Was Corona mit sich bringt – neue Begrüßungen im Selbstversuch

In den ersten Wochen des Lockdowns rissen die Nachrichten zu Corona, über neue Risikoländer und Verschwörungstheorien nicht ab. Ich war zwar bald schon von all den Informationen ziemlich übersättigt, eine Headline erregte dann aber doch meine Aufmerksamkeit: „Ändert sich unsere Begrüßungskultur ohne Händedruck?“, war da die Frage. Eine, die für mich erstmal nicht sehr relevant schien. War ich doch in meinen vier Wänden eingerichtet – und mit eher seltenen Ausflügen in den Supermarkt hatte ich bis dato ohnehin niemanden getroffen, den ich hätte begrüßen können. Das Händeschütteln war von heute auf morgen aus meinem Leben verschwunden.

Mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen änderte sich das – und die Handschlag-Frage stellte sich auf für mich. Bei einem IT-Update im Büro traf ich im Flur eine meiner Lieblingskollegin. Wir standen uns unschlüssig gegenüber: Wie sollten wir uns begrüßen? Sie begann damit, beide Hände zu bewegen. Das sah in etwa so aus, als versuchte sie, zwei Glühbirnen in die Deckenlampe zu schrauben und erinnerte mich an das Winken der Queen – nur zehnfach beschleunigt. Ich musste lachen, eine passende Reaktion oder Geste darauf fiel mir nicht ein.

Über die Gastautorin

Aigul Zhalgassova ist 34 Jahre alt und stammt aus Kasachstan. Geboren und aufgewachsen in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan, studierte sie dort auch Betriebswirtschaft. Mit einem DAAD-Stipendium absolvierte sie 2010 das Master-Studium in „International Business Management“ in Osnabrück. Nach unterschiedlichen Stationen in Supply Chain Management und Marketing arbeitet sie heute im Zentraleinkauf bei Siemens in Erlangen. Nebenbei studiert sie Psychotherapie und engagiert sich in Frauennetzwerken. Sie bloggt und schreibt als Gastautorin zu den Themen Organisationskultur und Digitalisierung.

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Ein Plan entsteht

Die nächste Herausforderung wartete bei meinem Hausarzt-Besuch auf mich: Als er in den Behandlungsraum eintrat, sprang ich auf und streckte ihm wie gewohnt meine Hand entgegen. Nach den aktuellen Gegebenheiten ein ziemlicher „New-Normal-Fauxpas“, würde ich sagen. Da begriff ich, dass ich einen Plan brauchte. Und, dass wir im Grunde auch als Gesellschaft ein neues Ritual brauchen, eine Alternative zum klassischen Händeschütteln.

Im Netz wimmelt es von unzähligen Vorschlägen, wie wir uns virenfrei begrüßen können. Von kreativen TikTok-Videos bis zu den Statements führender PolitikerInnen, ist einiges dabei. Angela Merkel empfiehlt statt eines Handschlags beispielsweise, dem Gegenüber eine Sekunde länger in die Augen zu schauen – und zu lächeln. Das ist eine schöne Alternative, die aus meiner Sicht gute Chancen hat, von vielen akzeptiert zu werden.

Interessant ist auch, im Internet zu lesen, wie zwiegespalten die Leute auf den Verlust des gängigen Begrüßungsrituals reagieren: Die einen sind froh darüber, keinen Körperkontakt mehr zu haben. Sie verzichten gerne auf die weichen, schwitzigen oder auch heißen Handflächen der anderen. Die zweite Gruppe vermisst die Geste des Vertrauens, des Händeberührens. Doch in einem Punkt sind sich so ziemlich alle einig: Künftig werden viele Meetings und Gespräche nur noch online stattfinden. Unsere Gesellschaft wird zu einer Home-Office-Gesellschaft werden und die Begrüßungsgeste wird „solo“ performt. Im Klartext: einen menschlichen Kontakt zwischen zwei Gesprächspartnern wird es bei der Begrüßung in absehbarer Zeit nicht mehr geben. 

Meine Favoriten fürs Begrüßungsritual

Die letzten Wochen kosteten mich einiges an Überwindung. Oder positiv formuliert: an Flexibilität. Aus dem bunten Strauß der Handschlag-Alternativen wählte ich ein Dutzend aus und testete sie im Alltag – mit Freunden oder auf Ämtern. Mit Koordination und Charme ließ sich dabei einiges erreichen: Einmal verbeugte ich mich, dann forderte ich meine Mitmenschen auf, mich mit den Fußinnenseiten zu grüßen, später testete ich den Faustgruß und die Begrüßung mit Verbeugung, wie man sie in Asien praktiziert. Mein Vater schrieb aufmunternd über Messenger: „Mach es mit den Ellenbogen. Das ist beliebt in Kasachstan.“

Hier sind meine Top 3:

1. Leicht verbeugen: Die Geste wirkt immer elegant. Sie duldet keine Statusspiele, es ist egal, wer beginnt. Die fortgeschrittene Stufe ist es, auch die Augen in die Verbeugung einzubeziehen. Das hat Stil.

2. High-Five ohne Abschluss: Locker, vertraut, altersneutral: Die Höhe der Geste ist variabel – vom bescheidenen Schulterbereich bis zu den ekstatisch ausgestreckten Armen.

3. Hand aufs Herz: Die Geste, die Respekt ausstrahlt. Wohlwollen. Nähe zum Herz. Bekannt aus der arabischen Welt wird sie so ausgeführt, indem die rechte Hand auf die linke Seite des Brustkorbs gelegt wird. Ein freundliches Nicken dabei – gibt es etwas Würdevolleres?

Die Corona-Pandemie hat uns eines gezeigt: Wir als Gemeinschaft können uns verändern – sogar schnell. Jahrtausendalte Traditionen müssen – zumindest eine Zeit lang – pausieren. Denn Keime haben keinen Respekt davor. Und so entsteht fast nebenbei eine neue Norm, die darüber hinaus auch noch weltoffen ist. Was denkt ihr – welches wird das neue Begrüßungsritual?

Gastautorin: Aigul Zhalgassova

Beiträge externer Autoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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September 2020