Osten trifft Westen – im Labor

  • 2021-08-09
  • Gastbeitrag von Alumna Aruna Dhathathreyan
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Zwei junge Wissenschaftlerinnen im Labor
© Getty Images/fotografixx

Deutsche und Inder kommunizieren sehr unterschiedlich – manchmal mit lustigen Ergebnissen. Aruna Dhathathreyan berichtet von ihren Erfahrungen.

Als ich meine erste Stelle am antrat, kam ich als Inderin mit einer ganz anderen – asiatischen – Perspektive nach Deutschland. Mein Unterricht begann bei Professor Kuhn, in der Regel am Freitagnachmittag nach 17:30 Uhr am Institut in . Er war meist noch mit Büroarbeit beschäftigt und begrüßte uns mit einem fröhlichen „Wie geht‘s?“ oder „Was ist los?“, wenn wir ihn auf dem Flur trafen. Anfangs hob ich regelmäßig zu fünfminütigen Monologen über den schrecklich verregneten Göttinger Sommer, das fade vegetarische Essen in der Mensa oder die schlechte Busverbindung am Wochenende an. Am Ende dieser Begegnungen sahen sich Professor Kuhn und ich in der Regel leicht verdutzt an, bevor wir schnell wieder zur Arbeit übergingen. Erst später, in den Kaffeepausengesprächen mit meinen Laborkolleginnen und -kollegen, begriff ich, dass Professor Kuhn mit seinen Fragen auf etwas ganz anderes hinauswollte: nämlich auf den Fortschritt unserer Experimente, Projekte usw. Es ging also gar nicht um privaten Small Talk. Und ich hatte mich immer gewundert, warum sich Professor Kuhn als unser Abteilungsleiter nie nach unserer Arbeit erkundigte!

Dann erwähnte jemand beiläufig, dass Professor Kuhn als Schweizer es nicht gewohnt war, auf gleiche Weise wie seine deutschen Kolleg:innen über die Arbeit zu sprechen. Das überraschte mich, denn ich hatte irrtümlich angenommen, dass Deutsche und Schweizer angesichts der gemeinsamen Sprache auch ähnliche Kommunikationsgepflogenheiten teilten.

Studierende widersprechen Professoren

Zur damaligen Zeit arbeitete ich mich gerade in einen Bereich der biophysikalischen Chemie ein, mit dem ich noch nicht sehr vertraut war. Parallel dazu lernte ich nicht nur Deutsch, sondern wollte auch ein Gespür für meine deutschen Kolleginnen und Kollegen entwickeln. In Indien kommunizieren die Menschen viel mit Körpersprache. Manchmal wird dabei sogar geschwiegen. Außerdem hatte ich von Kindesbeinen an gelernt, dass es unhöflich sei und einen „Gesichtsverlust“ darstelle, nein zu sagen.

In Göttingen erlebte ich aber, wie Studierende ihrer Professorin oder ihrem Professor widersprachen, wenn ihnen ihre Arbeit nicht gefiel, ein Versuch nicht funktionierte oder sie am Wochenende lieber einen Ausflug unternehmen wollten, statt Überstunden im Labor zu leisten. Ich hingegen hielt damals in Laborbesprechungen mit meiner Meinung hinter dem Berg, wenn sie nicht im Einklang mit dem Grundtenor stand – selbst wenn meine Sichtweise für die experimentelle Arbeit wichtig gewesen wäre. In Indien wachsen die Menschen in einer Kultur auf, in der Professoren und Mentoren als Autoritätspersonen gelten. Konflikte bei der Arbeit können zwar benannt, aber nicht offen diskutiert werden. Hierarchien sind in meinem Heimatland sehr wichtig. Daher dachte ich, dass es ausgesprochen unhöflich sei, meine Ansichten etwa zu einem aktuellen Vorhaben zu äußern – insbesondere gegenüber einem älteren Professor. Meine deutschen Freunde sahen es hingegen als normal an, ihre Meinung freiheraus zu sagen.

Zu Beginn war das ein „Kulturschock“ für mich, denn in Indien hatte ich gelernt, dass es immer höflich sei, das zu sagen, was andere hören wollen. Meine Laborkolleginnen und -kollegen in Deutschland hielten Fakten und eine präzise Wortwahl für viel wichtiger als Kontext. Daher hatten sie den Mut, ihre Sichtweise offen, direkt und detailliert darzulegen. Ich sah, dass meine deutschen Freunde unumwunden ansprachen, wenn sie mit etwas nicht einverstanden waren: kein Schönfärben, kein Herumreden um den heißen Brei!<p/&

Kritik und Hinterfragen sind kein Dissens

Einmal schrie mich eine Absolventin, die gerade einen heiklen Laborversuch durchführte, an, weil ich das Schild an der Labortür nicht beachtet hatte. Auf dem Schild stand: „Empfindliche Messung, Vorsicht!“ Ich war ziemlich aufgebracht. Während meines Studiums und später als Dozentin in Indien hatte ich nie jemanden verärgert. Am Nachmittag kam die Studentin in der Kaffeepause zu mir und entschuldigte sich. Sie sagte, sie hätte das Schild auch auf Englisch beschriften sollen.

Als ich später in zwei weiteren Laboren in Deutschland arbeitete, begriff ich, dass unsere Formen des Umgangs und der Kommunikation mit Kollegen kulturell geprägt sind. Im Laufe der Jahre lernte ich in Göttingen, dass Kritik und Hinterfragen eine wichtige Rolle im Lernprozess spielen und nicht etwa als Dissens zu deuten sind. Auch ich gewöhnte mir an, Dinge direkter anzusprechen, was mir das Leben viel einfacher machte.

Nur manchmal verfielen meine deutschen Freunde in hitzige, emotionale Debatten – nämlich wenn es um die Spiele und Tabellenstände der Fußball-Bundesliga ging. Für meine deutschen Kollegen war Fußball anscheinend eine Religion. Über die Errungenschaften und Verfehlungen verschiedener Mannschaften wurde heftig gestritten.

Kulturschock andersherum

Als ich nach fast sieben Jahren nach Indien zurückkehrte und in einem staatlichen Labor zu arbeiten begann, erlebte ich wieder einen Kulturschock – diesmal aber andersherum. Meine unverblümte Art, Probleme anzusprechen, die ich mir in meiner Zeit in Deutschland angewöhnt hatte, galt in Chennai als unhöflich, ja sogar unverschämt. Ich musste nun mit sehr vitalen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten, die viele Dinge auf einmal zu erledigen versuchten und ihre Prioritäten nicht nach dem Kalender, sondern nach der tatsächlichen oder gefühlten Bedeutung ihrer Termine planten.

Ich musste wieder neu lernen, wie ich mit Vorgesetzten und Arbeitskollegen umzugehen hatte. Komischerweise fiel mir das schwerer als während meiner ersten Monate in Göttingen, als ich nicht nur Deutsch lernen, sondern auch die Kommunikationsversuche von Professor Kuhn deuten musste.

Mit der Kennzeichnung „Gastbeitrag“ weisen wir darauf hin, dass die Verfasserin bzw. der Verfasser nicht Mitglied unserer Redaktion ist. Gastbeiträge stammen in der Regel von Alumni und Alumnae aus unserer Community und enthalten gegebenenfalls persönliche Meinungen. Diese müssen nicht immer mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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Eine Familie, eine Leidenschaft: Vor mehr als 30 Jahren promovierte eine Brasilianerin in Deutschland in Chemie der Heilpflanzen. Heute forscht ihre Tochter in Heidelberg zum gleichen Thema, ebenfalls ermöglicht durch den DAAD. Ein Gespräch über Austausch und Kooperation in der Wissenschaft – und den Mauerfall.


Deutsch zu lernen, kann viel Spaß machen – aber auch zu kuriosen Situationen führen. Dabei kann die Bitte um einen Termin schon mal als Rendevouz-Einladung missverstanden werden, weiß unsere Gastautorin Aruna Dhathathreyan.

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