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Gegen alle Regeln

Ihre Zukunft war für sie vorausgeplant. Der Mann, den sie heiraten sollte. Ihre Rolle als Hausfrau. Ein Leben nach den Regeln ihrer Kaste. Doch dann entdeckte Geetha Thangavelu ihre Liebe zur Mathematik und alles kam anders. Die Geschichte einer Karriere gegen den Strom und wider alle Erwartungen.

Geetha Thangavelu fällt auf unter den Stuttgarter Mathematikern. Sicher liegt es an ihrem traditionellen indischen Kleid und dem kleinen purpurnen Punkt auf ihrer Stirn, Bindi genannt. Aber auch an ihrem hellen, herzhaften Lachen. Geetha ist Spezialistin für die Darstellungstheorie endlicher zellulärer Algebren und erst vor kurzem als Humboldt-Forschungsstipendiatin hierher an die Universität Stuttgart gekommen. Ihr Weg von ihrer indischen Heimat nach Deutschland war denkbar weit – nicht nur in geografischer Hinsicht, sondern auch in kultureller. Mit Geetha ist ihr Mann Bakkyaraj nach Deutschland gereist, auch er Mathematiker. Er sitzt neben Geetha in ihrem Eckbüro und hört ruhig zu, wie seine Frau erzählt.

Von ihrer Heimatstadt Erode im Bundesstaat Tamil Nadu, der Südspitze Indiens. Von dem Haus, in dem sie mit ihren Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen aufgewachsen ist, 25 Menschen unter einem Dach. Vom Leben ihrer Mutter zwischen Kochen und Putzen. Von der Handmühle, mit der sie Mehl mahlte. Von der Oma, die ihre Enkelin Geetha nach der Geburt nicht sehen wollte, weil sie so enttäuscht war – schon wieder Mädchen, und noch immer kein künftiges Familienoberhaupt in Sicht.

Geethas Vater und Mutter führten eine „arrangierte Ehe“: Die Eltern trafen sich, tauschten Horoskope aus und beschlossen schließlich, dass ihre Kinder heiraten würden. Die wiederum lernten sich erst auf ihrer eigenen Hochzeit kennen. So ähnlich sollte es auch bei Geetha sein – mit einer Einschränkung: Ihre Mutter, die nur zwei Jahre zur Schule gegangen war, bestand darauf, dass sie mindestens einen Master würde absolvieren dürfen.

„Geetha entdeckt die Biografie der Nobelpreisträgerin Marie Curie. Sie liest sie 200-mal. Das Buch verändert ihr Leben.“

Bis in die Nacht nähte sie Kleider

Geetha machte das Beste daraus. Sie besuchte ein Undergraduate College, um den Bachelor in Mathematik zu machen. Das Geld dafür verdiente sie, indem sie bis in die Nacht hinein Kleider nähte und verzierte. Tagsüber lernte sie. „Die ersten beiden Jahre war ich schlecht in Mathematik. Weil ich noch gar nicht wusste, was das war.“ Damals lernt sie ihren Mitstudenten Bakkyaraj kennen, der ihr Nachhilfe gibt und ihr zu einer Entdeckung verhilft: Je abstrakter der Stoff, desto mehr Freude hat sie daran.

Irgendwann in dieser Zeit fällt Geetha ein Buch in die Hand: eine Tamil-Übersetzung der Biografie von Marie Curie. Sie liest es etwa 200-mal, vorm Einschlafen, immer eine halbe Stunde lang. „Das hat meine Perspektive auf das Leben total verändert. Ich weiß seitdem, dass ich keine Hausfrau werde. Sondern Forscherin.“ Marie Curie war die erste Professorin an der Pariser Universität Sorbonne, sie hat Nobelpreise in Physik und Chemie bekommen und ist bis heute die einzige Frau unter den Mehrfach-Nobelpreisträgern. Ein Aspekt in Curies Leben hat Geetha besonders beschäftigt: dass ihr Ehemann ebenfalls ein herausragender Wissenschaftler war.

Innerhalb von zwei Jahren macht sie in Erode ihren Master, anschließend absolviert sie einen Master of Philosophy in Mathematics in Salem. Auf dem Campus gibt es kein Internet und keinen Drucker. Um E-Mails zu checken, muss sie mit dem Bus 15 Kilometer weit fahren. Die Bibliothek hat Fachbücher nur bis zum Master-Level und keine Abonnements für Fachjournale. Wochenends fährt sie im Bus 350 Kilometer nach Chennai, um die dortige Bibliothek zu benutzen, 20 Stunden hin und zurück. Geetha ist klar, dass sie sich auf die Hinterbeine setzen muss, um voranzukommen.

Es ist Bakkyaraj, inzwischen Mathematikstudent in Chennai, der es Geetha in dieser Zeit ermöglicht, die weiteren Horizonte ihres Fachs zu entdecken. Er und ihr gemeinsamer Freund Rajasekar treffen sich jedes Wochenende, um Geetha samstags oder sonntags beizubringen, was sie die Woche über gelernt haben. So sitzen sie beieinander, immer bei einem der drei. Wenn sie bei Geetha Mathematik treiben, wuseln um sie herum Cousins und Cousinen, der Vater sieht fern, die Oma verfolgt misstrauisch, was sie da reden, und die Mutter kocht.

„Seit sie 16 war, kamen Eltern aus der Nachbarschaft mit ihren heiratsfähigen Söhnen zu Besuch. ‚They wanted to fix this girl.‘“

Das Mädchen, das zu viel wissen wollte

Jede Woche hat sie diesen einen Tag, um fünf Tage Stoff nachzuholen. Das schafft sie. Was nicht nur etwas über ihre Disziplin und ihr Talent sagt, sondern auch über ihre Leidenschaft. Denn während sie bisher Formeln gebüffelt hat, entdeckt sie jetzt die Schönheit der Mathematik. „Mir wurde der Unterschied klar zwischen Mathematik lernen und Mathematik treiben.“ Ihren bisherigen Lehrern war es suspekt, wenn sie Fragen stellte. „Ich galt als ungehörig. Manchmal schickten sie mich raus, wenn ich zu viel wissen wollte.“ In den Büchern, die Bakkyaraj und Rajasekar mitbringen, geht es nicht mehr nur ums Lösen von Aufgaben, sondern um das Erörtern von Fragen. Nicht mehr um Gewissheiten, sondern um produktive Zweifel. Sie lernt Fragen kennen, auf die es keine richtigen oder falschen Antworten gibt, sondern noch gar keine. „Ich fing an, keine Formeln mehr zu lesen, sondern Mathematik. Es ist, wie wenn man ein Spiel, dessen Regeln man endlich verstanden hat, einfach spielt. Und es in vollen Zügen genießt.“ Nach nur zwei Jahren wird sie in Salem mit dem Thema „Zellularität großer Klassen von Diagramm-Algebren“ promoviert und wechselt nach Chennai.

Seit Geetha 16 war, kamen Eltern aus der Nachbarschaft mit ihren heiratsfähigen Söhnen zu Besuch. „They wanted to fix this girl“, so nennt Geetha das. Es bedeutet, sie wollen alles klar machen für eine Heirat. To fix, das heißt aber auch: Sie wollen das Mädchen reparieren, zur Vernunft bringen. Denn Geetha will noch nicht heiraten, und das sagt sie auch. „This girl is too talkative“, sagen die Besucher.

Die Nachbarn dürfen nichts wissen

Geetha weiß: Egal wie erfolgreich sie in der Mathematik werden würde – es wird in der Macht ihres künftigen Mannes liegen, ihr den Beruf zu verbieten. Wenn sie sehr viel Pech haben würde, würde dieser Mann sogar den Kindern verbieten, sich zu bilden. Sie wusste, dass es für ihre Eltern immer schwerer werden würde, sie zu vermitteln, denn viele Männer schätzen keine Frauen, die gebildeter sind als sie selbst und besser verdienen. Und noch etwas wusste sie: Mit Bakkyaraj würde sie diese Probleme niemals haben. „Außerdem wusste ich schon, dass er mich liebt“, sagt sie, in ihrem Stuttgarter Büro sitzend, und wirft einen verschmitzten Blick auf Bakkyaraj. „Also fragte ich ihn, ob er mich heiratet.“

Das tun sie – allerdings ohne den Segen von Geethas Familie. Denn Geetha und Bakkyaraj durften zwar miteinander in einem Haus verkehren, weil sie im komplizierten indischen Kastensystem derselben Hierarchieebene angehören. Allerdings nicht derselben Kaste – Heirat ausgeschlossen.

Seit der Hochzeit gibt es deshalb keinen Kontakt mehr zwischen Geetha und ihrer Familie. „Offiziell“, sagt sie. Das heißt: Die meisten Nachbarn und die weitere Verwandtschaft dürfen nicht wissen, dass sie manchmal heimlich mit Mutter und Schwester telefoniert. Geetha hofft, dass sich das Verhältnis irgendwann wieder normalisieren wird. Spätestens, wenn das Baby auf der Welt ist, mit dem sie schwanger ist. Sie will irgendwann wieder nach Indien zurückkehren. Lehrer und Mathematikstudenten an die Forschung heranführen, Professorin werden. Und in Eintracht mit ihrer Familie leben.

Autor: Andreas Unger

Dieser Beitrag wurde ursprünglich in Humboldt Kosmos 105/2016 publiziert.

Humboldt Kosmos ist ein Magazin der Humboldt-Stiftung.

Februar 2018

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