Kreislaufwirtschaft: die indische Art des Recyclings

In einem kürzlich erschienenen Artikel der Wissenschaftsjournalistin Maddie Stone ging die Autorin auf den neuen „Reparaturindex“ ein, den Frankreich 2022 einführen wird. Hersteller, die in Frankreich elektronische Geräte wie Smartphones oder Laptops verkaufen, müssen dann ihre Produkte nach der Reparierbarkeit auf einer Skala bewerten. Dieser Reparaturindex basiert auf verschiedenen Kriterien: Wie einfach lässt sich ein Produkt auseinanderbauen? Sind Reparaturteile erhältlich? Gibt es technische Anleitungen?

Neuere Elektronikgeräte aller Formen und Größen lassen sich nur schwer reparieren. Dies liegt an Designentscheidungen und Software-Einschränkungen, die Reparaturen teuer und aufwändig machen. In der Folge versuchen viele Verbraucherinnen und Verbraucher gar nicht erst, alte Geräte instand setzen zu lassen. Stattdessen werfen sie sie weg und legen sich Neugeräte zu, deren Herstellung jedoch mit einem hohen Energie- und Ressourcenverbrauch einhergeht.

Das neue Gesetz über den Reparaturindex weckt die Hoffnung, dass Hersteller künftig leichter reparierbare Produkte anbieten – was wiederum der Kreislaufwirtschaft zu neuem Auftrieb verhelfen dürfte. Diese Art des Wirtschaftens zielt darauf ab, möglichst wenig Müll zu erzeugen und langlebige Produkte zu entwickeln. Sie könnte sogar dazu beitragen, die „Wegwerfmentalität“ der Konsumgesellschaft zu überwinden.

Recycling in Forschungs- und Entwicklungslaboren

In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern ist die Idee der Wiederverwendung und -verwertung keinesfalls neu. Privathaushalte nutzen Marmeladengläser als Gefäße, Plastikverpackungen als Pflanztöpfe oder alte Kleidungsstücke als Putzlappen. Wie Wiederverwertungssysteme funktionieren, lässt sich in vielen Ländern beobachten, in denen es große Bananen- oder Kokosplantagen gibt. Jeder Teil der Bananenpflanze oder Kokospalme findet als Einweggeschirr oder Trinkgefäß Verwendung, auch Kunsthandwerk und allerlei andere Dinge werden daraus gefertigt.

Schon bevor das Wort „Recycling“ in vielen Ländern aufkam, war das Phänomen in Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen der Dritten Welt weit verbreitet. In meinem Labor nutzten Forscherinnen und Forscher schon vor rund 15 Jahren umweltfreundliche Pappkartons als Reagenzglasständer und gebrauchte Zentrifugenröhrchen als Stifthalter. Heute erlebe ich, dass einige Laborausrüster Einwegkunststoff durch Pappe und andere biologisch abbaubare Materialien ersetzen wollen.

In Indien werden in vielen staatlichen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen Instrumente repariert, umgenutzt und selbst gebaut, um Abhilfe zu schaffen. Schließlich lautet das Mantra in meinem Land seit Jahr und Tag: Not macht erfinderisch.

Problembehebung durch intelligente Schnelllösungen

Forscher der University of Notre Dame in den USA fanden jüngst heraus, dass Menschen in sehr ressourcenarmen Umgebungen in verschiedensten Bereichen hochinnovative, effektive Lösungsansätze entwickeln. Dies gilt etwa für das Recyceln und Wiederverwenden von Ressourcen.

In armen Ländern lässt sich ein Problem oft am besten beheben, indem man durch innovatives und strategisches Denken unkonventionelle, aber konstruktive und intelligente Schnelllösungen findet. Lösungen dieser Art mögen vielleicht keine Wettbewerbsvorteile für Unternehmen mit sich bringen, wie dies in westlichen Ländern oft der Fall ist, aber sie haben durchaus individuellen, gesellschaftlichen und branchenweiten Nutzen.

Während meiner Arbeit am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen fehlte es dank der üppigen Ausstattung der Abteilungen nie an Material. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich einige Jahre später in meinem indischen Institut von Raum zu Raum wandern würde, um aus Regalen voller eigentümlicher, umgebauter Elektronikgeräte, alter Mikroskope und unbenutzter Rührer die nötigen Instrumente zusammenzutragen. Dabei musste ich notgedrungen lernen, wie man mit PVC-Epoxidharzen, Rohrabschneidern und Halogenlampen für Autos umgeht oder wie man Teflonstäbe behelfsmäßig zu einer Art Trog zurechtschneidet.

Innovationen, die Jahrzehnte halten

Als ich nach Indien zurückkehrte, arbeitete ich zunächst in einem Institut, dessen Labore recht gut mit Analyseinstrumenten ausgestattet waren. Dennoch gab es in den ersten zwei Jahren Phasen, in denen ich mindestens einmal pro Woche, wenn nicht öfter, die Autowerkstätten und Reparaturbetriebe in der Umgebung abklappern musste, um geeignetes Material für ein provisorisches Forschungsprojekt zu finden. Unser Labor war eine indische Bundeseinrichtung mit der Aufgabe, Problemlösungen für die einheimische Industrie zu entwickeln.

Einmal wollte ein europäischer Polymerhersteller mit der indischen Lederindustrie zusammenarbeiten, um seine Chemikalien für die Lederverarbeitung zu vertreiben. Als unser Kooperationspartner in seinem Labor in Europa eine Analyse mit einem computergestützten Gerät durchführte, waren wir ganz stolz, denn die Ergebnisse wichen nur um ein Prozent von denen unseres Instruments „Marke Eigenbau“ ab. Jedes Mal, wenn Industriepartner ein Problem an uns herantrugen, bauten wir neue Instrumente aus Einzelteilen alter Gerätschaften, die jemand aussortiert hatte oder mangels Ersatzteilen nicht mehr funktionstüchtig waren.

Wissenschaftliche und technische Anwendungsmöglichkeiten erweitern

Selbst wenn wir die Mittel hatten, Technik aus dem Ausland zu importieren, entwarfen wir noch eigenes Zubehör, um mit den Geräten auch Parameter analysieren zu können, für die sie vom Hersteller gar nicht vorgesehen waren. Dadurch sparten wir nicht nur knappes Geld, sondern konnten auch unsere wissenschaftlichen und technischen Anwendungsmöglichkeiten erweitern. Eines dieser Instrumente, das inzwischen 19 Jahre auf dem Buckel hat, ist noch immer funktionsfähig. Mindestens zwei Generationen von Studierenden lernten damit und nutzten es für ihre Forschung.

Ob es nun um ein neues Goniometer zur Untersuchung von Flüssigkeitströpfchen, ein Messgerät für das Haftvermögen von Werkstoffen oder eine Vorrichtung zur Analyse von Stabilitätskennzahlen für Lebensmittelrezepturen ging – aus vorhandenen Komponenten tüftelten wir solange an einem Unikat, bis wir eine zufriedenstellende Lösung für unser Problem gefunden hatten.

Es mag sein, dass gut ausgestattete Unternehmen in westlichen Ländern Innovationen dieser Art ignorieren oder gar abtun. Ein Argument lautet, der Effekt solcher Innovationen sei lokal begrenzt und bringe das Unternehmen nicht voran. Hier vor Ort ist der Nutzen jedoch mit Händen zu greifen – nicht nur für die Menschen, die unmittelbar daran beteiligt sind, sondern auch für deren ganze Community.

Autorin: Aruna Dhathathreyan

Wer ist Aruna Dhathathreyan?

Aruna Dhathathreyan ist Professorin und emeritierte Wissenschaftlerin am CSIR – Central Leather Research Institute in Chennai (Indien). Ihre Arbeits- und Forschungsfelder liegen in den Disziplinen Biophysik, biophysikalische Chemie und Oberflächenwissenschaft. 2010 erhielt sie ein INSA-DFG Visiting Fellowship am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung.

Aruna Dhathathreyan war eine der 98 Frauen, deren Biographien in „Lilavathi‘s Daughters“ präsentiert wurden, einem von der Indischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Kompendium indischer Forscherinnen.

Ihr erster Aufenthalt in Deutschland war 1983 am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Es folgten eine Tätigkeit am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung 1996 sowie weitere Aufenthalte in den Jahren 2005, 2010, 2011 und 2014. Außerdem ist sie Mentorin im Alumniportal Deutschland und veröffentlicht regelmäßig Artikel über ihre Zeit in Deutschland.

Zum Profil von Aruna Dhathathreyan

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Mai 2021