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Bildung für nachhaltige Entwicklung: Wenn Schüler zu Fair-Trade-Unternehmern werden

Nachhaltigkeit und Klimaschutz fangen im Alltag an, und Kinder können das auch lernen. Am UNESCO-Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung beteiligen sich Bildungseinrichtungen aus ganz Deutschland – allen voran die Schulen.

Wenn den Schülern der Erich-Kästner-Schule im baden-württembergischen Ladenburg der Magen knurrt, dann kaufen sie sich einen Snack am Schulkiosk. Neben Butterbroten, Keksen und Gummibärchen finden sich seit Frühjahr 2018 auch fair gehandelte Bananen und Schokolade in der Auslage. Hinter dieser Neuerung steht ein Projekt aus dem Religions- und Ethikunterricht der Schule: 15 Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 14 Jahren setzten sich darin mit Fairem Handel und globalen Produktionsketten auseinander.
 
Auch das Hainberg-Gymnasium in Göttingen hat sich mit diesen Themen auseinandergesetzt. Aus einem kleinen Projekt ist hier im Laufe der Jahre die Schülerfirma „Macadamiafans“ entstanden. Die „Firma“, die 2012 von einer freiwilligen Projektgruppe als Schülergenossenschaft (eSG) gegründet wurde, ist heute fester Bestandteil des Unterrichts. Wer sich in der 9. oder 10. Klasse für das Wahlpflichtfach entscheidet, verbringt den regulären Unterricht damit, das Schulunternehmen zu managen: Nüsse in Empfang nehmen, Onlinebestellungen bearbeiten, die Buchhaltung verwalten, Pakete versenden, Marketing und Kundenkontakt pflegen. Vertrieben werden die Nüsse unter anderem im lokalen Einzelhandel. Mit dem Erlös unterstützen die Macadamiafans nicht nur afrikanische Bauern, sondern finanzieren auch Auslandsstipendien für Mitschüler. Unter der Organisationsform einer Schülergenossenschaft ist es in Deutschland möglich, dass Schüler gemeinsam eigene Geschäftsideen verwirklichen. Begleitet werden sie dabei von den regionalen Genossenschaftsverbänden ihrer Bundesländer.

Verantwortliches Handeln im Bildungssystem verankern

Die Erich-Kästner-Schule und das Hainberg-Gymnasium sind nur zwei von knapp 500 Bildungseinrichtungen aus ganz Deutschland, die sich am Aktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) der UNESCO beteiligen. Ob Schule oder Kindergarten, UNESCO-Welterbestätte, Botanischer Garten oder Zoo – sie alle engagieren sich für ein gemeinsames Ziel: nachhaltiges Denken und Handeln in allen Bereichen des Bildungssystems zu verankern.
 
Beim BNE-Programm wird die Deutsche UNESCO-Kommission vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt. Gemeinsam haben sie Vorschläge gesammelt, wie Kinder und Jugendliche nachhaltiges Handeln optimal lernen können, und 2017 in einem nationalen Aktionsplan sowie auf einer Onlineplattform zusammengefasst. Auf der BNE-Webseite können Schulen und andere Einrichtungen kostenlos Lehrmaterialen herunterladen: Vom Saatgutposter über das Umwelthörspiel bis hin zum Nachhaltigkeitsbrettspiel gibt es Anregungen, wie sie das Thema BNE für alle Altersstufen anschaulich aufgreifen können.
 
Der Aufforderung, sich stärker innerhalb des BNE zu engagieren, sind die Bildungseinrichtungen auf ganz unterschiedliche Weise nachgekommen: Sie bilden Klimalotsen aus, bieten Ausstellungen zu Globalisierung oder umweltfreundliche Ferienfreizeiten an. Eine besondere Rolle kommt den Schulen und Kindergärten zu, die Kinder und Jugendliche täglich begleiten. Rund 400 sind auf der Plattform des Aktionsprogramms registriert. Ihre Aktionen reichen von fairem Kaffee in der Kantine über Projektfahrten bis hin zu internationalen Austauschprogrammen.

  • Foto (Zuschnitt): © DUK/Till Budde

    Die Ausstellung „Weltreise durch die Klimazonen der Erde“ des Klimahaus Bremerhaven 8° Ost wird jährlich von rund 100.000 Schülern besucht. Die Kinder durchlaufen mehrere Räume, die sie mal in die Sahara, mal in den tropischen Regenwald oder nach Samoa versetzen – und in denen sogar die entsprechende Temperatur und Luftfeuchtigkeit herrscht.

  • Foto (Zuschnitt): © Hainberg-Gymnasium

    Am Hainberg Gymnasium in Göttingen haben Schüler die Firma „Macadamiafans“ gegründet. Mit ihrem Erlös unterstützen sie afrikanische Bauern und finanzieren Auslandsstipendien für Mitschüler, die zum Beispiel in einem chinesischen Wiederaufforstungsprojekt mitarbeiten möchten.

  • Foto (Zuschnitt): DUK/Till Budde

    An den Berufsbildenden Schulen (BBS) Uelzen werden „Energiedetektive“ ausgebildet, die die Energieeffizienz an den Schulen verbessern wollen. Sie analysieren, wo der Energieverbrauch in den Gebäuden verringert werden kann. Auch einen „Green Day“ und eine „Woche der Müllvermeidung“ veranstalten die Schulen.

  • Foto (Zuschitt): © DUK/Till Budde

    Auch einige Schülerfirmen gibt es an den BBS: Die Firma „HoBaTec“ produziert Holzkonstruktionen wie Schlagbäume oder Waldbänke für regionale Auftraggeber, andere Schüler entwickelt Nistkästen und Insektenhotels für den Naturschutzbund – in nahezu abfallfreier Produktion, da sämtliche Holzspäne als Brennmaterial weiterverwertet werden.

  • Foto (Zuschnitt): © DUK/Till Budde

    Auch frühkindliche Bildung kann nachhaltig sein: 200 Kindertageseinrichtungen in Hamburg und Südholstein bilden gemeinsam das Netzwerk KITA21. Sie führen Kinder im Alter von ein bis drei Jahren spielerisch an Themen wie Energie, Ernährung oder Konsum heran.

  • Foto (Zuschnitt): © VEUBE e.V. Ökologisches Schullandheim „Spohns Haus“

    Im saarländischen Gersheim steht das Ökologische Schullandheim Spohns Haus, das zugleich das Umweltbildungszentrum des Biosphärenreservats Bliesgau ist. Bis zu 70 Kinder können in den historischen Gebäuden nachhaltige Klassenfahrten oder Projektwochen verbringen.

  •  Foto (Zuschnitt): © VEUBE e.V, Ökologisches Schullandheim „Spohns Haus“

    Im Biosphärenreservat Bliesgau bietet Spohns Haus Projekte an, bei denen Kinder und Jugendliche Natur hautnah erleben und erfahren können – hier beispielsweise experimentieren Schüler mit Erdboden. Auch Projekte über Wasser, Sonnenenergie oder Bienen gehören zum Angebot.

Schulen und Umweltinitiativen vernetzen

Besonders wichtig ist es der BNE-Kampagne, dass sich Schulen und Umweltinitiativen stärker miteinander vernetzen. Sucht eine Schule einen Partner in der Region, um zum Beispiel eine nachhaltige Klassenreise zu organisieren oder eine Projektwoche umzusetzen, können sie auf der digitalen Deutschlandkarte auf der BNE-Webseite die geeignete Initiative in ihrer Nähe finden.
 
Die Erich-Kästner-Schule wurde bei ihrem Projekt beispielsweise von der entwicklungspolitischen Bildungsinitiative des Eine-Welt-Zentrums Heidelberg unterstützt. Deren Projekt „Globales Klassenzimmer“ bietet unter anderem Workshops und Stadtrundgänge zum Thema Globalisierung an. Dabei lernen die Kinder und Jugendlichen auch die Folgen ihres eigenen Konsumverhaltens und des Klimawandels einzuschätzen.
 
Einen zusätzlichen Anreiz für Kommunen, Lernorte und Netzwerke, sich intensiv mit BNE auseinanderzusetzen, geben die Auszeichnungen der BNE-Initiative. Die Ausgezeichneten erhalten das Logo des UNESCO-Weltaktionsprogramms für ihre Tätigkeit und können sich darüber hinaus von der Freien Universität Berlin in ihrer Arbeit beraten lassen. Im Jahr 2017 waren es 63 Good-Practice-Beispiele, die auf diese Weise hervorgehoben wurden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

Autorin: Petra Schönhöfer, freie Journalistin und Autorin. 

Copyright Text: Goethe-Institut, Petra Schönhöfer

Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Januar 2019

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