Lösung des Work-Life-Imbalance-Problems

Unsere heutigen Arbeitsmodelle und die ungleichmäßige Verteilung von Haushaltspflichten stehen der Geschlechtergerechtigkeit entgegen. Die damit verbundene Ungleichheit lässt sich beispielsweise in Deutschland und Brasilien beobachten. Allerdings gibt es dafür eine Lösung: die 30-Stunden-Arbeitswoche. Davon würde die gesamte Gesellschaft in vielerlei Hinsicht profitieren.

In den meisten Fällen müssen aber immer noch die Frauen den größten Teil der Hausarbeit übernehmen, die Kinderversorgung eingeschlossen. Da gerade Letztere den unbezahlten Arbeitsaufwand beträchtlich erhöht, gilt das Ungleichgewicht zuungunsten der Mütter in vielen Ländern als Hauptfaktor für den Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern. Der Bertelsmann Stiftung zufolge verdienen Mütter in Westdeutschland im Laufe ihres Lebens 62 % weniger als Männer, kinderlose Frauen hingegen nur 13 % weniger. Im Osten Deutschlands, wo zu DDR-Zeiten ein dichtes Netz an Kindertagesstätten geschaffen wurde, liegt das Lebenserwerbseinkommen von Müttern 48 % unter dem der Männer. Zum Vergleich: In Brasilien haben Mütter ein bis zu 40 % geringeres Einkommen als Frauen ohne Kinder.

Die meisten Mütter sind Teilzeitbeschäftigte

In Deutschland waren 2017 laut dem Statistischen Bundesamt 69 % aller erwerbstätigen Mütter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit tätig. Der Anteil der erwerbstätigen Väter in einer Teilzeitbeschäftigung betrug demgegenüber nur 6 %. Eine Analyse der Daten des Weltwirtschaftsforums 2020 für verschiedene Länder ergab, dass sich der Anteil teilzeitbeschäftigter Frauen anscheinend indirekt proportional zum Anteil von Frauen in Führungspositionen verhält.

All diese Statistiken verweisen auf den Umstand, dass Hausarbeit nicht gleichmäßig verteilt ist. Doch was wäre, wenn Mann und Frau die Hausarbeit zu gleichen Teilen untereinander aufteilten? Würden wir dann Geschlechtergerechtigkeit erreichen? Ist es sinnvoll und wünschenswert, unbezahlte häusliche Pflichten auszulagern? In Brasilien ist es vor allem in größeren Städten gang und gäbe, dass beide Ehepartner in Vollzeit tätig sind. Dementsprechend wenig Zeit bleibt für die Familie. Mitunter werden schon vier Monate alte Kinder von 7 Uhr bis 19 Uhr in einer Kindertagesstätte oder bei einer Babysitterin oder einem Babysitter untergebracht. Die Hausarbeit wird zum Teil an Dienstleister ausgelagert. Allerdings kann sich dies nicht jede und jeder leisten.

Könnte es also sein, dass unsere derzeitigen Arbeitsmodelle die Gleichstellung der Geschlechter behindern? Angesichts der rasanten technischen Entwicklung und der schwungvollen urbanen und sozialen Dynamik unserer Zeit lässt sich nur schwer akzeptieren, dass das vor über einem Jahrhundert erkämpfte Modell der 40-Stunden-Woche noch heute gültig sein soll. Daher befürworte ich die 30-Stunden-Arbeitswoche, die als wirtschaftlich tragbares Alternativmodell vorgeschlagen wurde, wenn man seine indirekten, mittel- und langfristigen Vorteile mitberücksichtigt.

Unternehmen profitieren von verkürzten Arbeitszeiten

Zu den Vorteilen gehört eine positive Wirkung auf die geistige Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. 32 % aller Erwerbstätigen in Brasilien – rund 33 Millionen Menschen – sind heute vom Burn-out-Syndrom betroffen, wie die brasilianische Abteilung der International Stress Management Association (ISMA-BR) in einer Untersuchung herausfand. In Deutschland klagen 80 % der Vollzeitbeschäftigen über andauernden Stress, und jeder Fünfte hat schon einmal an Burn-out gelitten.

Einige Unternehmen haben bereits den Schritt gewagt und die tägliche Arbeitsstundenzeit reduziert – in vielen Fällen mit Erfolg. Im November 2017 führte Rheingans Digital Enabler als erstes deutsches Unternehmen den Fünf-Stunden-Tag ein, ohne Gehaltskürzung und unter Beibehaltung aller sonstigen Vergünstigungen. Die Mechanikerinnen und Mechaniker des Toyota-Autoservicezentrums im schwedischen Göteborg arbeiten seit 2002 nur noch sechs statt acht Stunden täglich, erhalten aber nach wie vor ihr volles Gehalt. Das Ergebnis: eine höhere Produktivität, weniger Fehlzeiten, weniger Personalfluktuation, eine größere Mitarbeiterzufriedenheit und 25 % Gewinnzuwachs. Beispiele für erfolgreiche Unternehmen mit ähnlichen Modellen gibt es auch in Spanien, Australien, Österreich, den USA und anderen Ländern.

Der Wunsch der Arbeitnehmer nach einem ausgewogeneren Verhältnis von Arbeits- und privater Lebenszeit wird immer stärker. Angestellte möchten mehr Zeit für ihre Familie und für sich selbst. Diese neue Wertschätzung für den Faktor Zeit ist vor allem unter Millennials bzw. der Generation Y weit verbreitet. Für sie und andere ist Zeit mittlerweile wertvoller als Geld.

Es ist Zeit für einen Wandel

Eine bessere Work-Life-Balance würde vielen Frauen die Rückkehr in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Sie könnte auch den Fachkräftemangel in einigen Ländern wie Deutschland etwas entschärfen. Überdies könnten dann beide Elternteile ihren elterlichen Pflichten auf verantwortungsvolle und bewusste Weise nachkommen und die Hausarbeit gerechter untereinander aufteilen. Im Übrigen hätte eine größere Diversität auf dem Arbeitsmarkt wirtschaftliche Vorteile. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) würde das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) um mindestens 4 % wachsen, wenn unentgeltliche Arbeit zwischen Männern und Frauen gleichmäßiger verteilt wäre.

All diese Argumente bringen deutlich zum Ausdruck: Es ist Zeit für einen Wandel. Die Coronakrise hat die Belastung für Frauen erhöht. Schon zuvor war es für einige schwierig, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen, nun ist es noch schwieriger geworden. Dennoch hat uns die Pandemie einige Denkanstöße geliefert. Unsere Werte und Prioritäten stehen auf dem Prüfstand. In Zeiten, in denen wir gezwungenermaßen im Homeoffice arbeiten müssen, wurde ein Fenster aufgestoßen, durch das wir sehen können, dass Arbeit zwar wichtig, aber nicht der einzige Lebensinhalt ist.

 

Autorin: Dr. Nadiane Smaha Kruk

Wer ist Nadiane Smaha Kruk?

Nadiane Smaha Kruk kommt aus Curitiba in Brasilien. Sie ist studierte Bauingenieurin und schloss ihr Masterstudium und ihre Promotion auf dem Gebiet Wasserressourcen ab. Bis 2015 hatte sie eine Professur am Instituto Tecnológico de Aeronáutica (ITA) in São José dos Campos inne. Danach verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland, wo sie die Chance erhielt, als Forscherin an der Technischen Universität Hamburg (TUHH) zu arbeiten. Mit Unterstützung durch den DAAD studierte sie ein Jahr lang an der Technischen Universität Berlin und forschte 2005 während ihrer Promotion an der Universität Leipzig. Sie ist Autorin des Buches „30 Hours: A game-changing proposal for work-life balance and gender equity“.

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März 2021

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