Citizen Science: Forschende Bürger*innen

Für sein noch junges Alter legte Storch Willi bereits eine beachtliche Strecke zurück: Erst im Sommer 2020 kam er in einer Gärtnerei in der Nähe von Karlsruhe zur Welt. Nach etwa zwei Monaten flog er in einen Nachbarort und kehrte dann nur kurz in seinen Geburtsort zurück, um sich danach endgültig auf eine Reise von insgesamt 2.727 Kilometern zu machen: zunächst zum Bodensee, dann über die Schweiz nach Frankreich, Spanien und schließlich Marokko. Das alles verrät die App „Animal Tracker“, mit der jeder Mensch, der sie nutzt, eine Sichtung des Tieres melden und Ideen zur Auswertung der Daten schicken kann. Der Mensch wird damit zum Citizen Scientist – zu einer Bürgerwissenschaftlerin bzw. zu einem Bürgerwissenschaftler.

Citizen Science bezieht die Bevölkerung ein

Der Tracker ist Teil des Projekts Icarus, dem Ergebnis einer ambitionierten Forschungskooperation, an der unter anderem die Max-Planck-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt und die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos beteiligt sind. Mit Hilfe von Sensorik und Satelliten wollen die Forscherinnen und Forscher mehr über die Tiere auf der Erde erfahren, wie sie wandern und sich verhalten. Und Citizen Science, die Involvierung von nicht formell zertifizierten Wissenschaftler*innen aus der Bevölkerung, spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Forscher*innen bringen an den Tieren Minisender an, die laufend Messdaten schicken – über das Handynetz, das Internet der Dinge oder über Satelliten. Die Resultate werden in der frei zugänglichen Datenbank Movebank veröffentlicht und teilweise auch im Animal Tracker. „In der Movebank sind bereits etwa 900 Tierarten von Insekten bis zum Wal registriert“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Martin Wikelski, Biologe am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie und an der Universität Konstanz.

Professor Wikelski ist Alumnus im Feodor-Lynen-Programm der Alexander von Humboldt-Stiftung sowie Max-Planck-Forschungspreisträger der Humboldt-Stiftung und der Max-Planck-Gesellschaft.

140 Tierarten sind in der App aufgeführt

In der App lassen sich bisher etwa 140 Arten davon beobachten. Wer die App nutzt, kann sehen, wo sich die Tiere aufhalten, und dann Fotos oder Videos machen oder die Beobachtungen in Textform aufschreiben. Dass ein Storch beispielsweise gerade Wanderheuschrecken frisst, mit anderen Artgenossen interagiert, auf einer Wiese mit 20cm hohem Gras steht, oder sich ungewöhnlich bewegt, was ein Hinweis auf eine Verletzung oder Krankheit sein könnte. Dies lässt sich oft nicht aus Sensordaten ableiten.

Der Sensor verfügt über GPS und misst zudem Umwelttemperatur, Feuchtigkeit und Luftdruck, die Beschleunigung der Tiere und ihre Körperposition. Die Tiere sammeln somit zwar ihre eigenen Daten – die Berichte der Bürgerinnen und Bürger sind aber eine notwendige Ergänzung. Am wichtigsten sind die Vorschläge für wissenschaftliche Auswertungen und die kritischen Fragen der Bürgerwissenschaftler*innen, vor allem der Kinder, die oft die besten, direktesten und ehrlichsten Fragen hätten.

Mit Algorithmen Verhaltensmuster verstehen

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können nun verschiedene Algorithmen über die Daten laufen lassen, um aus den Verhaltensmustern einerseits unmittelbare Gefahren für die Tiere in Echtzeit zu erkennen und andererseits die allgemeinen Bedürfnisse der Tiere besser zu verstehen. „Wir haben bereits viele Milliarden von Verhaltensmustern gespeichert, die Forscher in Zukunft mit immer besseren Algorithmen auswerten können, auch in Echtzeit“, sagt Wikelski. „Das wird dazu beitragen, die existierenden Arten zu schützen.“

Tiere sterben unbemerkt aus

Einige Tierarten seien ausgestorben, weil man nicht verstanden habe, was sie bräuchten. Ein Beispiel seien Wandertauben. Sie verdunkelten einst den Himmel über Amerika. Man dachte, es gäbe so viele, dass kein Aussterben drohe, doch plötzlich waren sie verschwunden. Teilweise vermutlich, weil ihr Habitat zerstört wurde und weil durch den Abschuss die Gruppengrößen zu klein wurden, um mit Schwarmintelligenz neue Futterquellen zu finden. Für Tiere gehe auf der Erde aufgrund von Bevölkerungswachstum und Klimawandel mehr und mehr Lebensraum verloren.

Der Naturschutz müsse dynamischer werden, sagt Wikelski. In der Vergangenheit habe man gedacht, ein einmal geschaffenes Schutzgebiet erhalte die Tiere dauerhaft, aber die Umwelt ändert sich laufend und ein Schutzgebiet verliert für die Tiere mitunter dann die einst idealen Lebensbedingungen. Manchmal könne es auch sinnvoll sein, normalerweise zugängliche Gebiete spontan für einige Tage zu schützen, etwa wenn Schildkröten zum Eierlegen an einen Strand kommen. Die Bürger*innen können solche Situationen melden.

Einblicke in die Forschung

Citizen Science ist jedoch nicht einseitig. Viele Menschen nehmen gerne an dem Projekt teil, weil sie zusammen ein Netzwerk bilden, das Teil der Forschungsgemeinschaft wird. Sie erhalten interessante Einblicke in die Forschung und können sich mit anderen Laien und Forschenden austauschen. Zudem fühlen sie sich ernst genommen, weshalb sie motiviert sind, sich für die Tiere einzusetzen. 

Dieser Community-Gedanke ist ein wichtiger Teil jedes Citizen Science Projektes. Das sieht auch Nathalia Carolina Mora Arciniegas aus Kolumbien so, die derzeit an der Universität Bremen forscht. Auch sie nutzt Citizen Science zur Tierbeobachtung: Von den Küsten ihres Heimatlandes sammelt sie mit Kolleginnen und Kollegen zusammen Beobachtungsberichte über Haie und Rochen im „Programa Nacional de Avistamiento de Tiburones y Rayas“ (PNAT). Dafür binden sie regionale Tauchvereine, Fischer*innen und Tourist*innen ein. „Es bringt die Menschen zusammen – über alle politischen Spannungen hinweg, die es in unserem Land gibt“, sagt sie. Die Bürgerinnen und Bürger lernen in Workshops, wie sie die Tiere identifizieren können.

Den Lebensraum bewahren

Mehr als 3.600 Sichtungen haben die Teilnehmenden bereits per Mail oder WhatsApp gemeldet. Da es Arciniegas Mora und ihren Kolleg*innen an Mitteln mangelt, sind sie auf die freiwillige Mitarbeit der Menschen besonders angewiesen. Auch sie wollen mit ihrer Arbeit zur Bewahrung des Lebensraum der Tiere beitragen. Derzeit bauen sie eine IT-Infrastruktur für das Projekt auf. Arciniegas Mora ist ehemalige DAAD-Stipendiatin des Programms Entwicklungsbezogene Postgraduiertenstudiengänge (EPOS), dessen generelle Ziele Arciniegas Mora mit der Wissensvermittlung und dem Community-Building weiterhin verfolgt.

Mit der Animal Tracker App beteiligen sich bereits knapp 160.000 Menschen weltweit an den Beobachtungen individueller Tiere. Die Erfahrungen mit Citizen Science sind für die Forscher*innen sehr positiv. „Das einzige, worauf wir achten, ist, die Position mancher Tiere, etwa Nashörnern, nicht in der App zu veröffentlichen, um sie nicht zu stören“, sagt Wikelski. Die Laien würden jedoch generell Rücksicht auf die Tiere nehmen. Die Gemeinschaft aus Forscher*innen und Laien möchte die Tierbeobachtung nun so fest etablieren wie die Klima- und Wetterbeobachtung. „Wir geben den Tieren somit eine Stimme im globalen Parlament“, sagt Wikelski.

Autor: Boris Hänßler

Fotos: MaxCine_Fotograf

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Februar 2021

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