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Fit für den Arbeitsmarkt – arbeitslose Akademiker in Tunesien

Nach Angaben des tunesischen Statistikamtes sind 40 Prozent der Frauen und über 20 Prozent der Männer mit Universitätsabschluss in Tunesien arbeitslos. Wie kommen diese Zahlen zustande und wie können arbeitslose Akademiker in Tunesien fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt? Gezielte Projekte und Karrieremessen helfen, die Situation zu verbessern.

In Tunesien begann vor über fünf Jahren der Arabische Frühling. Aber seitdem ist noch längst nicht alles gut geworden: Die tunesische Wirtschaft schwächelt und das Land kämpft mit einer hohen Arbeitslosenquote – sie liegt derzeit bei rund 15 Prozent. Aber unter den jungen, gut ausgebildeten Leuten ist sie doppelt so hoch: Etwa 30 Prozent der Hochschulabsolventen finden keinen Job.

„Dafür gibt es mehrere Ursachen“, sagt Beate Schindler-Kovats, Leiterin des DAAD-Büros in Tunis: „In Tunesien gibt es ein Überangebot von Akademikern und gleichzeitig einen Mangel an qualifizierten Fachkräften mit Berufsausbildung. Der tunesische Staat bietet eine Studienplatzgarantie – das führt dazu, dass fast alle Abiturienten studieren. Eine Berufsausbildung ist dagegen wenig attraktiv und wird nicht als Alternative gesehen.“ In Tunesien braucht aber insbesondere die verarbeitende Industrie Fachkräfte. Der Bedarf an Akademikern ist hingegen begrenzt. „Die Chance arbeitslos zu sein steigt mit der Höhe des Abschlusses“, fasst Schindler-Kovats zusammen.

Hier liegt ein grundsätzlicher Unterschied zur Situation am deutschen Arbeitsmarkt vor. „Gute Bildung – gute Chancen: Der Arbeitsmarkt für Akademikerinnen und Akademiker in Deutschland“ heißt eine Broschüre der Agentur für Arbeit vom August 2015. Dort ist zu lesen, dass in Deutschland 2014 nur etwa 2,5 Prozent der Akademiker arbeitslos waren. In einigen Bereichen – vor allem in den Ingenieurswissenschaften – herrscht derzeit sogar Vollbeschäftigung. Warum sind die Arbeitsmarktchancen für Hochschulabsolventen in Deutschland und Tunesien so unterschiedlich?

Hochschulbildung in Tunesien

Im Interview spricht Beate Schindler-Kovats, Leiterin des DAAD-Büros in Tunis, über Probleme der Hochschulbildung in Tunesien.

Zum Interview

Kluft zwischen theoretischem Wissen und praktischer Erfahrung

„Zum einen gibt es eine große Lücke zwischen dem, was die Universitäten lehren, und dem, was die Wirtschaft fordert: Das Studium in Tunesien ist viel zu theoretisch, den Studenten fehlt die Praxiserfahrung. Zum anderen sind viele Absolventen gar nicht vermittelbar, weil sie nicht wissen, wie man eine Bewerbung schreibt oder sich in einem Vorstellungsgespräch präsentiert.“ So skizziert Youssef Fennira die Gründe für die hohe Arbeitslosigkeit unter Akademikern in Tunesien. Er arbeitet als Direktor des Zentrums für Berufsorientierung und Umschulung (CORP), ein Gemeinschaftsprojekt der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer (AHK) und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH.

Diese Sichtweise bestätigt auch Dr. Martin Henkelmann, Geschäftsführer der AHK Tunesien: „Akademiker in Tunesien sind gut ausgebildet und haben theoretisch fundierte Kenntnisse. Jedoch fehlt ihnen der direkte Bezug zur Praxis, zum Alltag in einer Firma.“ Neben den fachlichen Qualifikationen seien im Unternehmen auch IT-Kenntnisse, Präsentationskenntnisse und vor allem soziale Kompetenzen („Soft Skills“) gefragt. „Teamgeist, Flexibilität, Verantwortungsbewusstsein und Organisation sind wichtige Stichworte im unternehmerischen Alltag“, gibt Henkelmann zu bedenken.

Video: CORP – Offizieller Start 2015 (französisch)

Weiterbildung für arbeitslose Akademiker

Und genau hier setzt CORP an. „Wir möchten unseren Teilnehmern Werkzeug an die Hand geben, damit sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen“, sagt Fennira. „Dafür arbeiten wir in zwei Bereichen: Zum einen in der eingehenden Beratung und der Vermittlung von Kompetenzen für die Jobsuche, zum anderen in der gezielten Weiterbildung.“

Employability nennt Fennira den ersten Kernbereich – also die Vermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt. Dieses Programm beginnt mit einer detaillierten Evaluation . „Danach weiß die entsprechende Person Bescheid über ihre Stärken und Schwächen und – ganz wichtig – über ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt.“ Dann trainieren Fennira und sein Team, wie man eine Bewerbung richtig schreibt und wie man sich in einem Bewerbungsgespräch präsentiert. „Wir haben das Ziel, dass unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer Verantwortung für sich selbst übernehmen und sich aktiv auf dem Arbeitsmarkt einbringen.“

Im zweiten Kernbereich bietet CORP kurze Fortbildungsmodule an, die sich an den Bedürfnissen der Unternehmen orientieren. „Vielleicht hat jemand Philosophie studiert, braucht aber für einen bestimmten Job kaufmännische Kenntnisse. Da helfen wir weiter“, erklärt Fennira. „88.000 Stellen sind in Tunesien nicht besetzt, weil die Unternehmen keine geeigneten Bewerber finden. Diese Stellen könnten mit Hochschulabsolventen besetzt werden, wenn wir sie berufsbezogen fortbilden.“

Eine weitere wichtige Aufgabe von CORP ist die Vermittlung von Kontakten zu Unternehmen. „Wir bringen Unternehmen und Absolventen zusammen. Und wir blicken bisher auf eine ziemlich erfolgreiche Bilanz“, sagt Fennira. „Seit September 2015 haben bereits insgesamt 109 Hochschulabsolventen durch unser Programm einen Job gefunden.“

Video: Deutsch-tunesische Karrieremesse „Trained in GermanY“

Karrieremessen als Türöffner

Kontakte zu Unternehmen können Hochschulabsolventen auch auf Karrieremessen knüpfen. Im Januar 2016 fand in Tunis die Messe „Trained in GermanY“ statt; organisiert wurde sie gemeinsam vom Alumniportal Deutschland und der AHK Tunesien. 30 deutsche und tunesische Unternehmen, darunter Autobauer und IT-Unternehmen sowie deutsche politische Stiftungen und Organisationen nahmen an der eintägigen Messe teil. Über 700 Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, mit Personalchefs ins Gespräch zu kommen. Viele von Ihnen hatten Bewerbungsunterlagen vorbereitet, die sie direkt an den Ständen abgeben konnten.

„Karrieremessen sind eine gute Möglichkeit für arbeitslose Akademiker, sich über aktuelle Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zu informieren und erste Kontakte zu Unternehmen zu knüpfen“, sagt Dr. Martin Henkelmann. „Ein direktes Gespräch und ein guter Eindruck hierbei können oftmals die Tür zu weiteren Gesprächen öffnen.“

Webinar: How to Successfully Manage Integration into Domestic Job Markets

Wie finde ich nach Abschluss meines Studiums in Deutschland einen passenden Job in meinem Heimatland? Wie kann ich schon frühzeitig eine Brücke in mein Heimatland schlagen und mich gezielt auf die spätere Berufstätigkeit vorbereiten? Welche Techniken und Strategien für die Jobsuche gibt es?

Das Webinar „How to Successfully Manage Integration Into Domestic Job Markets“ informiert zu Strategien und Techniken.

Die Aufzeichnung anschauen!

Umdenken für eine langfristige Änderung

Damit sich langfristig etwas an der Arbeitsmarktsituation für Akademiker in Tunesien ändert, muss jedoch noch viel getan werden. „Zum einen muss die berufliche Ausbildung in Tunesien gestärkt werden“, sagt Dr. Martin Henkelmann. „Zum anderen muss sich das Studium mehr an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientieren: Mehr Praktika über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten sollten verpflichtend sein.“ Und nicht zuletzt kann auch ein Auslandsaufenthalt mit Studium oder Praktikum die Jobaussichten für Akademiker in Tunesien stark verbessern – neue Sprachkenntnisse und kulturelle Eindrücke inklusive.

Der AHK-Geschäftsführer bringt es auf den Punkt: „In Tunesien ist das Bildungsniveau gut, gerade die Ingenieursstudiengänge sind bei den Unternehmen anerkannt. Es gibt Perspektiven, wenn man schon früh Kontakt zur Arbeitswelt aufnimmt.“

Autorin: Verena Striebinger

Mein Studium in meinem Heimatland ...

Mai 2016

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