Round-Up Talk zum Thema Soziale Innovation & Entrepreneurship

SDG Ziel 9: Industrie, Innovation und Infrastruktur
Mann, der einen Würfel mit einem Glühbirnensymbol hält, der auf fünf Würfeln mit Köpfen und Zahnrädern platziert wird

© Getty Images/jittawit.21

In diesem mehrteiligen Interview berichten fünf Expert:innen, wie sie sich rund um den Globus auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema soziale Innovation und Entrepreneurship beschäftigen. Zudem geben Sie Tipps für Personen, die ebenfalls ihre innovativen Ideen in konkrete Lösungen und soziale wie nachhaltige Geschäftskonzepte umsetzen wollen.

Unsere Expert:innen

Fünf Expert:innen, fünf Fragen

Soziale Innovationen zielen auf eine lebenswertere Gesellschaft für alle ab. Wie definieren Sie soziale Innovationen und welche sind Ihrer Meinung nach aktuell die größten Herausforderungen, für deren Lösung es sozialer Innovationen bedarf?

Tamara Ferreira Schmidt:

Das definiert soziale Innovationen als neue Lösungen für gesellschaftliche Probleme, die effektiver, effizienter, nachhaltiger oder gerechter sind als die bisherigen Lösungen, und durch die Werte geschaffen werden, von denen in erster Linie keine Einzelpersonen profitieren, sondern die gesamte Gesellschaft. Ich habe auf dem Finanzmarkt gearbeitet und verwandte Themen erforscht und dabei festgestellt, dass der schlechte Zugang, den mittellose Menschen zum konventionellen Finanzsystem haben, eine große Herausforderung darstellt. Mikrofinanzierung und Crowdfunding sind soziale Innovationen, die dieses Problem ein Stück weit lösen, da sie den Menschen eine Alternative bieten, um dem Kreislauf der Subsistenz zu entkommen. Es gibt noch andere erwähnenswerte Lösungen aus verschiedenen Bereichen. Die Initiative von ist etwa entstanden, weil man die Bedürftigkeit von Menschen erkannt hat, die in strukturschwachen Ländern kilometerweit laufen müssen, um Wasser zu holen. Als Alternative zu Tontöpfen hat das Unternehmen ein erschwingliches Werkzeug entwickelt, mit dem man bis zu 50 Liter Wasser rollend transportieren kann – das WaterWheel.

Ingo Steffgen:

Über das letzte Jahrzehnt habe ich den Begriff der "sozialen Innovationen" mehrmals, zumindest für mich persönlich, neu definiert: Erstens, wurde mir über die Jahre hinweg bewusst, dass das Konzept als solches auf alle (radikalen) Reformator:innen zutrifft; also mindestens, aber sicherlich noch früher, auf beispielsweise Martin Luther. Zweitens, es geht nicht immer um distruptive und einschlägige gesellschaftlichen Verbesserungen. Es sind die kleinen Dinge, die den Ausschlag machen. Und so ist soziale Innovation für mich alles, dass uns erlaubt, über Grenzen hinweg Freund:innen zu finden und interkulturelle Netzwerke zu bilden, die die Grundlage für Frieden bilden. Hierzu bedarf es Möglichkeiten des offenen Austauschs, auch durch soziale Medien, aber mehr noch durch die Möglichkeit für jeden, andere Kulturen kennen und wertschätzen zu lernen.

Magdalena Parcheva:

Soziale Innovationen werden aktuell immer wichtiger – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Es wird zunehmend im Bereich soziale Innovationen geforscht, es gibt staatliche Programme dazu und Anreizmaßnahmen, um intelligentes, nachhaltiges und inklusives Wachstum zu ermöglichen. Es ist schwierig, den Ausdruck „soziale Innovation“ eindeutig zu definieren, da soziale Innovation viele Gesichter hat. Gemeinsam entwickelte innovative Technologielösungen für die Integration schutzbedürftiger Gruppen in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt sind ein Beispiel für soziale Innovation. Neue Ansätze und Wege der Zusammenarbeit, die von unterschiedlichen Parteien entwickelt und umgesetzt werden und sich den Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel widmen, sind ein Ausdruck sozialer Innovation. Neue Mechanismen für Bürger:innenbeteiligung beim Entwurf neuer, regionaler Leitlinien, die auf lokaler Ebene zu einer guten Staatsführung beitragen, sind ein weiteres Beispiel für soziale Innovation. Aus Unternehmer:innensicht sind soziale Innovationen neue Geschäftsmodelle, die zugleich auf Wirtschaftlichkeit und auf die Umsetzung einer gesellschaftlichen Mission abzielen. Soziale Innovation bedeutet auch, neue gesellschaftliche Gepflogenheiten zu berücksichtigen, die die Einführung von Technologielösungen unausweichlich mit sich bringt, um sowohl die wirtschaftliche Entwicklung als auch eine Steigerung der Lebensqualität zu fördern.

Insofern kann man soziale Innovationen auch als neue Lösungen beschreiben, die von mehreren Parteien entwickelt werden, um einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. Soziale Innovationen schaffen soziale Werte und tragen zu nachhaltiger Entwicklung bei. Es gibt heutzutage viele gesellschaftliche Herausforderungen: soziale Ungleichheit, Klimawandel, die gesellschaftliche Seite der Digitalisierung und die zunehmende Nutzung robotergestützter Lösungen und künstlicher Intelligenz. Auch die Auswirkungen der Kampfhandlungen in der Ukraine sind eine große Herausforderung für die Öffentlichkeit: menschliches Leid, humanitäre Krisen, eine riesige Flüchtlingswelle, wirtschaftliche Konsequenzen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.

Evans Quartey Hammond:

Soziale Innovation ist ein Paradigma, das sich aus neuen Ideen oder Mischformen bekannter Ideen zusammensetzt, die dazu dienen, den Menschen Handlungsspielraum zu verschaffen und die soziale Solidarität zu fördern, um so zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit und zum sozialen Wandel beizutragen. Das Konzept zielt darauf ab, neue Bedürfnisse zu bedienen, die der Markt bislang nicht befriedigt hat, und neue, ansprechendere Möglichkeiten zu entwickeln, um den Menschen ein besseres soziales Leben zu ermöglichen. Soziale Innovationen können beispielsweise die Entwicklung biologisch abbaubarer Tüten aus nicht essbaren Pflanzen, Biobriketts aus landwirtschaftlichen Abfällen, einen globalen Maßnahmenplan für den Übergang zu erneuerbaren Energien bis 2050 und eine regenerative Landwirtschaft umfassen. Mit sozialer Innovation könnten auch soziale Probleme wie soziale Ausgrenzung, hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltprobleme angegangen werden, indem die Fähigkeit der Menschen gestärkt wird, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Der Schwerpunkt liegt dabei darauf, ihre Fähigkeiten zu verbessern, ihnen Selbstvertrauen zu stärken und sie zu motivieren, Standpunkte einzunehmen und gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Raju Gurung:

Die Realität unserer heutigen Welt ist, dass wir in einer stark polarisierten und ungleichen Welt leben, in der viel zu viele Gruppen und Gesellschaften noch nicht in die neue industrialisierte und digitale Wirtschaft integriert sind. Wenn soziale Innovation richtig umgesetzt wird, ist sie ein wichtiges Gegenmittel für dieses Problem. Meiner Ansicht nach geht es bei sozialer Innovation im Kern darum, menschliches Leid zu verringern und den Menschen eine bessere Lebensqualität zu ermöglichen. 

Derzeit konzentrieren sich die größten Herausforderungen, die soziale Innovationen angehen könnten, immer noch auf die untere Ebene der Maslow'schen Bedürfnisse – Gewährleistung der weltweiten Ernährungssicherheit, Beseitigung der Obdachlosigkeit, Sicherstellung des Zugangs zu sauberem Trinkwasser und Kleidung und schließlich Zugang zu Arbeitsplätzen. Wir müssen cleveren, interdisziplinären Teams sozialer Innovator:innen die Möglichkeit geben, sich zusammenzuschließen, um diese komplexen Herausforderungen zu lösen. Auch brauchen wir politische Maßnahmen, Anreize und Strukturen, um diese Herausforderungen zu meistern.

Lernen Sie weitere engagierte Deutschland-Alumni kennen


In diesem Expert:inneninterview berichten fünf Deutschland-Alumni, wo sie besonders viel Ungleichheit sehen und wie sie sich mit ihren Projekten und Initiativen für mehr Gleichberechtigung und Chancengleichheit einsetzen. Zudem geben sie konkrete Tipps für diejenigen, die sich ebenfalls engagieren wollen.


Von der Saat bis zur Röstung und Verpackung: Der mehrfach ausgezeichnete ruandische Spezialitätenkaffee Angelique’s Finest wird ausschließlich von Frauen produziert. Mitbegründer des Fairtrade-Projekts ist Allan Mubiru, Alumnus des Internationalen Klimaschutzstipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung. Zur Markteinführung im Jahr 2018 startete der Ökonom und Experte für Klimafinanzierung eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne.

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