Verschwindet Deutsch als Wissenschaftssprache?

Englischsprachige Studiengänge in deutschen Hörsälen: Das ist längst keine Seltenheit mehr. Insbesondere in MINT-Fächern verständigt sich die Wissenschaftscommunity auf Englisch, und selbst in den Geisteswissenschaften ist dieser Trend erkennbar. Deutsch als Wissenschaftssprache verliert zunehmend an Bedeutung – doch noch immer gibt es zahlreiche Deutschlernende weltweit.

So wie Dr. Djouroukoro Diallo aus Mali, der am Center for the Study in Language and Society (CSLS) der Universität Bern als Postdoc arbeitet. „Indem ich auf Deutsch forsche, gliedere ich eine weitere Sprach- und Kulturgemeinschaft in meine Arbeit ein, das erweitert den Horizont“, sagt der DAAD-Alumnus. „Zudem bietet sich mir dadurch die Chance, mich in der Schweiz an gesellschaftlichen Diskussionen zu beteiligen und dabei neue Impulse aus einer anderen Perspektive zu setzen.“

Diallo, der sich innerhalb seines Forschungsschwerpunkts, der Text- und Diskursanalyse in den Medien, mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den deutschsprachigen Ländern und dem afrikanischen Kontinent beschäftigt, ist in einer Tradition der Mehrsprachigkeit aufgewachsen. „Ich habe es immer als großen Vorteil gesehen, Deutsch zu lernen. Damit wuchs auch mein Interesse an der akademischen Kultur des deutschen Sprachraums.“

„Deutscher Wissenschaftsstandort ist immer noch ein Schwergewicht“

Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. „Deutsch ist auf Platz 12 der Liste der meistgesprochenen Sprachen der Welt und die meistgesprochene Sprache in der EU“, sagte Prof. Dr. Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). „Als Forschungs- und Wirtschaftsstandort ist Deutschland immer noch ein Schwergewicht. Ob das so bleibt, ist von der Entwicklung Deutschlands, seiner Bildungs- und Hochschulpolitik abhängig.“ Denn wie ein Blick in die Geschichte zeigt: Exzellente Forschung und wirtschaftliche Dominanz stärken das Prestige einer Wissenschaftssprache. Dank naturwissenschaftlichen Fortschritts dominierte im 19. und frühen 20. Jahrhundert das Deutsche auf dem internationalen Wissenschaftsparkett, im Zuge des Ersten und Zweiten Weltkriegs verlor es jedoch gegenüber dem Englischen seinen Rang. Dabei gilt noch heute: Wer erfolgreich sein und ein großes Publikum erreichen möchte, muss viel publizieren – und am besten auf Englisch. „Auch in den MINT-Fächer, in denen sich das Publizieren in englischer Sprache in den vergangenen Jahren zunehmend etabliert hat, bleibt Deutsch zwecks eines sprachlich differenzierten Austauschs in der fachsprachlichen Kommunikation und im beruflichen Alltag mit Kollegen erhalten“, sagt Dr. Hebatallah Fathy, Leiterin des DAAD-Referats Germanistik, deutsche Sprache und Lektorenprogramm. „Zudem wird in den Geistes- und Sozialwissenschaften die Kenntnis deutscher Quellentexte und das Verständnis der deutschsprachigen wissenschaftlichen Diskurse auch in Zukunft von großer Bedeutung sein.“

Nicht zuletzt deshalb unterstützt das Goethe-Institut internationale Bildungsbiografien – und ermöglicht mit dem Programm Studienbrücke einen direkten Einstieg in ein deutschsprachiges Bachelorstudium in Deutschland. Der Fokus der Initiative, die in 24 Ländern in den Regionen Osteuropa/Zentralasien, Nord- und Südamerika sowie Südost- und Ostasien angeboten wird, setzt bereits in der Schulzeit an und liegt auf einem intensiven (fach-)sprachlichen, lern- und interkulturellen Training, das primär digital erfolgt. In enger Zusammenarbeit mit acht deutschen Partnerhochschulen und dem DAAD werden die Teilnehmenden ideal auf ein MINT- oder wirtschaftswissenschaftliches Studium in Deutschland vorbereitet und erhalten bei Studienbeginn eine umfassende Betreuung. „Viele Schülerinnen und Schüler wählen das Fach Deutsch in der Schule, wenn sie eine Perspektive haben die Sprache auch anzuwenden“, erläutert Svenja von Itter, die das Projekt leitet. „Für besonders engagierte und exzellente Studieninteressierte schaffen wir mit der Studienbrücke einen direkten Weg zum Studium in Deutschland und die Voraussetzungen, dass sie ihr Studium auf Deutsch problemlos meistern können“. Mittlerweile studieren über 450 erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen der Studienbrücke in Deutschland. „Das Programm begegnet sowohl dem gesteigerten Interesse von Schülerinnen und Schülern an einem grundständigen Studium in Deutschland als auch der Nachfrage von deutschen Hochschulen an qualifizierten internationalen Studierenden insbesondere im MINT-Bereich“, sagt von Itter.

DAAD fördert Deutsch als Wissenschaftssprache

Auch der DAAD fördert Deutsch als Wissenschaftssprache: beispielsweise mit einem Sprachkursangebot für die Stipendiatinnen und Stipendiaten, einem großen Lektorennetzwerk, das rund um die Welt die deutsche Sprache, Kultur und Literatur vermittelt sowie mit der Finanzierung von internationalen Germanistik-Tagungen, die für den fachlichen Austausch und die Vernetzung von wissenschaftlichem Nachwuchs eine wichtige Grundlage bilden. „Das sehen wir als Beitrag zur akademischen Mehrsprachigkeit“, erläutert Fathy. „Denn Internationalisierung bedeutet nicht zwangsläufig Anglisierung. Die Aufrechterhaltung sprachlicher Vielfalt in allen Hochschulkontexten, sei es im Studium, in der Wissenschaft oder in der Forschung, ist ein wesentliches Ziel unserer Unterstützung.“

Sprachliche Vielfalt bildet dabei die Basis für gedanklichen Reichtum: Jede Sprache erlaubt eine andere Perspektive auf den Forschungsgegenstand, bietet unterschiedliche Denkmuster an – und nicht für jeden Fachbegriff gibt es eine adäquate englische Übersetzung. Auch die GfdS setzt deshalb auf sprachliche Diversität, nicht nur auf wissenschaftlichen Kongressen. „Nicht zu unterschätzen ist die direkte Interaktion in der jeweiligen Sprache des Forschungslandes“, so GfdS-Vorsitzender Schlobinski. „Ich selbst war einige Male in China und habe dort die Wertschätzung erlebt, wenn ich mit Kolleginnen oder Kollegen Chinesisch gesprochen habe.“

Dem interkulturellen Gedanken verbunden

Eine Unterhaltung in der Sprache des Gastlandes – das war auch für DAAD-Alumna Prof. Dr. Aruna Dhathathreyan eine besondere Erfahrung. Die renommierte Biophysikerin, die am CSIR- Central Leather Research Institute im indischen Chennai die Professur für moderne Werkstoffe innehatte, arbeitete in den Jahren 1983 und 1984 mit Unterstützung des DAAD am Max-Planck-Institut (MPI) für biophysikalische Chemie in Göttingen. „Der exzellente Ruf des MPI, aber auch die Namen bedeutender deutscher Physiker haben meine Wahl für Göttingen beeinflusst“, sagt sie. „In den Jahren danach bin ich mehrmals für weitere Forschungsvorhaben an das Institut zurückgekehrt.“ Wissenschaftliche Diskussion führte sie in ihrer akademischen Laufbahn allerdings lieber auf Englisch: „Das Vokabular ist zugänglich und leicht verständlich“, so Dhathathreyan. „In vielen Teilen der Welt wird Englisch insbesondere für die Ausbildung in Graduiertenprogrammen verwendet.“ Dennoch lohnte sich für Dhathathreyan die Auseinandersetzung mit deutschen Vokabeln: „Die deutsche Sprache hat mir den Zugang zur Forschung meiner Kolleginnen und Kollegen in Göttingen erleichtert“, sagt Dhathathreyan. „Zudem haben sich damit meine zwischenmenschlichen Beziehungen verbessert, im Institut, aber auch im alltäglichen Leben.“

Prof. Dr. Katarzyna Marciniak, Professorin für Klassische und italienische Philologie an der Fakultät Artes Liberales der Universität Warschau, setzt ebenso auf Mehrsprachigkeit. In den Jahren 2006 und 2007 reiste sie für eine Postdoc-Recherche mit einem Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung an die Freie Universität Berlin: Ein einzigartiges Erlebnis. „Ich liebe die deutsche Sprache“, sagt sie, „der großartigen Dichter, Denker und Musiker.“ Als Trägerin des Humboldt-Alumni-Preises für innovative Netzwerkinitiativen und Vizedekanin für internationale Kooperationen fühlt sie sich bis heute dem interkulturellen Gedanken verbunden – und arbeitet weiter mit deutschen und internationalen Forschenden zusammen. 

Autorin: Christina Pfänder

Welche Erfahrungen haben Sie mit Englisch oder Deutsch als Wissenschaftssprache auf Konferenzen, in Uni-Seminaren oder in Publikationen gemacht?

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November 2021