benutzen. Denn Social-Media-Challenges sind inzwischen der wirksamste Weg, um Aufmerksamkeit für das Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu erzeugen. Beliebte Hashtags wie #SecondHandSeptember, ein Aufruf, 30 Tage lang nur Second Hand einzukaufen, oder #zwlasnymkubkiem, einer Initiative gegen Coffee-to-go-Becher, fördern gute Gewohnheiten und tun der Umwelt gut. 

Gastautorin: Anna Siuta

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September 2020