Geschlechtergleichstellung in Afrika: „Wir müssen uns selbst stärken“

Frauen und Wissenschaft: Zwei afrikanische Wissenschaftlerinnen sprechen im Interview über unkonventionelle Berufswege, die Besonderheiten ihres Kontinents und ihren Kampfgeist.

Professor Mekonnen, Sie wurden vom „winzigen, bescheidenen Mädchen aus einer Kleinstadt“, wie jemand es formulierte, zu einer Protagonistin der akademischen Welt. Was hat Ihnen auf diesem Weg geholfen?

Yalemtsehay Mekonnen: Ich denke, dass ich Glück hatte, da ich zur Schule gehen konnte. Meine Eltern konnten mich mit dem Wichtigsten versorgen und haben mich permanent motiviert. Außerdem bin ich ehrgeizig; ich will immer und überall mein Bestes geben und arbeite hart dafür. Lernen hat mich schon immer interessiert; es war und ist meine Leidenschaft.

Vielerorts ist man bemüht, die Zahl der Wissenschaftlerinnen zu erhöhen, nicht nur in Äthiopien, sondern auch in anderen Teilen Afrikas und weltweit. Welche Unterstützung brauchen Frauen für eine Karriere in der Wissenschaft, und welchen Beitrag können der Staat, das Wissenschaftssystem, Mentoren und die eigene Familie leisten?

Mekonnen: Es stimmt, dass trotz der Bemühungen eine Lücke in der akademischen Welt herrscht. Es gibt nur wenige Frauen, die es nach ganz oben schaffen, also Forschungsprojekte leiten und ordentliche Professuren erhalten. Frauen übernehmen Verantwortung von zu Hause bis zum Arbeitsplatz. Regierungen müssen durch spezifische Förderpakete die Forschungstätigkeit von Wissenschaftlerinnen unterstützen. Zum Beispiel sollte es Erziehungsurlaub und die Möglichkeit geben, von zu Hause zu arbeiten. Im Hochschulsystem von Äthiopien existieren einige Richtlinien, die Wissenschaftlerinnen fördern. Aber trotz der Fortschritte in puncto Unterstützung für Frauen bleibt noch viel zu tun.

Sie haben im Ausland promoviert, während Ihr Mann und Ihre Kinder in Äthiopien waren. Keine leichte Entscheidung. Hat es sich rückblickend gelohnt? Was hat sich für Sie verändert?

Mekonnen: Wenn ich zurückblicke, war es in der Tat keine leichte Entscheidung. Ohne die Unterstützung meiner Familie hätte ich unmöglich nach Deutschland kommen und in Heidelberg promovieren können. Es war ein ziemlich großer Schritt für mich. Aber zum Glück hat es sich gelohnt! Die Lektion, die ich aus dieser Entscheidung gelernt habe, ist: Wenn du etwas willst, mach es. Zögere nicht. Aber überlege es dir vorher gut. Die Entscheidung sollte nicht vorschnell getroffen werden.

Professor Yalemtsehay Mekonnen

64 Jahre alt, aus Äthiopien, Ostafrika

Forschungsgebiet: Physiologie

Yalemtsehay Mekonnen wurde durch ein Georg Forster-Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung gefördert und ist Präsidentin des Humboldt-Alumni-Clubs in Äthiopien. Seit 2016 engagiert sie sich als  Vertrauenswissenschaftlerin der Stiftung in Äthiopien. Für ihr Projekt „Network of female academics and researchers in Ethiopia“ hat sie 2018 einen Humboldt-Alumni-Preis für innovative Netzwerkinitiativen erhalten.

Professor Fogwe Chibaka, Sie setzen sich für Gleichberechtigung ein, weil Sie als Mutter und Ehefrau oft Kompromisse eigehen mussten. Ist das ein strukturelles Problem in afrikanischen Ländern?

Evelyn Fogwe Chibaka: Ja. Es gibt soziokulturelle und traditionelle Probleme, die Frauen im Allgemeinen betreffen. Wenn sich zum Beispiel eine Frau mit Wissenschaft, Technologie, Maschinenbau oder Mathematik beschäftigt, denken viele Leute: Du bist fehl am Platz! Außerdem gibt es ehebedingte Einschränkungen: Verheiratete Mütter müssen sich nicht nur um ihre Kinder kümmern, sondern auch um ihren Mann. Das wird von der afrikanischen Gesellschaft erwartet. Wenn Frauen also forschen wollen, kostet sie das viel mehr Anstrengung, als Männer.

Was muss sich ändern?

Fogwe Chibaka: Damit sich wirklich etwas ändert und die Entwicklung von Frauen in der Wissenschaft verbessert wird, muss es Änderungen auf drei Ebenen geben.

Erstens müssen wir auf individueller Ebene bei uns Frauen anfangen. Wir müssen unsere Mentalität ändern. Wir müssen uns entscheiden, was wir als Individuen wollen. Uns muss klar sein, dass wir nicht dorthin gehören, wo uns die Gesellschaft haben will. Wir können viel mehr leisten! Zunächst also müssen wir uns selbst stärken.

Zweitens müssen wir auf familiärer Ebene mit Weisheit und Diplomatie vorgehen. Wir sollten nicht vergessen, dass die Gesellschaft ihre Normen und Traditionen hat. Wenn wir zeigen können, dass wir Hausarbeit und Kinderbetreuung bewältigen und dennoch produktiv in der Forschung sind, wird das die Gesellschaft motivieren, einige kulturelle und traditionelle Normen zu hinterfragen.

Die dritte Strategie ist, eine Änderung auf Regierungsebene zu fordern. Es reicht nicht, einfach mehr Frauen zu Wissenschaft und Forschung zu ermutigen. Frauen und Männer müssen die gleiche Unterstützung erhalten und die gleichen Karrierechancen haben.

Professor Evelyn Fogwe Chibaka

54 Jahre alt, aus Kamerun, Westafrika

Forschungsgebiet: Linguistik

Evelyn Fogwe Chibaka wurde durch ein Georg Forster-Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung gefördert. Im Januar 2019 hat sie in Yaoundé ein Humboldt-Kolleg zu Mentalitätsänderung und Empowerment berufstätiger Kamerunerinnen organisiert. Im Anschluss daran hat sie die Plattform „Cameroon Professional Research Oriented Women“ (CaPROW) gegründet. 2020 hat sie für ihre Initiative mit CaPROW einen Humboldt-Alumni-Preis für innovative Netzwerkinitiativen erhalten.

Letztes Jahr haben Sie in Yaoundé ein Humboldt-Kolleg zu Mentalitätsänderung und Empowerment berufstätiger Kamerunerinnen zur Entwicklung organisiert. Welchen Input kann die akademische Welt zugunsten von mehr Geschlechtergleichstellung in Kamerun und anderen afrikanischen Ländern geben?

Fogwe Chibaka: Im Hinblick auf Postgraduiertenforschung geht es nicht nur um eine Änderung der Mentalität. Mangelnde finanzielle Unterstützung ist eines der größten Hindernisse für die Erhöhung des Frauenanteils in der Wissenschaft. Man braucht eine solide Förderung, um in die Wissenschaft zu gehen. Natürlich können Frauen sich selbst Sponsoren suchen und konkurrenzfähige Anträge für ihre Forschungsprojekte einreichen. Aber aufgrund der finanziellen Situation hier ist der Zugang zu Fördergeldern eingeschränkt. Daher sollte die Regierung mit anderen Ländern und internationalen Organisationen zusammenarbeiten, die bereit sind, Wissenschaftlerinnen zu unterstützen. Eine solche Plattform würde vielen Frauen helfen, ihre Ziele als Forscherinnen zu erreichen.

Professor Mekonnen, Sie haben erzählt, dass Ihr Vater zu Ihnen und Ihren Geschwistern immer „Du kannst das!“ sagte. Wie können Mädchen im Allgemeinen die Unterstützung bekommen, die sie brauchen?

Mekonnen: Unterstützung durch die Familie ist sehr wichtig. Unabhängig von Ressourcen oder sozialem Status tragen Familien die große Verantwortung, ihre Kinder angemessen zu erziehen. Arme Familien stehen vor dem Problem, ihre Kinder zu ernähren und sie zugleich wirksam zu motivieren. Ich kenne Mädchen aus armen Familien, die später Erfolg hatten. Regierungen sollten in der Lage sein, Kinder aus armen Familien zu unterstützen. Für Frauen hängt alles von der Möglichkeit ab, zur Schule gehen zu können. Wenn eine Frau Karriere machen will, sollte sie hart arbeiten, optimistisch sein und eine positive Einstellung haben. Wie es so schön heißt: Erfolg beruht auf Fehlschlägen. Das Leben ist keine Gerade. Frauen sollten nicht aufgeben.

Professor Fogwe Chibaka, Sie erklärten, dass Frauen besonders hart dafür arbeiten müssen, sich zu behaupten. Sie sagten, in Kamerun denken viele Kollegen, dass Frauen generell schlechtere Wissenschaftler sind und dass das in Deutschland nicht so ist. Kann akademischer Austausch daran etwas ändern?

Fogwe Chibaka: Ja, und der positive Einfluss ist sogar schon sichtbar. Organisationen wie der DAAD haben Tausende von Frauen unterstützt, zum Beispiel bei ihrer Promotion, etwa mich. Auch die Alexander von Humboldt-Stiftung bietet systematische Unterstützung. Mit ihrer Hilfe und der der Volkswagenstiftung, dem DobeS-Programm*, konnte ich mein Postdoktorat und vier langfristige Forschungsprojekte in Deutschland absolvieren. Ich konnte viele Juniorwissenschaftlerinnen mitbringen, die ihre Forschungsprofile verbessert und zahlreiche Publikationen produziert haben. Die Zeit in Deutschland bestand für uns nicht nur in akademischen Vorteilen und einer neuen Kultur, sondern wir konnten uns auch mit vielen Kollegen und Fachleuten aus der Diaspora vernetzen.

Professor Mekonnen, Sie engagieren sich als Netzwerkerin und Mentorin für andere, etwa als Gründerin der „Ethiopian Society of Women in Science and Technology“ oder als Vertrauenswissenschaftlerin der Alexander von Humboldt-Stiftung in Äthiopien. Welche Networking-Empfehlungen können Sie anderen geben?

Mekonnen: Nutzen Sie jede Gelegenheit, die sich bietet, so gut Sie können! Seien Sie nicht schüchtern, sprechen Sie bescheiden über sich, zeigen Sie Interesse an anderen und versuchen Sie, eine Gemeinsamkeit zu finden, an der Sie arbeiten können. In der akademischen Welt forscht niemand alleine oder nur in der eigenen Fachrichtung. Networking ist daher sehr vorteilhaft.

Professor Fogwe Chibaka, nach dem Humboldt-Kolleg haben Sie die Plattform „Cameroon Professional Research Oriented Women“ gegründet, „CaPROW“. Was können solche Netzwerke für die strukturelle Unterstützung von Frauen leisten?

Fogwe Chibaka: Einmal können sich Menschen physisch begegnen, bei Konferenzen, Schulungen, Workshops oder Seminaren. So erhalten Frauen eine geeignete Plattform, sich weiterzuentwickeln, sich über Erkenntnisse und technologische Neuheiten auszutauschen und ihre Arbeit zu präsentieren. Außerdem können wir an virtuellen Konferenzen, Workshops oder Diskussionen teilnehmen. Auf diese Weise können Frauen zusammenarbeiten und Wissen mit Kolleginnen und Kollegen im Rest der Welt oder aus anderen Disziplinen austauschen und so ihre Karriere ausbauen. All das kann CaPROW ermöglichen.

Welche Pläne verfolgen Sie mit CaPROW?

Fogwe Chibaka: Wir haben die Vereinigung mit dem vorrangigen Ziel gegründet, eine nachhaltige virtuelle und physische Plattform zu schaffen, die sensibilisiert, motiviert und orientiert, Mentoren und Mentees zusammenbringt und viele Juniorforscherinnen stärkt. Als Teil davon werden wir eine zweijährliche Buchreihe mit den Artikeln kamerunischer Wissenschaftlerinnen herausgeben. Der erste Band ist bereit zur Veröffentlichung. Und im Hinblick auf Networking werden wir eine Plattform für Diskurse und Schulungen zu bestimmten Kompetenzen aufbauen, etwa Projektmanagementtechniken oder Onlinetools und ihre Anwendungsmöglichkeiten. Außerdem wollen wir Unterstützung für konkurrenzfähige Forschungsanträge leisten, die internationalen Standards entsprechen. Wir werden die Frauen darin schulen, digitale Daten zu sammeln und zu analysieren. Und wir werden sie ermutigen, Allianzen mit laufenden digitalen Forschungsprojekten in Kamerun und anderen Ländern einzugehen. Wir hoffen, auf diese Weise den Anteil von Frauen in der Wissenschaft zu erhöhen. Vor diesem Hintergrund freut es mich, dass CaPROW einen Humboldt-Alumni-Preis 2020 für innovative Netzwerkinitiativen erhalten hat. Damit bekommt unsere Vision und Mission für „CaPROW Networking“, „CaPROWN“, Aufwind.

Schauen wir auf all diese Aspekte im Kontext der Digitalisierung, die Sie gerade erwähnt haben. Was denken Sie – wie verändert sie Chancen und die Wege von Frauen in die Wissenschaft, vor allem in afrikanischen Ländern?

Fogwe Chibaka: Wissen ist Macht. In virtuellen Netzwerken können Frauen Ideen austauschen und Antworten auf ihre Fragen bekommen. Digitalisierung bringt Frauen in Kontakt mit der Sammlung, Analyse, Verarbeitung, Veröffentlichung und Archivierung von Daten und mit geeigneten Forschungsinfrastrukturen. Außerdem hilft ein digitalisiertes Arbeitsumfeld ihnen, auf Informationen zuzugreifen, die für Fördermittel relevant sind.

Interview: Hendrik Bensch

* DoBeS ist ein Programm zur Dokumentation Bedrohter Sprachen.

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Mai 2020

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