Round-Up Talk zum Thema Soziale Innovation & Entrepreneurship

In diesem mehrteiligen Interview berichten fünf Expert:innen, wie sie sich rund um den Globus auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema soziale Innovation und Entrepreneurship beschäftigen. Zudem geben Sie Tipps für Personen, die ebenfalls ihre innovativen Ideen in konkrete Lösungen und soziale wie nachhaltige Geschäftskonzepte umsetzen wollen.

Unsere Expert:innen

Evans Quartey Hammond

Evans Quartey Hammond ist DAAD-Alumnus und begeisterter Energieingenieur aus Ghana. Er hat einen Bachelor-Abschluss in erneuerbaren Energien von der Universität für Energie und natürliche Ressourcen (University of Energy and Natural Resources) und einen Master-Abschluss in Maschinenbau (Option Energie- und Stromtechnik) von der Universität von Nigeria in Nsukka. Er ist Geschäftsführer von Ecox Energy Consult, einem ghanaischen Start-up, das sich auf die Planung, Installation und Wartung von Solarsystemen, die Planung von Klimatechnikanlagen, die Herstellung von Biobriketts aus landwirtschaftlichen Abfällen, die Planung und den Bau von Biogasanlagen, Energieeffizienzprojekte und die Förderung von Projekten zur Entwicklung von grünem Wasserstoff spezialisiert hat. Das Unternehmen ist offen für jede Art der Zusammenarbeit und finanziellen Unterstützung.

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Tamara Ferreira Schmidt

Tamara Ferreira Schmidt ist eine brasilianische Physikerin, deren Spezialgebiet die Bereiche Financial Engineering, Kapitalmärkte und Derivate umfasst. Sie hat über 15 Jahre Erfahrung mit Investitionen und Produktstrukturierung in traditionellen und disruptiven Märkten. Tamara ist als Beraterin tätig, erstellt benutzerdefinierte Inhalte über Investitionen, Start-ups, Innovation, digitale Währungen und Blockchain und hat Vorträge bei diversen Veranstaltungen gehalten, darunter die São Paulo Tech Week, die Tech Week FATEC, die Trevisan Business School, die Brazil-Germany Fintech eTour und TEDx KanzlerPark 2021. 2020 hat Tamara das Bundeskanzler-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung erhalten. Im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Bundesverband Crowdfunding hatte sie 17 Monate lang die Gelegenheit, die Auswirkungen von alternativen Finanz- und Politikinstrumenten auf deutsche und brasilianische wirtschaftliche Ökosysteme in der Frühphase zu erforschen.Tamara ist als Mentorin für die Bereiche Unternehmertum und Existenzgründung am Women’s Global Mentoring Program beteiligt, in dem Frauen in STEM-Berufen auf allen Ebenen gefördert werden. Im März 2022 wurde sie als weibliches Talent im Bereich Blockchain ausgewählt, um am DLT Talents Program der Frankfurt School of Finance & Management teilzunehmen. Tamara ist über LinkedIn und ihre Website zu erreichen.

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Ingo Steffgen

In seinen mehr als 20 Berufsjahren konnte der Senkrechtstarter Ingo Steffgen Erfahrungen sowohl als Akademiker als auch als Unternehmer sammeln. Er hat Informatik studiert und zwei internationale Postgraduierten-Abschlüsse: einen Master in Sport for Development and Peace (SDP) und einen Master of Business Administration (MBA). Er ist als sozialer Unternehmer, Coach, Mentor, zertifizierter Personal Trainer und Ernährungsberater tätig. Das Ziel seines sich ständig weiterentwickelnden Lebenswerkes ist die Integration beruflicher und privater Lebensbereiche. Als digitaler Teilzeitnomade lebt Ingo seit 2007 in verschiedenen Ländern und wechselt dabei mindestens zweimal jährlich seinen Standort. Nach 14 Jahren in der Geschäftswelt hat er 2011 aus der gewinnorientierten Branche in den wirkungsorientierten Bereich gewechselt. Er glaubt, dass jeder sich selbstständig machen und so die Kontrolle über das eigene Leben übernehmen kann.

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Magdalena Parcheva

Magdalena Parcheva hat im Bereich Verwaltung und Geschäftsführung promoviert. Sie leitet das Referat für Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften am Forschungsinstitut der Technischen Universität Warna, Bulgarien und ist in Teilzeit als Assistenzprofessorin im Fachbereich Geschäftsführung und Verwaltung der Wirtschaftsuniversität Warna, Bulgarien tätig. Magdalena ist eine erfahrene Dozentin für die Themen Geschäftsführung und Unternehmertum und Expertin für Projektmanagement. Sie war Teil der Führungsteams von fünf durch die EU geförderten Projekten und hat zwei internationale Projekte geleitet. Als nationale Expertin berät sie das Ministerium für regionale Entwicklung und öffentliche Arbeiten bei der Vergabe eines europäischen Kennzeichens für Innovationen und gute Regierungsführung auf lokaler Ebene. Sie ist Autorin von 52 akademischen Publikationen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Unternehmertum, Corporate Entrepreneurship, soziale Innovationen und Innovationen am Arbeitsplatz. Magdalena ist Alumna des Roman Herzog-Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung und Mitglied der folgenden Berufsverbände: Wissenschaftlerverband Warna in Bulgarien, Bereich Wirtschaftswissenschaften und Humboldt-Union in Bulgarien, Bereich Gesellschafts- und Kulturwissenschaften.

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Raju Gurung

Raju Gurung ist derzeit als Risikoberater, Unternehmer und Berater an der Schnittstelle von Technologie, Globalisierung, Biologie und Nachhaltigkeit tätig. Bereits im Alter von 17 Jahren fing er an, sich unternehmerisch zu betätigen, indem er Kunsthandwerk aus Nepal in den asiatisch-pazifischen Raum exportierte. Er hat die typischen Phasen eines Gründers durchlaufen, Fehler gemacht und lernt ständig dazu. Derzeit betreibt er zwei Social-Impact-Start-ups, IKIGAAI und PlanetLocal, die kleine, unabhängige Kunsthandwerker:innen und Frauen in Entwicklungsländern unterstützen. Zudem leitet er 10x innovators – eine Beratungseinheit, die aufstrebenden Start-ups, Unternehmer:innen und Unternehmen bei der Realisierung neuer Projekte hilft. Die Unterstützung umfasst die Erschließung neuer Märkte, Produktanpassungen, das Erreichen von Kund:innenzufriedenheit, die Verringerung der organisatorischen Komplexität sowie den Aufbau solider Systeme, um wirkungsvolle Innovationen und eine widerstandsfähige Zukunft zu fördern. In den letzten sechs Jahren hat Raju sich aktiv im europäischen Start-up-Ökosystem engagiert, um Unternehmer:innen dabei zu helfen, ihr persönliches Ikigai zu verwirklichen – ihren Grund, morgens aufzuwachen. Er organisierte Start-up-Wochenenden in Dänemark, war Jurymitglied bei zahlreichen Wettbewerben, darunter iGEM und Y Combinator, und war Teil von Founders of Tomorrow. Vor allem aber hat er durch sein Engagement bei der Copenhagen School of Entrepreneurship (CSE), den TH.O Hackathons, dem Venture Cup, dem Global Innovation Catalyst und vielen anderen über 60 Gründer:innen auf der ganzen Welt persönlich gecoacht. Er ist branchen- und regionenunabhängig und unterstützt Start-ups und Unternehmen in allen Branchen und Phasen. Wenn er nicht arbeitet, kann man ihn beim Entspannen und Meditieren, beim Erkunden neuer Orte und beim Fotografieren antreffen.

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Fünf Expert:innen, fünf Fragen: Frage 1

Soziale Innovationen zielen auf eine lebenswertere Gesellschaft für alle ab. Wie definieren Sie soziale Innovationen und welche sind Ihrer Meinung nach aktuell die größten Herausforderungen, für deren Lösung es sozialer Innovationen bedarf?

Tamara Ferreira Schmidt:

Das Center for Social Innovation der Stanford Graduate School of Business definiert soziale Innovationen als neue Lösungen für gesellschaftliche Probleme, die effektiver, effizienter, nachhaltiger oder gerechter sind als die bisherigen Lösungen, und durch die Werte geschaffen werden, von denen in erster Linie keine Einzelpersonen profitieren, sondern die gesamte Gesellschaft. Ich habe auf dem Finanzmarkt gearbeitet und verwandte Themen erforscht und dabei festgestellt, dass der schlechte Zugang, den mittellose Menschen zum konventionellen Finanzsystem haben, eine große Herausforderung darstellt. Mikrofinanzierung und Crowdfunding sind soziale Innovationen, die dieses Problem ein Stück weit lösen, da sie den Menschen eine Alternative bieten, um dem Kreislauf der Subsistenz zu entkommen. Es gibt noch andere erwähnenswerte Lösungen aus verschiedenen Bereichen. Die Initiative von Wello ist etwa entstanden, weil man die Bedürftigkeit von Menschen erkannt hat, die in strukturschwachen Ländern kilometerweit laufen müssen, um Wasser zu holen. Als Alternative zu Tontöpfen hat das Unternehmen ein erschwingliches Werkzeug entwickelt, mit dem man bis zu 50 Liter Wasser rollend transportieren kann – das WaterWheel.

Ingo Steffgen:

Über das letzte Jahrzehnt habe ich den Begriff der "sozialen Innovationen" mehrmals, zumindest für mich persönlich, neu definiert: Erstens, wurde mir über die Jahre hinweg bewusst, dass das Konzept als solches auf alle (radikalen) Reformator:innen zutrifft; also mindestens, aber sicherlich noch früher, auf beispielsweise Martin Luther. Zweitens, es geht nicht immer um distruptive und einschlägige gesellschaftlichen Verbesserungen. Es sind die kleinen Dinge, die den Ausschlag machen. Und so ist soziale Innovation für mich alles, dass uns erlaubt, über Grenzen hinweg Freund:innen zu finden und interkulturelle Netzwerke zu bilden, die die Grundlage für Frieden bilden. Hierzu bedarf es Möglichkeiten des offenen Austauschs, auch durch soziale Medien, aber mehr noch durch die Möglichkeit für jeden, andere Kulturen kennen und wertschätzen zu lernen.

Magdalena Parcheva:

Soziale Innovationen werden aktuell immer wichtiger – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Es wird zunehmend im Bereich soziale Innovationen geforscht, es gibt staatliche Programme dazu und Anreizmaßnahmen, um intelligentes, nachhaltiges und inklusives Wachstum zu ermöglichen. Es ist schwierig, den Ausdruck „soziale Innovation“ eindeutig zu definieren, da soziale Innovation viele Gesichter hat. Gemeinsam entwickelte innovative Technologielösungen für die Integration schutzbedürftiger Gruppen in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt sind ein Beispiel für soziale Innovation. Neue Ansätze und Wege der Zusammenarbeit, die von unterschiedlichen Parteien entwickelt und umgesetzt werden und sich den Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel widmen, sind ein Ausdruck sozialer Innovation. Neue Mechanismen für Bürger:innenbeteiligung beim Entwurf neuer, regionaler Leitlinien, die auf lokaler Ebene zu einer guten Staatsführung beitragen, sind ein weiteres Beispiel für soziale Innovation. Aus Unternehmer:innensicht sind soziale Innovationen neue Geschäftsmodelle, die zugleich auf Wirtschaftlichkeit und auf die Umsetzung einer gesellschaftlichen Mission abzielen. Soziale Innovation bedeutet auch, neue gesellschaftliche Gepflogenheiten zu berücksichtigen, die die Einführung von Technologielösungen unausweichlich mit sich bringt, um sowohl die wirtschaftliche Entwicklung als auch eine Steigerung der Lebensqualität zu fördern.

Insofern kann man soziale Innovationen auch als neue Lösungen beschreiben, die von mehreren Parteien entwickelt werden, um einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. Soziale Innovationen schaffen soziale Werte und tragen zu nachhaltiger Entwicklung bei. Es gibt heutzutage viele gesellschaftliche Herausforderungen: soziale Ungleichheit, Klimawandel, die gesellschaftliche Seite der Digitalisierung und die zunehmende Nutzung robotergestützter Lösungen und künstlicher Intelligenz. Auch die Auswirkungen der Kampfhandlungen in der Ukraine sind eine große Herausforderung für die Öffentlichkeit: menschliches Leid, humanitäre Krisen, eine riesige Flüchtlingswelle, wirtschaftliche Konsequenzen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.

Evans Quartey Hammond:

Soziale Innovation ist ein Paradigma, das sich aus neuen Ideen oder Mischformen bekannter Ideen zusammensetzt, die dazu dienen, den Menschen Handlungsspielraum zu verschaffen und die soziale Solidarität zu fördern, um so zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit und zum sozialen Wandel beizutragen. Das Konzept zielt darauf ab, neue Bedürfnisse zu bedienen, die der Markt bislang nicht befriedigt hat, und neue, ansprechendere Möglichkeiten zu entwickeln, um den Menschen ein besseres soziales Leben zu ermöglichen. Soziale Innovationen können beispielsweise die Entwicklung biologisch abbaubarer Tüten aus nicht essbaren Pflanzen, Biobriketts aus landwirtschaftlichen Abfällen, einen globalen Maßnahmenplan für den Übergang zu erneuerbaren Energien bis 2050 und eine regenerative Landwirtschaft umfassen. Mit sozialer Innovation könnten auch soziale Probleme wie soziale Ausgrenzung, hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltprobleme angegangen werden, indem die Fähigkeit der Menschen gestärkt wird, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Der Schwerpunkt liegt dabei darauf, ihre Fähigkeiten zu verbessern, ihnen Selbstvertrauen zu stärken und sie zu motivieren, Standpunkte einzunehmen und gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Raju Gurung:

Die Realität unserer heutigen Welt ist, dass wir in einer stark polarisierten und ungleichen Welt leben, in der viel zu viele Gruppen und Gesellschaften noch nicht in die neue industrialisierte und digitale Wirtschaft integriert sind. Wenn soziale Innovation richtig umgesetzt wird, ist sie ein wichtiges Gegenmittel für dieses Problem. Meiner Ansicht nach geht es bei sozialer Innovation im Kern darum, menschliches Leid zu verringern und den Menschen eine bessere Lebensqualität zu ermöglichen. 

Derzeit konzentrieren sich die größten Herausforderungen, die soziale Innovationen angehen könnten, immer noch auf die untere Ebene der Maslow'schen Bedürfnisse – Gewährleistung der weltweiten Ernährungssicherheit, Beseitigung der Obdachlosigkeit, Sicherstellung des Zugangs zu sauberem Trinkwasser und Kleidung und schließlich Zugang zu Arbeitsplätzen. Wir müssen cleveren, interdisziplinären Teams sozialer Innovator:innen die Möglichkeit geben, sich zusammenzuschließen, um diese komplexen Herausforderungen zu lösen. Auch brauchen wir politische Maßnahmen, Anreize und Strukturen, um diese Herausforderungen zu meistern.


Diskutieren Sie mit unseren Expert:innen und anderen!

In welchen Bereichen sind Ihrer Meinung nach soziale Innovationen besonders nötig, um bestehende soziale Herausforderungen zu lösen? Vielleicht haben Sie auch eigene, innovative Geschäftsideen, um eine nachhaltigere und lebenswertere Welt zu schaffen? Erzählen Sie uns und anderen in der Community davon.

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Mai 2022

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