Weil der Springer das Spiel verändern kann

Der „Schachclub Vilka“ trägt den Wunsch nach Veränderung schon im Namen. „Vilka“ ist Russisch und bezeichnet einen starken Schachzug mit dem Springer, der den Spielverlauf unerwartet drehen kann. Genau das will Sohibjamol Rakamova mit ihrem 2019 gegründeten Club erreichen: Das Potenzial von Kindern mit Behinderung soll für die Gesellschaft sichtbar werden. „Man denkt hier, diese Kinder könnten in der Gesellschaft nichts erreichen – aber weit gefehlt: Sie können. Das möchte ich zeigen und damit die Denkweise der Menschen ändern.“

Rakamova ist selbst Schachspielerin und fühlt sich mit den Kindern, die sie heute fördert, verbunden. Das liegt an ihrer eigenen Geschichte. Der Weg in die ersten Ränge des Schachsports war für Rakamova nicht leicht. „In Tadschikistan ist das Schachspiel sehr populär. Eltern geben ihre Kinder noch vor der Schule in Schachclubs, um ihr kritisches, analytisches und logisches Denken zu fördern“, erzählt die junge Frau. „Ich war auch interessiert und wollte dazugehören, aber in meiner Stadt gab es keinen Schachclub.“

„Niemand hat mir zugetraut, dass ich es schaffen würde“

Rakamova wuchs in einer abgelegenen Region im Pamir-Gebirge auf. Der Vater gab ihr Schachunterricht. „Weil ich kein professionelles Training hatte, wurde ich gehänselt. Niemand hat mir zugetraut, dass ich es in die Community der Schachspieler schaffen würde.“ Es kam anders. Rakamova gewann viele Profi-Wettbewerbe. Als Schach-Champion gibt sie nun ihr Selbstvertrauen und ihre Beharrlichkeit an Kinder mit Behinderung weiter. „Schach hat eine Wirkung auf die Kinder und auf die Gesellschaft, die diesen Kindern keine Chance gibt.“

Vor der Gründung des Clubs arbeitete die studierte Politikwissenschaftlerin als ehrenamtliche Beraterin in der Abteilung für Kinderrechte der Stadtverwaltung von Khorog, der Hauptstadt der Provinz Berg-Badachschan im Pamir. Dort lernte sie viel über die Situation von Kindern mit Behinderungen. „Die Regierung in Tadschikistan tut einiges, um den Mangel an behindertengerechten Schulen, Sportstätten und Infrastruktur zu beheben. Aber meine Idee, Menschen mit Behinderung durch das Schachspielen zu integrieren, war neu.“

Nur auf Englisch: A chess player who wants to work for disabled children: Sohibjamol Rakamova

Erfahrungen aus integrativen Kindergärten in Deutschland

Rakamova informierte sich weiter und kam über das CrossCulture Programm des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) im Frühjahr 2019 für drei Monate nach Deutschland. In Berlin schaute sie sich auch integrative Kindergärten an. „Die Kinder waren selbstständiger und weniger abhängig, als ich es aus Tadschikistan kenne.“ Ihre Erfahrungen mit der Förderung frühkindlicher Entwicklung in Deutschland setzt Rakamova nicht nur mit ihrem Schachclub um. Sie verbreitet ihre Erkenntnisse auch unermüdlich, indem sie Kindergärten informiert oder auf einschlägigen Plattformen davon erzählt.

Für die Gründung des Schachclubs, der sich über Spenden finanziert, brauchte es viel Motivation und Überzeugungsarbeit. Das Projekt startete mit 15 Kindern im Alter von sechs bis 15 Jahren. Sie haben verschiedene Behinderungen, unter anderem Autismus und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). „Drei Monate lang haben mein Team und ich sie trainiert. Eines der Kinder gewann danach gleich einen inklusiven Wettbewerb gegen Kinder ohne Behinderungen. Das war unglaublich inspirierend für uns alle.“

Heute betreut der Schachclub – auch mit der Unterstützung internationaler Trainer – 200 Kinder, davon 53 mit Behinderungen.

Sohibjamol Rakamovas Tipps zum Aufbau einer gemeinnützigen Organisation

  • Wer einen Traum verwirklichen will, braucht eine starke Motivation.
  • Eine jahrelange Vorbereitung, intensives Nachdenken, die Analyse möglicher Probleme und das Entwickeln von Lösungsideen sind unerlässlich.
  • Man sollte einen Blick über den Tellerrand wagen: Wie machen es andere?
  • Überzeugungsarbeit geschieht im direkten, zwischenmenschlichen Austausch.
  • Man muss ein verlässliches, vertrauenswürdiges Team aufbauen.
  • Man braucht ein internationales Netzwerk mit Unterstützern, möglichen Spendern und Fachleuten.
  • Eine intensive Verbreitung der Ideen und Pläne über soziale Medien sorgt für die nötige  Aufmerksamkeit.
  • Man muss unermüdlich nach einem geeigneten Ort suchen.
  • Der Besuch einer Fortbildung zu Führungskompetenz – zum Beispiel der Leadership-Kurse für  sozialen Wandel von Kanthari.org – kann hilfreich sein.
  • Man braucht Ausdauer und muss kontinuierlich für das Projekt werben, auch wenn es bereits läuft.
  • Dabei gilt: „Jedes Kind wird mit seiner Besonderheit von allen so anerkannt, wie es ist.“

Autorin: Bettina Mittelstraß

Juni 2020