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Gegen die Vergänglichkeit – Digitalisierung von Kulturgütern

Wertvolle Kulturgüter wie Bücher oder Bilder lassen sich erhalten – wenn auch nicht im Original, so doch digital. Wir haben mit Professor Hubertus Kohle von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München über das Thema Digitalisierung von Kulturgütern gesprochen.

Brände, Schimmel und Naturkatastrophen bedrohen die Kulturgüter, oft entstehen Schäden in Millionenhöhe. Als am 2. September 2004 in der Weimarer Anna Amalia Bibliothek über 50.000 Bücher verbrannten, wurden auch noch etwa 62.000 weitere Bände durch Feuer und Löschwasser beschädigt. Unter den Kostbarkeiten befand sich eine Luther-Bibel von 1534. Zerstört wurden vor allem kulturgeschichtlich einmalige Buchbestände, und fast vollständig verbrannt ist auch die Musikaliensammlung der Herzogin Anna Amalia, darunter Handschriften und seltene Drucke.

Digitalisierung macht Kunst und Kultur verfügbar

Der technische Fortschritt erlaubt inzwischen die Digitalisierung von Objekten, etwa Büchern und Zeitschriften, Handschriften, Karten und Bildern. Sogar Skulpturen lassen sich mittels 3-D-Scanner digital archivieren. Eine Digitalisierung kann die wertvollen Gegenstände im Zweifel nicht retten, doch durch eine digitale Erfassung sind sie zumindest nicht vollständig verloren.

Ein weiterer Vorteil: Sie werden als digitalisierte Objekte einer breiteren weltweiten Öffentlichkeit oder auch Kulturhistorikern für Forschungen zugänglich. Seit Mitte der 1990er Jahre sind nach Informationen des Deutschen Bibliotheksverbandes in Deutschland weit über 100 Digitalisierungsprojekte an verschiedenen deutschen Bibliotheken entstanden. Das „Zentrale Verzeichnis Digitalisierter Drucke" (zvdd) verlinkt direkt auf diese Projekte und macht teilweise die Titel der digitalisierten Werke über eine gemeinsame Suche recherchierbar.

Digitalisierung von Kulturgütern: Interview mit Hubertus Kohle

Professor Hubertus Kohle hat einen Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der LMU München und ist Dekan der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften. Als einer der ersten Fachvertreter thematisiert er die Bedeutung der Digitalisierung für die Kunstgeschichte.

Frage: Die digitale Archivierung und Konservierung von Kulturgütern ist das Thema, mit dem sich die Kulturpolitik nicht nur in Deutschland seit Jahren beschäftigt. Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Herausforderung hinsichtlich der Digitalisierung im Kulturbereich?

Professor Kohle: Es gibt so unendlich große Mengen, die auch akut gefährdet sind, dass es nicht einfach wird, für all dies eine professionelle Lösung zu finden. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass hier eine wirkliche Strategie zur Retrodigitalisierung vorliegt, die die Kampagnen nach Bedürftigkeit organisiert. Und dann natürlich das noch immer nicht wirklich gelöste Problem der Langzeitarchivierung. Daher wird man wohl weiterhin vom Digitalisat ein hardcopy machen müssen, und zwar auf einem nachweislich haltbaren Medium.

Frage: Welche Chancen ergeben sich für Künstler und Institutionen wie Museen durch die Digitalisierung?

Professor Kohle: Künstler können sich im Internet einen Namen machen. Selbst im Fall von Musikern, bei denen ja das Werk komplett originalgetreu reproduziert werden kann, hat sich herausgestellt, dass der Verlust an Verkäufen durch Schwarzkopien häufig anderweitig kompensiert werden konnte. Museen sollten sich überlegen, wie sie über Social Media und Webpräsenz verstärkt Besucher anziehen. Das haben angelsächsische und holländische Institute schon viel besser kapiert als die deutschen, die häufig weiterhin glauben, sie würden ihren traditionellen Anspruch aufgeben, wenn sie sich mal ein wenig modern zeigen.

Frage: Paul Klimpel, der das Buch „Digitale Langzeitarchivierung“ herausgegeben hat, sieht in der Digitalisierung nicht nur positive Aspekte. Er kritisiert zum Beispiel, dass angesichts häufiger Formatwechsel und der begrenzten Haltbarkeit von Trägermedien die Nutzer in einigen Jahren gar nicht mehr auf die Medien zugreifen können. Was ist Ihre Meinung dazu?

Professor Kohle: Es ist natürlich tatsächlich ein gravierendes Problem, das zu dauerndem Umkopieren zwingt. Aber wenn das professionell organisiert wird, müsste es machbar sein. Abgesehen davon wird man wohl von allen Gerätetypen ein paar Exemplare archivieren müssen, damit man zur Not auf sie zurückgreifen kann. Bei unserem Rezensionsjournal sehepunkte.de drucken wir die einzelnen Texte nach Veröffentlichung im Internet auch immer aus, um etwas Greifbares in Händen zu halten. Allerdings machen Laserdrucke auch nicht gerade den Eindruck, als hielten sie ewig!

Hubertus Kohle – Kunstgeschichte 2.0: Eine humanistische Disziplin im Zeitalter der Virtualität (englisch)

Webinar „Digitalisierung und Kultur“

Die Webinar-Session „Das digitale Gedächtnis – Archivierung und Dokumentation von Kulturgütern in der digitalen Gesellschaft“ hat bereits stattgefunden. In der Community-Gruppe „Digitale Gesellschaft - Digital Society“ können Sie sich die Video-Aufzeichnung (Session 3) ansehen und im Forum an der Diskussion zum Thema teilnehmen.

Weitere Projekte

Professor Kohle war beteiligt am Projekt „Schule des Sehens – Neue Medien der Kunstgeschichte“. Gemeinsam mit verschiedenen Universitäten und Münchner Medienpädagogen wurden Konzepte zur multimedialen Präsentation von Lerninhalten entwickelt, umgesetzt und auf einem zentralen Portal angeboten.

Professor Kohle ist außerdem im Beirat von „prometheus“, einem digitalen Bildarchiv, das derzeit 77 Instituts-, Forschungs- und Museumsdatenbanken unter einer Oberfläche verbindet.

Diskussion und Interview zur Digitalisierung von Kulturgütern in der Community

Lesen Sie das vollständige Interview mit Professor Kohle in der Community-Gruppe „Digitale Gesellschaft – Digital Society“. Wir sprechen unter anderem über die „Schule des Sehens – Neue Medien der Kunstgeschichte“ und das zentral zugängliche digitale Bildarchiv „prometheus“. Diskutieren Sie hier mit anderen über die Chancen, Risiken und Schwierigkeiten der Digitalisierung von Kulturgütern.

Zur Community

Autorin: Sigrid Born

April 2014

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