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Megacities ohne Slums

Wo Menschen in städtischen Elendsquartieren leben müssen, fehlt der politische Wille zur Integration der Landflüchtigen. Das Schlüsselwort, damit sie menschenwürdig leben können, heißt „Planung“ oder genauer: „Stadtplanung“. Das entsprechende Know-how für Megacities ohne Slums ist vorhanden. Für den politischen Willen, es abzurufen, müssen die Menschen vor Ort selbst sorgen.

Was ist eigentlich ein Slum? Die deutsche Brockhaus-Enzyklopädie von 1973 erklärt, der Ausdruck „Slum“ sei ursprünglich eine vulgäre und abfällige Bezeichnung für ein großstädtisches Elendsquartier gewesen. Hier lebten bzw. leben Menschen unter unwürdigen Bedingungen, in schlechten Wohnverhältnissen mit noch schlechterer öffentlicher Versorgung. Hinzu kommen erbärmliche soziale Bedingungen, in denen Krankheiten und Kriminalität entstehen.

Heute wird der Begriff Slum für städtische Elendsviertel in den Industrieländern kaum mehr verwendet. Das mag auch daran liegen, dass es in Großbritannien (seit 1936) und in den USA (seit 1949) gesetzliche Grundlagen für die „Slum Clearance“ gab, eine besondere Form der Sanierung. Elendsquartiere gibt es hier zwar noch, sie werden aber nicht mehr als „Slum“ bezeichnet. Der Ausdruck „Slum“ gilt heute eher als Synonym für urbanes Elend in den Megacities von Entwicklungs- und Schwellenländern – auch wenn die Viertel dort in der jeweiligen Sprache anders heißen: „Bidonville“ zum Beispiel, „shanty town“ oder „Favelas“.

Massenbewegungen von Menschen in die Städte sind nichts Neues

Heute leben 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Im Jahr 2050, so heißt es beim Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen (UN Habitat), werden wohl 75 Prozent der Menschen weltweit in Städten leben – viele von ihnen in Slums von Metropolen und Megacities. Und zwar dann, wenn dort weiterhin neue Siedlungen und Stadtviertel „ohne den Vorteil städtischer oder nationaler Planung“ entstehen, wie es in einem Papier der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) über die Stadtentwicklung in Ägypten heißt. Man spricht dann von „informellen“ Siedlungen, in denen Menschen unter beengten Verhältnissen und unzureichender sozialer Versorgung leben. Oft haben sie kein sauberes Trinkwasser, sind ohne geregelte Abwasser- und Müllentsorgung.

Massenbewegungen von Menschen in die Städte sind eigentlich nichts Neues. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts strömten die Menschen in die Städte, in denen sich die Industrie entwickelte. Auch Deutschland hat Erfahrung mit solchen „Völkerwanderungen“: Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen innerhalb weniger Jahre etwa 14 Millionen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in den Westen in die Regionen, in denen später die Bundesrepublik Deutschland entstand. Hier waren viele Städte vom Krieg zerstört. Schon für die einheimische Bevölkerung gab es nicht genügend Wohnraum – nun kamen auch noch die Millionen aus dem Osten hinzu.

Die deutsche Politik setzte damals alles daran, die Zuwanderer zu integrieren. Der Staat bezuschusste den Bau von Wohnungen und neuen Siedlungen. Die Städte planten und entwarfen ganz neue Stadtviertel. Und obwohl das enge Zusammenleben mit den Zugewanderten für viele Menschen, die oft selbst kaum genug zum Leben hatten, nicht einfach war, geschah das „Wunder“: Die Integration gelang.

Megacities ohne Slums: Das Schlüsselwort heißt „Stadtplanung“

In Schwellen- und Entwicklungsländern zogen die Menschen aus anderen Gründen als vor fast 70 Jahren in Deutschland in die Städte. Doch auch hier gilt: Das Schlüsselwort für das Gelingen ihrer Integration heißt „Planung“. Diese braucht den politischen Willen, den wohl unvermeidbaren Strom von Menschen aus ländlichen Regionen in kleinere Metropolen und riesige Megacities zu gestalten und für deren angemessene Unterbringung zu sorgen.

Wo Menschen in Slums oder Bidonvilles oder Favelas leben müssen, ist dieser politische Wille nicht oder nicht ausreichend vorhanden. Diesen Mangel müssen die Menschen vor Ort selbst beseitigen, zum Beispiel, indem sie andere Politiker an die Macht wählen, wo dies möglich ist.

Oft scheitert eine geordnete und geplante Entwicklung neuer urbaner Siedlungen aber auch „nur“ am Geld oder dem notwendigen Know-how. Wie man privates Kapital in den Bau von Wohnungen für Arme Mieter lenkt, dafür gibt es in den zahlreichen Programmen für sozialen Wohnungsbau in Europa und Nordamerika aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg jede Menge Beispiele. Auch das Know-how zu Stadtentwicklung, Stadtplanung und Stadtmanagement ist genug vorhanden. Es muss nur abgerufen werden.

Deutschland und die Europäische Union unterstützen bereits viele Länder finanziell und fachlich bei der Entwicklung ihrer urbanen Regionen. Deutschland konzentriert sich dabei eher auf kleinere und mittlere Städte, in Asien aber auch auf solche, die mehrere Millionen Einwohner haben. Ein Lösungsansatz: Metropolregionen zu entwickeln, die vielfältige funktionale Verflechtungen über kommunale Grenzen hinweg aufweisen.

September 2012

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