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Street Art – Subversive Jugendkultur oder etablierte Kunstform?

Wände und Straßen, Verkehrsschilder und Briefkästen – Street Art verwandelt jedes erdenkliche Objekt im öffentlichen Raum in Kunst. Die Werke, ob Produkte subversiver Jugend- und Untergrundkulturen oder Auftragsarbeiten international etablierter Künstler, prägen heute das Bild unserer Städte überall in der Welt.

Manche Formen von Street Art sind beinahe so alt wie die Menschheit - so zum Beispiel viele Varianten der Wand- und Straßenmalerei. Bis heute hat sich die Kunst im öffentlichen Raum stetig zu einer ungeheuren Vielfalt an Formaten und Stilen fortentwickelt. Künstler erfinden immer neue bildgewaltige, provozierende oder einfach amüsante Kunstwerke auf öffentlichen Straßen und Plätzen.Im Gegensatz zu anderen Kunstformen zeichnet sich Street Art besonders dadurch aus, dass sie oft illegal entsteht und aus subversiven Untergrund- und Jugendkulturen geboren wird. Häufig spielt gerade das anarchische Element eine zentrale Rolle: Die Künstler überschreiten bewusst eine Grenze, ein Gesetz, etwa bei Graffitis oder Paste-Ups aus Plakaten, Zeitungs- oder anderem Papier. Diese werden über Nacht an Wände oder auf Gegenstände im öffentlichen Raum gemalt, gesprüht oder geklebt. Sich unerlaubt und öffentlich kreativ auszudrücken, ist dabei untrennbarer Bestandteil des Werks und seiner Botschaft. „Wenn ich auf der Straße male, statt in einer Galerie, dann ist das allein schon ein politisches Statement“, so der Künstler Jim Avignon.

Vom Urvater der Street Art zum „schnellsten Maler der Welt“

Als Urvater der Street Art gilt der 1940 geborene jüdisch-französische Maler und Sprayer Gérard Zlotykamien. Er begann in den frühen 1960er Jahren als einer der ersten Künstler, an Wänden im öffentlichen Raum zu arbeiten. Er nannte seine berühmt gewordenen schwarzen Strichfiguren „Les Éphémères“ („Die Vergänglichen“) und wollte mit ihnen unter anderem an die Opfer von Verfolgung und Ausgrenzung im Holocaust erinnern.

Zlotykamien war auch insofern ein Pionier der Kunst im öffentlichen Raum, als seine Strichfiguren zwar mancherorts als Schmierereien beseitigt, gleichzeitig aber auf den bedeutenden internationalen Kunstfestivals gezeigt wurden. Heute bewegt sich Street Art immer noch zwischen subversiver Kultur und etabliertem Kunstmarkt und bleibt sicher gerade dadurch so lebendig. Allerdings gibt es immer mehr Initiativen und Projekte, die Straßenkünstler aus aller Welt gezielt zusammenbringen und ihnen ein gemeinsames Arbeiten auf professionellem Niveau ermöglichen.

Street Art in Mittelamerika: „De mi barrio a tu barrio“

So beauftragte zum Beispiel im Frühjahr 2012 das Goethe-Institut Mexiko den renommierten deutschen Musiker, Aktionskünstler und selbsternannten „schnellsten Maler der Welt“ Jim Avignon mit einem internationalen Großprojekt. Für die Street Art-Tournee „De mi barrio a tu barrio/Urban Heartbeat“ („Aus meinem Viertel in Dein Viertel“) reiste Avignon fünf Wochen lang durch Guatemala, Nicaragua, Costa Rica, Panama, Trinidad und Tobago, Jamaika sowie die Dominikanische Republik. In jedem der Länder schuf er gemeinsam mit einheimischen Künstlern riesige Wandgemälde.

Auf den entstandenen Wänden vereint sich nun die Arbeit von 70 Straßenkünstlern mit unterschiedlichsten geographischen und kreativen Wurzeln, die sich auf die Ausschreibung des Goethe-Instituts bewarben. Gigantische Graffitis vermischen sich dort zum Beispiel mit politisch motivierten „Stencils“ – eine mit Schablonen arbeitende Form der Street Art – oder treffen auf sozialkritische Malereien in Fresko-Technik, die an den mexikanischen „Muralismo“ der 1920er Jahre erinnern. Im Interview sagt Jim Avignon, dass „De mi barrio a tu barrio“ einen Dialog zwischen Künstlern anregen sollte, die ansonsten meist allein im öffentlichen Raum arbeiten. Und das häufig illegal und ohne Bezahlung – von künstlerischer Anerkennung ganz zu schweigen. Die umfangreiche Dokumentation zu „Urban Heartbeat“ zeugt davon, wie sehr dies gelungen ist:

Streetart - Mit Jim Avignon unterwegs in Lateinamerika

November 2012

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