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Das CrossCulture Programm „Flucht und Migration“ verbessert die Flüchtlingsarbeit über Grenzen hinweg

Der Flüchtlingsstrom nach Deutschland ist abgerissen. Die Flüchtlinge sind aber nicht verschwunden, Menschen fliehen weiterhin aus Syrien. Einige von denjenigen, die sich engagiert um die Flüchtlinge kümmern, haben jetzt am CrossCulture Programm (CCP) „Flucht und Migration“ teilgenommen.

Das vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) durchgeführte CrossCulture Programm (CCP) wurde in diesem Jahr um die Dimension „Flucht und Migration“ erweitert. 13 jungen Menschen aus dem islamisch geprägten Kulturkreis und aus Deutschland wurde dadurch die Möglichkeit gegeben, Einblick in ein anderes Land und in die dortige Flüchtlingsarbeit zu bekommen. Im Forum „CCP Flucht und Migration“ konnten sie sich Anfang November eine Woche lang mit den anderen Stipendiaten des Programms austauschen und gegenseitig von ihren Erfahrungen profitieren.

Ein Dienstagmorgen Anfang November im Sharehaus Refugio in Berlin Kreuzberg. Im ersten Stock raschelt Papier, es herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. 13 junge Menschen schreiben, malen und kleben Plakate, viele von Ihnen knien auf dem Boden, einige haben ihre Schuhe ausgezogen. Sie sollen ihre Organisation vorstellen, für die sie in ihrem Heimatland arbeiten, und die Organisation präsentieren, für die sie in einem Gastland arbeiten oder gearbeitet haben. Eine Stunde bleibt ihnen nun für die Vorbereitung der Präsentationen.

Sie alle engagieren sich beruflich oder ehrenamtlich für Flüchtlinge und sind Stipendiaten des „CCP Flucht und Migration“, das in diesem Jahr zum ersten Mal innerhalb des CrossCulture Programms durchgeführt wird. Die Teilnehmer des Programms werden für eine Dauer von bis zu zwei Monaten durch ein Stipendium gefördert. CCP-Stipendiaten aus Deutschland nehmen ihre Förderung in einem der teilnehmenden Länder wahr, Stipendiaten aus dem Ausland ausschließlich in Deutschland. In diesem Jahr kommen die Teilnehmer neben Deutschland aus Marokko, der Türkei, dem Irak, Jordanien und aus dem Libanon.

„CCP Flucht und Migration begrüßt Tandem-Verfahren“, sagt Anja Scholz, die das Programm leitet. „Eine Organisation entsendet einen Mitarbeiter in eine andere Organisation und nimmt aus dieser Organisation gleichzeitig einen Mitarbeiter auf.“

So ein Tandem sind zum Beispiel Florian Börner aus dem Flüchtlingszentrum Mertensstraße der Berliner Stadtmission und Ahmed Al-Shaikhli, der in der Almortaqa Foundation for Development im Irak arbeitet. Beide sind erst kurz vor dem Forum aus dem Irak nach Berlin geflogen. Florian Börner hat seine Zusammenarbeit mit Almortaqa bereits beendet, Ahmed Al-Shaikhli arbeitet seit Mitte November im Flüchtlingszentrum Mertensstraße. „Mich interessiert vor allem, wie Deutschland die große Anzahl an Flüchtlingen versorgt“, sagt Ahmed Al-Shaikhli mit sehr klarer, fester Stimme zu seinen Erwartungen an den Deutschlandaufenthalt.

Ahmed Al-Shaikhli, Teilnehmer des CrossCulture Programms (CCP) „Flucht und Migration“, im Interview

Arbeiten im Flüchtlingscamp: Kampf um Existentielles bestimmt den Alltag

Die Präsentationen sind fertig und an Stellwände gepinnt. Nun haben die Teilnehmer die Gelegenheit, Einblick in die Arbeit ihrer Heimat- und ihrer Gastorganisation zu geben. Die Organisatoren nennen das „Markt der Möglichkeiten“.

Mona Abdelbaqi trägt ein weißes Kopftuch, Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Sie ist Bauingenieurin und stammt aus Jordanien. Jordanien hat bisher etwa zwei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die 30-jährige arbeitet dort für die japanische Hilfsorganisation JEN im Zaatari Camp, dem größten Flüchtlingslager im Nahen Osten für syrische Flüchtlinge – 80.000 Menschen werden dort versorgt. „Wir kämpfen damit, dass die Ressourcen einfach nicht für alle reichen“, erzählt sie bei ihrer Präsentation. „Das fängt schon mit der Wasserversorgung an.“

Maher Abdaljaleel arbeitet ebenfalls in einem jordanischen Camp für syrische Flüchtlinge „Ich kann im Prinzip nichts im Voraus planen“, sagt er. „Ich weiß vorher nicht, wie meine Woche oder sogar mein Tag aussehen werden.“ Eigentlich ist er – zusammen mit anderen – für Bildungsangebote im Camp zuständig. „Es kann aber auch vorkommen, dass ich eine kranke Person ins Krankenhaus fahren oder dass ich mich um andere Nöte kümmern muss, die Vorrang haben“, schildert Maher Abdaljaleel seine Arbeit auf dem „Markt der Möglichkeiten“.

Maher Abdaljaleel, Teilnehmer des CrossCulture Programms (CCP) „Flucht und Migration“, im Interview

Die 13 Teilnehmer des CCP-Forums gehen sehr respektvoll miteinander um. Sie hören zu, wählen ihre Worte sehr überlegt. Die Kommunikationssprache ist Englisch – für alle eine Fremdsprache. Der respektvolle Umgang erzeugt eine sehr freundliche, fast ausgelassene Stimmung. 

Nachhaltige Lösungen in der Flüchtlingsarbeit

Nach ihrer Präsentation hat Mona Abdelbaqi Zeit für einen Ausflug zur Dachterrasse des Sharehaus Refugio im sechsten Stock. Auf dem Weg durchs Treppenhaus erzählt sie, was sie sich für ihre weitere Arbeit wünscht: „Ich möchte, dass wir für unsere Flüchtlingscamps in Jordanien nachhaltige Lösungen finden.“ Momentan arbeite sie im Zaatari Camp fast nur mit kurzfristigen Lösungen. „Aber immerhin sind die Zelte schon durch Container ersetzt worden, es geht also voran“, sagt Mona Abdelbaqi.

Im Gespräch wird schnell klar, dass sie sehr genaue Vorstellungen hat, wie die Probleme im Zaatari Camp gelöst werden könnten: „Eine gute Infrastruktur würde den Umgang mit den knappen Ressourcen enorm erleichtern. Wenn wir die Probleme mit einer langfristigen Strategie lösen, könnten viele Bereiche profitieren, nicht zuletzt auch der Umweltschutz.“

Mona Abdelbaqi arbeitet während ihres Deutschlandaufenthaltes von Mitte Oktober bis Mitte Dezember in Bremen für BORDA (Bremen Overseas Research and Development Association). BORDA entwickelt und verbreitet nachhaltige Technologien in den Bereichen Wasser, Abwasser, Energie und Abfall. Seit fast 40 Jahren hilft die Organisation so, dass Menschen weltweit Zugang zu einer grundlegenden Infrastruktur für ihr tägliches Leben haben.

Mona Abdelbaqi, Teilnehmerin des CrossCulture Programms (CCP) „Flucht und Migration“, im Interview

Mona AbdelbaqiMona Abdelbaqi hat das Gefühl, dass sie ihre Gastorganisation mit ihrem Wissen unterstützen kann und dass beide Seiten vom Austausch profitieren. Am „CCP Flucht und Migration“ gefällt ihr vor allem, dass sie sehen kann, wie in Deutschland mit der Flüchtlingskrise umgegangen wird. „Das hat meinen Horizont erweitert. Ich sehe nun noch andere Facetten der Flüchtlingskrise. Mit dieser Herausforderung besser umzugehen kann nur gelingen, wenn wir uns alle miteinander austauschen.“

Voneinander lernen und profitieren – auch über das CCP-Forum hinaus

„Wir haben bemerkt, dass der Bedarf nach Austausch unter unseren Teilnehmern enorm hoch ist“, sagt Anja Scholz. „In dieser Woche geben wir den Startschuss dafür und hoffen, dass die Stipendiaten weiterhin in Kontakt bleiben und sich intensiv austauschen – zum Beispiel über unser Alumni-Netzwerk. So wird auch der Wunsch nach einer nachhaltigen Wirkung des Projektes realisiert.“

Das Auswärtige Amt, aus dessen Mitteln das CCP finanziert wird, hat übrigens schon signalisiert, dass es im nächsten Jahr wieder einen Schwerpunkt „Flucht und Migration“ innerhalb des CrossCulture Programms geben wird. „Momentan sind wir noch im Prozess der Antragsstellung und der Antragsprüfung“, sagt Anja Scholz. „Die Ausschreibung können wir voraussichtlich im Januar oder Februar 2017 veröffentlichen.“

Für Mona Abdelbaqi hat sich die Teilnahme am Programm jedenfalls schon jetzt gelohnt. Der Wunsch nach Nachhaltigkeit in ihrer Flüchtlingsarbeit wird sich wohl erfüllen – wenigstens teilweise: Ihre Gastorganisation BORDA plant für das Frühjahr 2017 die Eröffnung eines eigenen Büros in Jordanien. Mona Abdelbaqi soll mit ihrem Fachwissen über die Region und die dortige Flüchtlingsarbeit dabei helfen. „Die Präsenz von BORDA wird sich positiv auf die Situation im Zaatari Camp auswirken“, sagt sie. „Und vielleicht ja auch ganz speziell auf meine eigene Karriere.“

Autorin: Verena Stiebinger

CCP Flucht und Migration ist eine Erweiterung des CrossCulture Programms (CCP), das vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Partnerschaft mit dem Auswärtigen Amt (AA) umgesetzt und vom AA finanziert wird. Es richtet sich an Mitarbeitende in Nichtregierungsorganisationen, Behörden und Organisationen im Bereich Flüchtlingsarbeit und Migration in den Ländern Irak, Jordanien, Libanon, Marokko, Tunesien, Türkei und Deutschland. Im kommenden Jahr wird das Programm noch auf weitere Länder ausgedehnt.

Die Förderung ist an einen berufsspezifischen Auslandsaufenthalt in Kooperation mit einer gastgebenden Organisation gebunden. Das ifa übernimmt die Organisation und Kosten des Programms.

Wer kann sich bewerben?

  • Organisationen können Mitarbeitenden eine Bewerbung nahelegen und/oder einen Stipendiaten aus dem Ausland für eine Hospitanz aufnehmen.
  • Organisationen können Kooperationspartner im Ausland über die Ausschreibung informieren und für eine Teilnahme gewinnen.
  • Personen, die beruflich und ehrenamtlich im Bereich Flüchtlingsarbeit und Migration arbeiten, können sich in Abstimmung mit ihrer Organisation bewerben und/oder diese auf die Aufnahme eines Stipendiaten ansprechen.

Sie können sich auch für das CrossCulture Programm bewerben. Das Programm ermöglicht Praktika für junge Berufstätige und freiwillig Engagierte zwischen 23 und 45 Jahren aus den beteiligten Ländern und aus Deutschland. Durch den Arbeitsaufenthalt im jeweils anderen Kulturkreis werden internationale Erfahrungen gesammelt und interkulturelle Kompetenz aufgebaut.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach der Austausch zwischen Akteuren in der Flüchtlingsarbeit über Ländergrenzen hinweg?

Ihre Meinung ist gefragt!

Welcher Meinung sind Sie? Möchten Sie etwas zum Thema Flüchtlingsarbeit beitragen? Dann werden Sie in der Community-Gruppe „Neue Perspektiven auf Migration und Entwicklung“ aktiv – dort finden Sie auch zwei weitere Video-Interviews mit Teilnehmern des CrossCulture Programms (CCP) „Flucht und Migration“. Wir sind gespannt auf Ihre Beiträge!

Community-Diskussion

Dezember 2016

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