Das Wunder einer freien Gesellschaft schützen

Mit dem Hilde Domin-Programm fördert der DAAD gefährdete Studierende sowie Doktorandinnen und Doktoranden weltweit. In Zusammenarbeit mit Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen will er deren Engagement für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte unterstützen.

„Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten“ – DAAD-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee zitiert das bekannteste Gedicht der deutschen Lyrikerin Hilde Domin (1909–2006). Er stellt die Zeile wie ein Motto über das neue, nach der von den Nazis verfolgten Dichterin benannte Förderprogramm für gefährdete Studierende: Künftig bietet der DAAD jungen Menschen ein Stipendium an, wenn sie diskriminiert oder politisch verfolgt werden, während sie sich beim Studium oder in ihrer Forschung für eine bessere Welt einsetzen. Das Hilde Domin-Programm, das in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt aufgelegt wurde, soll ihnen ermöglichen, in Deutschland weiterzustudieren oder ihre Forschung fortzusetzen.

„Es gilt, das Wunder einer freien Gesellschaft zu schützen“, erklärt Präsident Mukherjee das Motiv hinter dem neuen Programm. „In diesem Sinne möchte der DAAD gefährdeten Studierenden und Promovierenden in aller Welt die Hand hinhalten, damit sie an einen sicheren Ort gelangen, an dem sie ihr Studium oder ihre Forschung ohne Angst vor Repressalien weiterführen können.“ Politischer oder gesellschaftlicher Druck solle nicht das letzte Wort behalten, wenn junge Menschen bei ihrem Engagement auf Widerstand stießen. Denn eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft funktioniere nur mit unbehinderter Wissenschaft und der freien Entfaltung der Persönlichkeit.

Videostatement von DAAD-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee

Vor den Nationalsozialisten geflohen

Die Lyrikerin Hilde Domin hat das Ende einer freien Gesellschaft erlebt. Sie wurde als Jüdin im Dritten Reich verfolgt und musste aus Deutschland und Europa fliehen. 1954 ermöglichte ein DAAD-Stipendium für ihren Mann Erwin Walter Palm beiden eine Rückkehr in die Bundesrepublik. 2006 starb die Dichterin in Heidelberg, hochgeehrt in Deutschland sowie in der Dominikanischen Republik, wo sie einst Zuflucht gefunden hatte.

Den Ausschlag für die Initiative des Auswärtigen Amts und des DAAD gab die kritische Entwicklung der vergangenen Jahre in Belarus. Das verlieh den schon länger angestellten politischen Überlegungen Nachdruck, mehr Möglichkeiten für in Bedrängnis geratene Studierende und Forschende auch in anderen Ländern zu schaffen – so berichten die DAAD-Teamleiterinnen Antje Steffen und Claudia Garbers.

Kooperationspartner dringend gesucht

Hochschulen und andere Wissenschaftsorganisationen können ab sofort Studierende oder Forschende für das Programm nominieren. Nach einer ersten Prüfung der Nominierungen wird der DAAD Kandidatinnen und Kandidaten zur Bewerbung einladen. „Um ihre Lage einzuschätzen, bauen wir eine Gefährdungskommission auf und entwickeln einen Kriterienkatalog“, berichtet Antje Steffen. „Wir werden Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen zu Rate ziehen.“

Dabei kann der DAAD auf Projekte wie den Academic Freedom Index zurückgreifen. In dessen Rahmen bewerten schwedische sowie deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg die Situation in mittlerweile 175 Ländern und Regionen. Nach wie vor steht Belarus dort ganz oben auf der Liste der Länder, in denen sich die Lage verschärft hat – zusammen mit Hongkong, Sri Lanka und Sambia. Im Hilde Domin-Programm wird die Gefährdungslage aber stets individuell geprüft. Für die finale Auswahl der Geförderten beruft der DAAD eine unabhängige Auswahlkommissionen ein. Am 31. Juli 2021 und am 31. Januar 2022 wird über die Vergabe der ersten Stipendien entschieden. Doch können gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jederzeit nominiert werden.

Geförderte erhalten Stipendien von zwei bis zu vier Jahren. Damit sollen sie den Bachelorabschluss, den Master oder ihre Promotion finanzieren können. Darüber hinaus gehören Deutschkurse und eine Unterstützung bei der Forschung zusätzlich zum Förderangebot. Voraussetzungen für eine Nominierung möglicher Stipendiatinnen und Stipendiaten sind unter anderem Volljährigkeit, die nötigen Schul- oder Studienabschlüsse sowie ein individueller Nachweis darüber, dass das Recht auf Bildung im Aufenthaltsland wegen ethnischer, religiöser oder geschlechtlicher Identität oder wegen politischen oder bürgerschaftlichen Engagements formal oder de facto verweigert wird. Zudem sind Dokumente ins Deutsche oder Englische übersetzt im Bewerbungsportal des DAAD hochzuladen.

Menschenrechtsarbeit gehört zum Auftrag des DAAD

„Es ist ein Stück Menschenrechtsarbeit, das der DAAD mit dem Hilde Domin-Programm leistet“, betont Claudia Garbers. Mit allen Abwägungen, die dabei nötig sind: Wo hilft nur Öffentlichkeit, wo schützt Diskretion die Geförderten und ihr Anliegen? Birgt ein Facebook-Auftritt eher eine Gefahr oder kann er hilfreich sein? Wie lässt sich mit der gebotenen Sensibilität für das Projekt werben, bei Betroffenen sowie bei Unterstützerinnen und Unterstützern?

Programm zielt auf die zentralen DAAD-Handlungsfelder

„Wir werden das Programm stetig weiterentwickeln“, kündigt Antje Steffen an. „Und wir sind zuversichtlich, dass es dauerhaft etabliert werden kann.“ Für das erste Jahr ist die Vergabe von 50 Stipendien geplant. Insgesamt sollen es über 200 werden, eine dauerhafte Verstetigung ist nicht ausgeschlossen. Zudem will sich der DAAD für einen europaweiten Ausbau dieser Förderungsidee einsetzen, wie Garbers berichtet. Bisher sind skandinavische Staaten sowie die USA in der Unterstützung gefährdeter Studierender besonders engagiert. Nun setzt auch der DAAD, die weltweit größte Förderorganisation für wissenschaftlichen Austausch, mit dem Hilde Domin-Programm einen stärkeren Akzent, der zudem den zentralen Handlungsfeldern des DAAD entspricht: Potenziale weltweit fördern, Vernetzung von Wissenschaft stärken und Expertise in internationale Beziehungen einbringen. „Man muss sich trauen dürfen zu hoffen – auch das gehört zur wissenschaftlichen Arbeit. Und deshalb ist es nötig, dem Mut und der Hoffnung Rückhalt zu geben“, sagt Steffen. „Wahrscheinlich brauchen wir künftig eher mehr davon.“

Autor: Wolfgang Thielmann

Quelle

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Online-Magazin DAAD Aktuell des Deutschen Akademischen Austauschdienstes publiziert.

June 2021

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