Sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum ankreiden

Mit bunter Kreide und Hilfe der sozialen Medien macht die internationale „Chalk Back“-Bewegung weltweit aufmerksam auf eine Form der Belästigung, der ein großer Teil der Weltbevölkerung regelmäßig ausgesetzt ist. In New York von der Künstlerin und Aktivistin für Geschlechtergerechtigkeit Sophie Sandberg gegründet, gibt es global mittlerweile 150 Ortsgruppen. Sie nennen sich „Catcallsof“ plus dem Namen der Stadt, in der sie gegen normalisierte Belästigungen im öffentlichen Raum aktiv werden. Der Name leitet sich vom englischen Substantiv „catcall“ ab, mit welchem laute, anzügliche Kommentare gemeint sind, die einer Person auf offener Straße zugerufen werden. Egal ob übergriffige Bemerkungen, Hinterherpfeifen oder anzügliche Gesten, die Wirkung der „Catcalls“ ist für die Betroffenen fast immer ähnlich – herabwürdigend und potenziell einschüchternd. Das Netz aus Aktivistinnen und Aktivisten will dagegen aufbegehren.

Mit Blick auf die Betroffenen hält die Wissenschaftlerin Candis E. Bond, die zu Englischer Literatur, Frauen und Geschlecht forscht, fest: „Menschen, die im öffentlichen Raum Opfer sexueller Belästigungen werden, erfahren verschiedene Formen der Diskriminierung“ („Victims of street harassment face intersectional forms of oppression“). Das bedeutet, dass sich die Belästigungen nicht nur auf das zugeschriebene Geschlecht einer Person beziehen, sondern sich oft mit anderen Kategorien wie Herkunft, Race, Klasse, Gewicht oder Sexualität verschränken.

Was treibt die Aktivistinnen an?

Man erhält vielfältige Antworten, wenn man die Gründerinnen der „CatCallsofSchorndorf“ fragt, weshalb sie in ihrer Freizeit losziehen, um auf den Straßen Schorndorfs verbalisierte sexuelle Belästigungen mit Kreide festzuhalten. „Weil wir zeigen wollen, dass die Formen der sexuellen Belästigung, die wir alle längst als ‚normal‘ verinnerlicht haben, nicht normal sind!“; „Um der Ohnmacht entgegenzuwirken, die wir spüren, wenn wir erleben, welche Grenzüberschreitungen Frauen und andere gesellschaftlich marginalisierte Personen erfahren.“; „Um andere zu stärken.“

Jedes Mal, wenn Jeanette, Tania und Liliana eine Nachricht erhalten, in der sie über eine neue Belästigung informiert werden, fahren sie zum Ort des Geschehens. Dort schreiben sie die Worte der Person, die eine andere verbal sexuell belästigt hat, mit Kreide auf den Boden, gefolgt vom Hashtag #stopptbelästigungen. Anschließend fotografieren sie das Geschriebene und verbreiten das Bild zusammen mit einem Kommentar über ihren Instagram-Kanal. Ziel ist es, ein Problembewusstsein für sexuelle Belästigungen im öffentlichen Raum zu schaffen.

Das Problem: patriarchale Machtstrukturen

Dem „Catcalling“ geht eine ganz bestimmte Haltung voraus: Die Person, die eine andere öffentlich sexuell belästigt, fühlt sich dieser überlegen und ist davon überzeugt, dass sie das Recht hat, deren Körper zu erotisieren, kommentieren, berühren und zu erniedrigen, kurzum, ihr nicht mehr als den Objektstatus zuzuschreiben. Diese Haltung findet ihren Ursprung in patriarchalen Machtstrukturen – den Machtstrukturen, auf die sich die meisten Gesellschaften stützen. Diese Strukturen erheben (Cis-)Männer zur Norm und statten sie mit bestimmten Status und Privilegien aus, die Frauen und anderen gesellschaftlich marginalisierten Gruppen nicht in gleicher Weise zur Verfügung stehen.

Manche der Privilegien sind sehr offensichtlich, denken wir an den Verdienstunterschied zwischen den Geschlechtern, andere erkennen wir erst auf den zweiten Blick, beispielsweise, dass wir einer tieferen männlichen Stimme oft mehr Autorität zuschreiben als einer weiblichen. Das hat weitreichende Konsequenzen, da diese Art zu hören Redebeiträge von Frauen versanden lässt oder diese erst Gewicht erhalten, wenn sie von einem Mann wiederholt werden („hepeated“).

Ein weiteres Privileg ist es, eine Straße entlanggehen zu können und, im Falle einer sexuellen Belästigung, nicht implizit oder explizit die Schuld für den Übergriff zugeschoben zu bekommen. Oft werden Personen, sehr oft Frauen, die Belästigungen erfuhren, gefragt, was sie zur Tatzeit anhatten. Dahinter verbirgt sich die sexistische Annahme, dass eine Frau den Übergriff herausgefordert hat, weil sie beispielsweise einen Rock getragen hat.

In Ländern wie Frankreich, Belgien, Portugal oder den Niederlanden stellt Catcalling mittlerweile einen Strafbestand dar und hat zum Teil empfindliche Bußgelder zur Folge. In den meisten anderen Ländern wird es jedoch noch nicht geahndet. In Deutschland startete die Studentin Antonia Quell 2020 eine Petition, die fordert, dass Catcalling zu einem Straftatbestand wird. Diese Petition liegt im Moment dem Bundesjustizministerium vor. Hoffen wir, dass Quells Bemühungen erfolgreich sein werden.

Autorin: Rebecca Hahn

  • Dr. Rebecca Hahn Dr. Rebecca Hahn

Dr. Rebecca Kate Hahn ist assoziierte Wissenschaftlerin am Zentrum für Gender- und Diversitätsforschung der Universität Tübingen. Mit einem DAAD-Stipendium war sie zunächst als DAAD-Sprachassistentin an der Universität „Alexandru Ioan Cuza“ Iasi, Rumänien, tätig, danach ging sie, ebenfalls als DAAD-Stipendiatin, an das University College London, Großbritannien, wo sie das erste Jahr ihrer Promotion in Englischer Literatur durchführte. Für das Alumniportal schreibt Rebecca Hahn über gesellschaftspolitische und kulturelle Themen und Fragestellungen.

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Warum werden „Catcalls“ oft noch immer als vermeintliche Komplimente abgetan? Was kann jeder Einzelne tun, um ein Zeichen gegen sexuelle Belästigung zu setzen? Teilen Sie Ihre Meinung und Einschätzungen in der Community.

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Mai 2021