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„Eine Versicherung sensibilisiert die Menschen für Wetter- und Klimarisiken“

Weltweit nehmen Dürren, Überflutungen und Stürme als Folge des Klimawandels zu. Sie bedrohen die Existenz von Millionen Menschen besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern. Klimarisikoversicherungen sollen die Risiken durch extreme Wetterereignisse reduzieren und die betroffenen Menschen damit widerstandsfähiger machen. Wer aber kann überhaupt eine solche Versicherung abschließen? Und welche Risiken sind versichert? Wir haben bei Christina Ulardic, Leiterin Business Development Environmental and Commodity Markets bei Swiss Re Corporate Solutions Ltd., nachgefragt.

Frau Ulardic, gegen welche Klimarisiken kann man eine Versicherung abschließen?

Christina Ulardic: Die Swiss Re versichert viele verschiedene wetter- und klimabezogene Risiken wie Ernteausfälle aufgrund einer Dürre. Über zwei Jahre hinweg gab es beispielsweise flächendeckende Auszahlungen in Südafrika aufgrund des El Niño-Effekts. Dabei müssen wir zunächst eines unterscheiden: Der Klimawandel ist ein langfristiger Prozess. Das Wetter – vom generellen Klima abhängig – kann sich hingegen innerhalb kürzester Zeit ändern. Für die Versicherungswirtschaft ist beides relevant. Weil Versicherungsverträge meist eine Laufzeit von einem Jahr haben, interessieren wir uns sowohl für das aktuelle Wetter – also für den in Deutschland zu nassen und warmen Winter – als auch für langfristige Klimatrends, die in Zukunft mehr Dürren hervorrufen könnten und damit das Versicherungsrisiko beeinflussen.

Richten sich Klimarisikoversicherungen also an die Landwirtschaft?

Christina Ulardic: Ja, aber nicht nur. Die Landwirtschaft ist sicherlich der wichtigste Sektor, weil sie besonders vom Klima abhängt. Aber beispielsweise auch für die Energiewirtschaft und den Tourismus sind Wetter und Klimawandel sehr wichtig: In einem warmen Winter wird weniger Heizleistung angefragt und der Umsatz der Branche sinkt. Gibt es in der Karibik mehr Hurrikane, kommen weniger Touristen. Auch andere Industrien zählen zu unseren Zielgruppen: Ein südafrikanischer Getränkeverkäufer macht zum Beispiel 80 Prozent seines Umsatzes in der warmen Jahreszeit im Dezember und Januar. Ändert sich das Klima, so dass es in diesen Monaten verstärkt regnet, wird sein Umsatz deutlich zurückgehen. 

Klimarisikoversicherungen: Wenn Wetter und Klima zur Gefahr werden

Klimarisikoversicherungen können verhindern, dass aus einem extremen Naturereignis für die Betroffenen, deren Häuser oder Felder zerstört wurden, eine existenzbedrohende Katastrophe wird. Lesen Sie, warum Klimarisikoversicherungen immer wichtiger werden und welche Argumente ihre Befürworter und Kritiker anbringen.

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Und wie erreichen Sie Ihre potenziellen Kunden, etwa einen Kleinbauern in Indien? Wie kann er sich gegen klimabedingte Ernteausfälle versichern?

Christina Ulardic: Sie dürfen nicht vergessen, dass vielen Menschen in Entwicklungsländern das Prinzip von Versicherungen als Umverteilung eines Risikos komplett fremd ist. Wer nur zwei US-Dollar am Tag verdient, hat meist noch nicht einmal eine Krankenversicherung. Wir arbeiten deshalb in Entwicklungs- und Schwellenländern mit Organisationen, Unternehmen oder anderen Akteuren zusammen, die näher an der Lebenswelt des Kleinbauern agieren. Das können Nichtregierungsorganisationen oder lokale Verkäufer von Saatgut sein. Wir finden zunächst heraus, wo der Bedarf der potenziellen Kunden ist. Dann entwickeln wir ein Versicherungsprodukt und legen seinen Preis fest. Schließlich stellen die lokalen Partner den Kunden die Versicherung vor und erklären die Details.

Wie schätzen Sie das Risiko ihrer Kunden ab?

Christina Ulardic: Da gibt es zwei Ansätze: Traditionell schauten wir uns bis vor einigen Jahren jeden einzelnen Betrieb genau an und bewerteten, wie er geführt wird und welche Schäden in welcher Höhe auftreten könnten. Das ist natürlich sehr aufwendig. In Brasilien, wo es sehr große Farmen gibt, ist das noch praktikabel, aber nicht bei Kleinbauern, die auf vielen kleinen Stücken Land im Kongo Landwirtschaft betreiben. Seit einigen Jahren nutzen wir deshalb verstärkt Satellitendaten und die Aufzeichnungen von Wetterstationen, um das Risiko für die Kunden abzuschätzen. Und oft kombinieren wir diese Methode mit der traditionellen Herangehensweise.

Führen wir diese Daten über mehrere Jahre in Statistiken zusammen, erkennen wir Muster wie etwa häufigere tropische Stürme, mehr Überschwemmungen oder längere Trockenperioden, die sich möglicherweise in Zukunft verstärkt fortsetzen werden. In der Regel können die Bauern selbst das Klima am besten einschätzen. Ich habe sieben Jahre in Afrika gearbeitet und dort keinen einzigen Bauern getroffen, der gesagt hätte, dass sich das Klima nicht ändert. Besonders viele berichten, dass das Niederschlagsmuster heute anders sei als noch vor einigen Jahren.

Was ist außerdem zu tun, um Menschen, die von wetter- und klimabedingten Risiken bedroht sind, besser zu schützen?

Christina Ulardic: Versicherungen teilen das Risiko unter allen Versicherten auf und können somit nur eine von mehreren Maßnahmen sein. Grundsätzlich gilt es als erstes, Risiken zu reduzieren, beispielsweise durch Bewässerungsmaßnahmen in trockenen Gebieten.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen und Oxfam America verfolgen mit ihrer R4 Rural Resilience Initiative genau diesen Ansatz. Die Initiative will die Resilienz kleinbäuerlicher Haushalte gegen die Folgen des Klimawandels stärken. Die Menschen sollen unter anderem die Möglichkeit erhalten, ihre Versicherung gegen Klimarisiken mit ihrer Arbeitszeit zu bezahlen. So helfen sie etwa, lokale Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel wie nachhaltige Bewässerungssysteme zu realisieren. Dadurch werden Klimarisikoversicherungen für alle zugänglich gemacht und die Kleinbauern können sich gleichzeitig daran beteiligen, die Klimarisiken in ihrem Land zu vermindern.

Die R4 Rural Resilience Initiative

Die 2011 gegründete Initiative will die verwundbare ländliche Bevölkerung in die Lage versetzen, ihre Lebensmittel- und Einkommenssicherheit trotz der Folgen des Klimawandels zu erhöhen.

  1. Risiken reduzieren (durch besseres Ressourcenmanagement)
  2. Risikotransfer (durch Versicherungen)
  3. Risiken mit Bedacht eingehen (durch Mikrofinanzierungen und die Verteilung des Haushaltseinkommens auf mehrere Quellen)
  4. Risikoreserven (durch Förderung des Sparverhaltens)

Bis Anfang 2017 erreichte die Initiative bereits mehr als 43.000 Kleinbauern in Äthiopien, Senegal, Malawi, Sambia und Kenia. Sie legten ihr Erspartes zurück, schlossen Versicherungen ab und wendeten sich alternativen Einkommensquellen zu, damit sie die Folgen von wetterbedingten Katastrophen wie extremen Dürren oder Überschwemmungen nicht zu hart treffen und ihnen nicht die Lebensgrundlage entziehen.

In den Jahren 2015 und 2016 zahlte die Initiative etwa 450.000 US-Dollar an Kleinbauern in Äthiopien, Senegal und Malawi aus, die vom El Niño-Phänomen betroffen waren.

Video: The R4 Rural Resilience Initiative

Werden die Menschen sorgloser, wenn sie versichert sind?

Christina Ulardic: Nein, jeder will einen Schaden möglichst vermeiden. Auch wenn eine Versicherung beispielsweise den Wiederaufbau eines durch ein Hochwasser beschädigtes Haus bezahlt, möchte niemand, dass sein Haus Jahr für Jahr unter Wasser steht. Die Versicherung sensibilisiert die Menschen und die Höhe der Prämie ist ein gutes Signal: Je höher der Preis, desto höher ist die Gefahr von Schäden durch Wetter- und Klimarisiken. Weiß ein Bauer um die Risiken, dann kann er sich – zusätzlich zur Versicherung – um konkrete Schutzmaßnahmen kümmern.

Community-Diskussion

Waren Sie selbst schon einmal von klimabedingten Katastrophen wie Überschwemmungen, Dürren oder tropischen Stürmen betroffen? Oder kennen Sie jemanden, der durch ein so extremes Naturereignis einen Schaden erlitten hat? Spielte der Schutz einer Versicherung dabei eine Rolle? Berichten Sie uns von diesen Erfahrungen in der Community-Gruppe „Climate Change and Related Issues“!

Zur Community

Autorin: Susanne Reiff, to the point communication

Februar 2018

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Kommentare

Odo Habeck
28. Februar 2018

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