Resilienz in Zeiten pandemiebedingter Veränderungen

Der berüchtigte Ausdruck „Coronapandemie“ ist in den aktuellen gesellschaftlichen, politischen und akademischen Debatten zu einem modischen, aber auch notwendigen Schlagwort geworden. Ein weiterer wichtiger Begriff, der viele global relevante Themen tangiert, ist der der Resilienz. So bezeichnete etwa die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die Pandemie als „Jahrhundertkatastrophe“, die die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften und Gesundheitssystemen auf die Probe stellt. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung in Mainz zum Thema psychische Gesundheit zeigte, dass Erwachsene mit geringer Resilienz während der Pandemie die höchste Zunahme an Stress erlebten. In anderen Debatten ging es darum, wie wichtig die Pflege von Sozialkontakten während der Quarantäne für die Resilienz ist. Ebenso wurde in Deutschland die Frage gestellt, ob Glaube und Spiritualität zur Verbesserung der Resilienz beitragen und Menschen dabei helfen können, mit Krisen und Schwierigkeiten umzugehen.

Die aktuelle Debatte um die Verbesserung der Resilienz hat einen Punkt erreicht, an dem es nicht mehr nur um einzelne Menschen geht. Der Begriff wird mittlerweile auf Gesellschaften, Institutionen und sogar ganze Staaten ausgeweitet, die unter den Bedingungen einer plötzlich wegbrechenden Gesundheitsversorgung und einer steigenden Zahl hilfsbedürftiger Menschen versuchen, ihre Funktionalität zu wahren. Während weiterhin große Anstrengungen unternommen werden, um Lösungen zu finden, wie wir uns mitten in der (Post-)Pandemiephase besser wappnen können, machen sich die Folgen der Maßnahmen zur Viruseindämmung immer deutlicher bemerkbar und schwächen Individuen, Gesellschaft und den Staat. Soziale Isolation, Bewegungseinschränkungen und neue Verhaltensregeln im öffentlichen Raum durchbrechen Alltagsgewohnheiten und führen zu physischer und psychischer Erschöpfung. Angesichts der kritischen Stimmen vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die einen Ausweg aus diesem weltweiten Dilemma fordern, könnte man sich fragen: Was sagen beschädigte Sozialstrukturen und veränderte Wahrnehmungen über unsere Resilienz in schwierigen Zeiten aus?

Was bedeutet „Resilienz“?

Das Wort „Resilienz“ leitet sich vom lateinischen Verb resalire ab und bezeichnet das Vermögen, sich leicht an Veränderungen anzupassen. Daraus entwickelten sich verschiedene Bedeutungen, die die Fähigkeit von Menschen abdecken, sich von Beeinträchtigungen zu erholen, wieder auf die Beine zu kommen und sich unter mildernden Umständen anzupassen. Organisationen wie der UNHCR erweitern die Definition der „Fähigkeit von Individuen, sich von Schocks zu erholen“ um die Fähigkeit von „Gesellschaften und Gastländern“, in Krisenzeiten erschwerte Bedingungen zu bewältigen. Die Definition umfasst auch den Prozess, den Individuen durchlaufen, wenn sie ihre Entwicklung optimieren und persönlich wachsen. Alles in allem beschreibt der Begriff die Fähigkeit von Menschen, in Notzeiten zurechtzukommen, die Kontrolle zu behalten und gleichzeitig sinnvolle Ressourcen einzusetzen, um weiterhin funktionieren zu können.   

Veränderungen und Umwälzungen im Erwerbs- und Sozialleben

Im Kampf gegen die grassierende COVID-19-Pandemie haben Regierungen, Institutionen und Organisationen in aller Welt ziemlich abrupt Präventions- und Schutzmaßnahmen eingeleitet. Dazu gehörten Quarantäne, soziale Isolation und Ausgangssperren. Diese Maßnahmen wirkten sich nicht nur auf unsere Existenzgrundlagen aus, sondern auch auf unsere täglichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Wahrnehmungen. Auf der einen Seite gibt es Länder wie Jordanien und Italien, die den nationalen Notstand ausriefen – oft verbunden mit einer Ausgangssperre, die Hunderte Menschen über Nacht um ihre Existenz- und Einkommensgrundlage brachte. Auf der anderen Seite stehen Länder, die die Epidemie durch lokal begrenzte Maßnahmen wie Quarantäne und Umstellung auf Homeoffice einzudämmen versuchen. In alldem erleben Menschen auch Bewegungseinschränkungen, ein Herunterfahren sozialer Aktivitäten und neue Verhaltensregeln im öffentlichen Raum. Die unfreiwillig eingeführten Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus üben (in)direkt Gewalt über uns aus und führen in der Folge zu allmählichen Veränderungen unserer Alltagsgewohnheiten und unseres Soziallebens.

Während Menschen diese Grundrechte – Bewegungsfreiheit, soziale Interaktionen und Zusammenkünfte, letztlich Freiheit an sich – zuvor für selbstverständlich hielten, sind diese Rechte zum Entstehungszeitpunkt dieses Textes nicht zwingend gegeben, sondern im Schwinden begriffen.

Resilienz im Werden

Auch wenn diese Veränderungen unerfreulich klingen, hängt unser Anpassungsvermögen teils von unserer Bereitschaft und unserem Engagement ab, uns in unserer Umgebung neu zu orientieren und unsere Fähigkeiten so anzupassen, dass wir auf kontinuierlichen Wandel reagieren können. Als gesellschaftliche Akteure formen wir unser Wissen und unsere Erfahrungen in der Welt, umgekehrt formt unser Wissen uns. Die Konstruktion der Resilienz hält so lange an, wie bestimmte Gegebenheiten vorhanden sind: Erstens stehen wir in ständigem Austausch mit unserer Umgebung. Resilienz lässt sich von dieser Umgebung und den ausgeführten sozialen Handlungen nicht trennen. Zweitens laufen Resilienzprozesse dann ab, wenn sich Disruptionen ereignen. Widrige Umstände, denen wir ausgesetzt sind, zwingen uns zu einer überzeugenden Reaktion, die Risiken minimiert und Vorteile bringt. Daher entwickeln und transformieren wir letztlich unsere Kompetenzen, um weiterhin zu funktionieren und den Herausforderungen des neuen Kontextes standzuhalten. So betrachtet zeigen resiliente Personen Veränderungen in ihrer Funktionalität auf und erleben eine Weiterentwicklung und Transformation ihrer Fähigkeiten.

Vor diesem Hintergrund lassen sich für die Resilienz unter den Bedingungen der Coronapandemie vier Dimensionen ausmachen: die Bewältigungsfähigkeit von Menschen, die Anpassungsfähigkeit von Institutionen und Organisationen, die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft als Voraussetzung für die Sicherung des Wohlergehens und die Wandlungsfähigkeit von Institutionen und Organisationen, die Lösungen jenseits konventioneller Methoden finden müssen. 

Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erörtern bereits, ob wir aus dieser beispiellosen Epidemie Erkenntnisse für die Zukunft gewinnen können. Beispielsweise werden sich Institutionen und Organisationen allmählich ihrer strukturellen Schwach- und Fehlstellen bewusst, insbesondere im Bildungs-, Technologie- und Innovationsbereich, und reagieren darauf, indem sie die Digitalisierung vorantreiben oder Lernende und Lehrende mit Fernunterricht unterstützen. Die deutsche Bundesregierung stattet zudem den Gesundheits- und Medizinsektor mit zusätzlichen finanziellen und personellen Kapazitäten aus. In anderen Bereichen haben Institute wie die Bertelsmann Stiftung die Auswirkungen der Pandemie auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und Möglichkeiten der Stärkung dieses Zusammenhalts untersucht. Zugleich stellt sich die Frage: Wohin würden wir steuern, wenn die Disruptionen in unserem Alltag weiter anhielten? 

Die Schutzmaßnahmen, die staatliche Institutionen verhängt haben, ähneln sich zwar rund um den Erdball auf vielen Ebenen, treffen aber nicht alle Menschen gleichermaßen. Einige Menschen erleben keinerlei Einschränkungen, viele andere hingegen hatten schon zuvor mit mentalen, ökonomischen und emotionalen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Bruch in Existenzgrundlagen, sozialen Strukturen und gesellschaftlichen Wahrnehmungen zieht sich auf unbestimmte Zeit in die Länge, was ihm einen fließenden, undefinierten Charakter verleiht. Damit gehen Unsicherheiten und Vagheiten einher. Wir wissen nicht, wie lange die Bewegungseinschränkungen noch andauern werden, in welchem Maß sich unsere gegebenen Rechte ändern werden, bis wann öffentliche Versammlungsverbote bestehen bleiben und inwieweit Social Distancing unser soziales Wohlergehen beeinträchtigt.  

Zwar durchleben wir diese beispiellose Situation alle gemeinsam, aber jeder Mensch interagiert auf andere Weise mit seiner Umgebung. Folglich vollzieht sich der Werdungsprozess der Resilienz auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Formen. Doch auch wenn jeder anders reagiert, haben wir alle eines gemeinsam: nämlich Eigenschaften wie Hoffnung, Optimismus und Durchhaltevermögen, die uns helfen, diese vorübergehende Kalamität zu überwinden. Werden diese gemeinsamen Eigenschaften jedoch in dieser Zeit rasanter Veränderung durch das Fehlen unserer Grundrechte auf die Probe gestellt, stellt sich die Frage: Kann die möglicherweise anhaltende Einschränkung unserer Freiheit unsere Resilienz gerade jetzt, wo wir sie am dringendsten benötigen, beeinträchtigen?

Autorin: Mais Masadeh

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Mais Masadeh ist Postdoc-Stipendiatin des DAAD und ehemalige Fulbright-Stipendiatin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum. Zu ihren Fachbereichen gehören Menschenhandel und Migrantenschleusung, langfristige Vertreibung sowie die Resilienz ethnisch-religiöser Minderheiten in Nachkonfliktsituationen. Ihre strategische Herangehensweise zeichnet sich durch die Einbindung von Kunst und Kultur in die Aufklärung über Aspekte der Zwangsmigration aus. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen allgemeinen und wissenschaftlichen Publikationen wie dem Journal of Refugee Studies, vom Berliner Wissenschaftsverlag, im Völkerrechtsblog und vom Reiss Center der New York University School of Law veröffentlicht.

Vor ihrer Zeit am IFHV war Mais Masadeh u. a. am Wellesley College und bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen tätig. In den vergangenen zehn Jahren arbeitete sie mit humanitären Organisationen und Forschungseinrichtungen in Nordamerika, Jordanien, Deutschland sowie im Irak und in der irakischen Autonomen Region Kurdistan zusammen, mit den Schwerpunkten Zwangsmigration, irreguläre Migration und Integration in Nachkonfliktsituationen.

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September 2021