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Bettys Geheimnis - Gerhard Richter in der CAIXA Cultural Brasilia

Betty trägt einen rot geblümten Frotteebademantel, ihr blonder Zopf versteckt sich im Kragen. Wie Betty aussieht, bleibt ein Rätsel, denn sie kehrt dem Betrachter entschieden den Rücken zu. „Betty“ betitelte Gerhard Richter 1978 eines seiner Gemälde, das nach einem Foto entstand.

Es erzählt wenig vom Modell, der damals 10-jährigen Tochter des Künstlers, aber viel darüber, wie Bilder entstehen und was wir als Betrachter in ihnen lesen wollen. Es ist ein Spiegel unserer Vorstellungen und konfrontiert uns mit den eigenen Erwartungen an ein Bild, ein Kunstwerk, ein Portrait. Kann „Betty“ überhaupt ein Portrait sein, wenn sie doch ihr Gesicht verbirgt? Oder ist Betty vielleicht gerade deswegen ein Charakterbild? Denn weil sie sich abwendet und weigert, ihr Gesicht zu zeigen, hat sich der Künstler entschieden, ihr Gesicht nicht zu zeigen. Und entspricht genau das seiner Meinung nach ihrem Wesen?

Schwerpunkt: die 90er Jahre


Betty ist kein Einzelfall. Ein Großteil der Werke in der Ausstellung „Gerhard Richter – Sinopse“ im Caixa Cultural Brasilia (die bis 12. Juni 2011 zu sehen war) handelt vom Bilderlesen. 1961 floh der Künstler aus der DDR nach Westdeutschland. Seitdem beschäftigt ihn dieses Thema. Der Schwerpunkt der Schau liegt auf den 90er Jahren. Zu dieser Zeit entstand der sehr viel Verschiedenes gleichzeitig oder nur kurz hintereinander: Gemälde, in denen sich Farbschichten überlagern und der kalkulierte Zufall eine entscheidende Rolle im Entstehungsprozess spielt, außerdem klassische Themen wie Blumenstilleben, daneben nahezu monochrome Farbflächen sowie Bilder nach Pressefotografien. Aber auch auf das Familienarchiv greift Gerhard Richter, der lange Zeit alles Private aus seinem Werk ferngehalten hat, in dieser Zeit immer wieder zurück. So lieferte ein Foto von Richters heutiger Ehefrau Sabine die Vorlage für „Kleine Badende“ (1996), ein weich gezeichnetes Bild einer nackten Frau mit weißem Hut und Handtuch.

 

Richters Übersicht


Der portugiesische Titel der Schau „Sinopse“, zu Deutsch „Übersicht“, geht einerseits auf ein konkretes Werk zurück, das ein Diagramm mit den Lebenszeiten bekannter Autoren, Dichter, Musiker und Architekten zeigt. Andererseits deutet der Titel auch auf eine Retrospektive hin. Tatsächlich: Trotz der Beschränkung auf nur 27 Bilder gelingt es der Ausstellung, viele wesentliche Ideen und Tendenzen Gerhard Richters zu fassen, auch seine politischen Themen. Zu den bekanntesten Bildern des Malers gehört sicher „Onkel Rudi“. Es zeigt einen jungen Mann, der in der Uniform der deutschen Wehrmacht lächelnd und stramm vor einer Kaserne posiert. Ein Bild aus dem Familienalbum, gleichzeitig ein Stück deutsche Geschichte. In jedem Fall ist eine kompakte Ausstellung mit einigen der besten Werke des Malers gelungen. Die Bilder wurden von Gerhard Richter übrigens selbst ausgewählt und zusammengestellt.

Eine weitere Station war:
23.07.2011 - 21.08.2011
Pinacoteca do Estado de Sao Paulo
Sao Paulo

Gerhard Richter

Gerhard Richter ist ein deutscher Maler, Bildhauer und Fotograph. Er wurde 1932 in Dresden geboren.

Gerhard Richters Homepage

Mai 2011

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